Stellvertreterkonflikte in der Ägäis

Griechische Küstenwache vs. Gaza-Aktivisten

Der palästinensisch-israelische Konflikt um die besetzten Gebiete des mit einem Embargo versehenen Gazastreifens hat sich teilweise nach Griechenland verlegt. Das griechische Bürgerschutzministerium verbot das Ablegen von internationalen Aktivisten. Die Schiffe wurden statt beim Eindringen in israelisch kontrollierte Gewässer bereits in der Ägäis von Sicherheitskräften geentert.

Die Neuauflage der Gaza-Blockadebrecher, Gaza Flotilla II - Stay Human, hatte dieses Jahr ihr Hauptaktionszentrum in Griechenland installiert. Von dort aus wollten die Menschenrechtler ihr diesjähriges Unterfangen, Hilfsgüter in den Gazastreifen zu bringen, starten. In Griechenland ist normalerweise eine freie Seefahrt erlaubt. Jeder kann mit einem Schiff von griechischen Häfen aus jedes Ziel anfahren.

Im letzten Jahr wurde das türkische Flagschiff der Aktivisten von israelischen Einheiten blutig geentert. Daran zerbrach die israelisch-türkische Kooperation auf Regierungsebene, statt der Türken wurden die Griechen Partner Israels.

Der neue Freund des griechischen Premiers Giorgos Papandreou, der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu, intervenierte bereits frühzeitig, um eine Wiederholung des letztjährigen Dramas im Keim zu ersticken. Auch die UN und die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton versuchten, die griechische Regierung zur Intervention gegen die Hilfsflotte zu bewegen.

Um der traditionellen Freundschaft zwischen Griechen und Arabern nicht offen zu gefährden, versuchte Papandreou die Schiffe mit immer neuen Sicherheitsauflagen in griechischen Häfen festzuhalten. Die seitens der Organisatoren angeführten bürokratischen Verfahren erinnern durchaus an kafkaeske Zustände. Mal wurden technische Überprüfungen gefordert, dann wieder wurden alle Papiere der Schiffe intensiv untersucht. Nach bisher nicht aufgeklärten Sabotageakten gegen einzelne Schiffe, entdeckten griechische Prüfer technische Mängel und das Spiel ging von vorn los.

Ausgerechnet Papandreous Vater Andreas hat in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts die palästinensisch-griechischen Beziehungen intensiviert. Sprössling Giorgos geriet nun seitens der Organisatoren ins Kreuzfeuer der Kritik. Er würde Aktionen des Mossad auf griechischem Boden zulassen und somit den Gazastreifen bis nach Griechenland ausweiten.

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Vergrößern Vangelis Pissias (rechts) informiert am Freitagnachmittag im Hotel Echarxion die Presse. Bild. W. Aswestopoulos

Am Donnerstag schließlich hatte das amerikanische Aktivistenschiff für die Presse einen Tag der offenen Tür veranstaltet. Man wollte seitens der Journalisten überprüfen lassen, dass das Schiff ohne Waffen und ohne chemische Kampfstoffe unterwegs sei, hieß es in der Presseeinladung. Denn seitens der offiziellen israelisch-griechischen Kritik wurden exakt diese Vorwürfe erhoben.

Die amerikanische "Audacity of Hope", ein umgeflaggter, ehemals griechischer Küstendampfer, war bei der Presseaktion in der Tat ohne Spuren von Waffen oder des unterstellten "giftigen Schwefels". Die Besatzung bestand überwiegend aus amerikanischen Senioren. Besonders Furcht erregend sahen diese Menschen wirklich nicht aus. Die griechische Regierung bezweifelte offen die Seetüchtigkeit des kleinen Schiffes. Von den Aktivisten vorgelegte Technische Inspektionen widerlegen diese Annahme.

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Vergrößern Die amerikanische Audacity of Hope in einem Hafendock bei Perama - Piräus. Bild: W.Aswestopoulos

Am Freitag versuchte die Audacity of Hope, griechische Hohheitsgewässer zu verlassen. Gleichzeitig nahm das kanadische Aktivistenschiff "Tahir" Kurs auf Gaza. Noch Freitagnachmittag griff die griechische Küstenwache ein. Die Audacity of Hope wurde wenige Meilen vor der griechischen Küste festgesetzt, die Tahir wurde ebenfalls gestoppt. Bei der Tahir monierten die griechischen Behörden, dass die Schlafquartiere für die Besatzung nicht ausreichen würden.

In griechischen Häfen liegende weitere Schiffe der Flotte wurden von der Küstenwache blockiert, so dass Aktivisten weder von noch an Bord gehen können.

Bei einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz der Organisatoren wurden Vertreter der internationalen Presse über die aktuellen Entwicklungen informiert. Aufgeben wollen die Aktivisten nicht. Notfalls, scheint es, wollen sie erst einmal die griechische Blockade brechen und dann den erneuten Versuch starten. Juristische Schritte wurden seitens der Organisatoren bereits eingeleitet. Eine "Piraterie" erscheint aber auch im Bereich des Möglichen.

Für die internationalen Pressevertreter ergibt sich eine surreale Situation, sie pendeln zwischen dem griechischen Seehafen Piräus und dem Athener Syntagmaplatz. Einhellige Meinung ist, dass die Athener Proteste weitaus gefährlicher erscheinen als das diplomatische Hickhack um die Aktivistenflotte.

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