Strafverfahren gegen Schweizer Atomkraftwerksbetreiber

Ein Unfall, bei dem zwei Arbeiter verstrahlt wurden, war deutlich gravierender, als die Betreiber eingeräumt hatten.

Die Schweizer Atomaufsichtsbehörde hat gegen den Betreiber des Atomkraftwerks Beznau ein Strafverfahren eingeleitet. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) wirft dem Stromkonzern Axpo vor, vorsätzlich oder fahrlässig gegen das Strahlenschutzgesetz verstoßen zu haben. Denn der Unfall am 3. August, bei dem zwei Arbeiter bei Arbeiten am Block 2 verstrahlt wurden, war gravierender als bisher angenommen. Einer der Beschäftigten habe dabei eine Strahlendosis von 38 und der andere eine Dosis von 25,4 Millisievert abbekommen, bestätigte das ENSI inzwischen einen Bericht der SonntagsZeitung. Damit wurde der Grenzwert von 20 Millisievert für beruflich strahlenexponierte Personen deutlich überschritten.

Die Axpo habe den Vorfall zudem zu niedrig auf der Störfallskala eingestuft, denn tatsächlich handele es sich bei dem Vorfall um das schwerwiegendste Vorkommnis seit Jahrzehnten. Die Aufsichtsbehörde hat den Vorfall nach umfangreichen Abklärungen nun als Ines-2-Vorfall eingestuft. Die Axpo hatte am Tag nach dem Vorfall von einem Ines-1-Vorfall gesprochen. Tatsächlich handelt es sich aber um das das in punkto Strahlenschutz gravierendste Ereignis in einem Atomkraftwerk der Schweiz, seit 1992 die Ines-Skala in Kraft trat.

Der BUND für Umwelt und Naturschutz wirft den Betreibern vor, ähnlich wie in Deutschland, Unfälle gezielt herunter zu spielen. "Gerade vor dem 40 Jahre-Jubelfest" passten solche Meldungen einfach nicht ins Bild, weil "Akzeptanz für die Gefahrzeitverlängerung und für den Neubau von Atomkraftwerken" geschaffen werden soll.

Auf das Konto des ältesten Schweizer Atomkraftwerks, dem drittältesten Druckwasserreaktor der Welt, gehen im laufenden Jahr sechs von sieben bei der Aufsichtsbehörde gelistete Störfälle. Die Vorfälle seien auf beide Blöcke des Atomkraftwerks verteilt, bestätigte das ENSI. Gerade in der vergangenen Woche kam es zu einer Schnellabschaltung: "Wie bereits am 26. Oktober 2009 kam es heute um 14.33 Uhr bei der Regelung des Speisewassers im nicht nuklearen Teil von Block 2 erneut zu einer Störung. Diese führte in den Dampferzeugern zu einem zu niedrigen Wasserstand, wodurch eine automatische Schnellabschaltung des Reaktors ausgelöst wurde", heißt es in einer [http://www.ensi.ch/index.php?id=165&tx_ttnews[tt_news]=250&tx_ttnews[backPid]=1&cHash=41c87b08f7 Mitteilung der ENSI]. Der Ines-2-Vorfall und die Schnellabschaltungen ereigneten sich im Block 2, der erst 1972 ans Netz ging, also drei Jahre nach dem baugleichen Block 1.

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