Studentinnen werden von Professoren als weniger kompetente Wissenschaftler als Studenten eingestuft

Bei völlig identischen Voraussetzungen würden auch Professorinnen in den Fächern Physik, Chemie und Biologie eher Studenten als Studentinnen einstellen

Nach einer eben veröffentlichten deutschen Studie nehmen Frauen vor allem deswegen nach ihrem Studienabschluss weniger häufig eine leitende Stelle ein, weil sie häufiger ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Studium absolviert oder Kinder bekommen haben. Zu einem anderen Ergebnis kam eine in den Proceedings of the National Academy of Sciences erschienenen Studie von Wissenschaftlern der Yale-Universität, die die akademische Karriere von Wissenschaftlerinnen unter die Lupe nahm. Danach sind es die üblichen Vorurteile der Professoren und Professorinnen gegenüber Frauen in der Wissenschaft, die deren Karriere behindern oder erschweren.

Trotz einer nicht oder höchstens kaum bestehenden Geschlechterdifferenz bei Mathematik und Wissenschaften sind Frauen noch immer weniger oft in führenden akademischen Positionen vertreten. Meist wird dies wie in der deutschen Studie auf Geschlechterrollen und den Lebensstil zurückgeführt, was schließlich die These unterstützte, dass es keine Diskriminierung mehr gäbe, sondern höchstens im Hinblick auf die wissenschaftliche Karriere falsche Entscheidungen, beispielsweise für Kinder. Die Yale-Wissenschaftler, Biologen und Psychologen, sagen jedoch, dass man bislang nur Korrelationsstudien durchgeführt habe, während experimentelle Überprüfungen fehlten. Die haben sie nun im Bereich Biologie, Chemie und Physik durchgeführt.

Um zu testen, ob Mitglieder der Fakultät Studentinnen trotz gleicher Kompetenz als weniger geeignet für einen Job an der Universität halten als Studenten, wurde 127 Professoren eine Bewerbung für einen Job im Labor vorgelegt. Alle Professoren erhielten dieselben Texte, die sich nur darin unterschieden, dass sie - zufällig verteilt - von 63 Studenten und 64 Studentinnen eingereicht wurden. Die Professoren sollten die Kompetenz und Jobeignung sowie die Höhe des Gehalts und die Zeit, die sie zur Betreuung des neuen Mitarbeiters aufwenden würden, anhand verschiedener Fragebögen bewerten. Das Gehalt dient als Maßstab für die Wertschätzung und die erforderliche Betreuungszeit als Maßstab für die Kompetenz. Den Professoren wurde gesagt, die Studenten würden die Beurteilung einsehen können.

Unabhängig davon, ob es sich um Professoren oder Professorinnen handelte, wurden Studentinnen als weniger Kompetent und als weniger geeignet für die Einstellung beurteilt als der bis auf den Namen identische Student. Überdies wurden Studenten durchschnittlich 4000 US-Dollar mehr an Gehalt angeboten ($26.507.94 vs. $30.238). Und die Professoren waren auch eher bereit, den Stu-denten mehr Betreuung angedeihen zu lassen als den Studentinnen. Die Professorinnen unterschie-den sich praktisch nicht von ihren männlichen Kollegen, auch das Fach spielte keine Rolle. Da die Beurteilung unabhängig vom Geschlecht, dem Fach, dem Alter und der Stellung der Professoren und Professorinnen erfolgt, gehe die Wissenschaftler davon aus, dass diese unwillkürlich von weit verbreiteten kulturellen Stereotypen geleitet würden und nicht absichtlich Frauen benachteiligen wollten.

Grafik: Moss-Racusin et al./PNAS

Auch wenn die geschlechterspezifischen Unterschiede in der Bewertung nicht allzu groß erscheinen mögen, so die Wissenschaftler, würden die Vorurteile doch in der realen Welt zu großen Nachteilen in der Beurteilung und Behandlung von Wissenschaftlerinnen führen. Vermutlich würden diese auch weniger bestärkt und (finanziell) gefördert werden. Für die Mikrobiologieprofessorin und Studienleiterin Jo Handelsman ist dies auch ein Hinweis, dass die von Wissenschaftlern für sich beanspruchte Objektivität ihre Grenzen besitzt: "Immer wenn ich in einem Vortrag Studienergebnisse erwähnt habe, die auf ein implizites Geschlechtervorurteil bei der Einstellung hinweisen, hat unweigerlich ein Wissenschaftler gesagt, dass das in unseren Laboren nicht geschehen kann, weil wir gelernt hätten, objektiv zu sein. Ich hatte gehofft, das sie Recht gehabt hätten."