Syrien: Das Anwachsen der Flüchtlingsströme

Der UN-Flüchtlingskommissar fürchtet eine mögliche Verdreifachung der Flüchtlinge. In Raqqa hat ein selbsternannter Emir ein Gouvernement übernommen

Im Libanon sind mehr als 330.000 Flüchtlinge aus Syrien registriert. In Jordanien sind es weit über 320.000, in der Türkei über 185.000, im Irak über 100.000, in Ägypten und Nordafrika sind es mehr als 30.000. In der Summe erreichten die genauen Flüchtlingszahlen in die Nachbarländer bzw. umliegende Region eine Million, teilte der UN-Flüchtlingskommissar António Guterres mit. Dazu kämen weit mehr als zwei Millionen Binnenflüchtlinge.

Die Lage habe sich seit Anfang des Jahres verschlimmert; ungefähr 400.000 Flüchtlinge werden seit Januar gezählt, etwa jeder zweite Flüchtling ein Kind, die meisten unter elf Jahre alt. Mittlerweile sind es 8.000 Flüchtlinge täglich, im Dezember lag dieser Wert noch bei 3.000. Sollte diese "Eskalation" anhalten, würden sich die jetzt gezählten eine Million Flüchtlinge bis Ende des Jahres verdoppelt oder gar verdreifacht haben, warnte Guterres gestern. Die umliegenden Länder stoßen bei der Versorgung der Flüchtlinge und ihrer Unterbringung an ihre Grenzen; das fängt wie in Jordanien mit der Wasserversorgung hat und geht bis zur Frage, wie die Schulen die vielen Kinder unterrichten sollen.

Laut der Organisation Ärzte ohne Grenzen ist die Lage in Syrien selbst "katastrophal", weil das Gesundheitssystem, das zuvor sehr gut funktioniert habe, an vielen Stellen zusammengebrochen sei. Problematisch sei auch, dass internationale Hilfsorganisationen nur in Regionen - in Zusammenarbeit mit lokalen Vereinigungen - helfen könnten, wofür die Regierung die Erlaubnis erteilt habe. Demnach sind Gebiete, die von Rebellen kontrolliert werden, von dieser Hilfe ausgeschlossen. Die Organisation hofft darauf, dass es sich die Konfliktparteien auf Lösungen einigen können. Dass es keine politische Lösung für den Konflikt gebe, dürfe auf keinen Fall bedeuten, dass man bei der Hilfe versage.

Die politische Situation wird indessen nicht weniger kompliziert. Das Gouvernement ar-Raqqa im Norden Syriens ist an islamistische Rebellen gefallen, wie schon vergangene Woche in vielen Medienberichten zu lesen war. Ein genauerer Blick auf Umstände und Hintergründe, der im Blog Syria Comment nachzulesen ist, offenbart, dass dies entgegen der Behauptungen des neuen Gouverneurs, einem selbsternannten Emir, nicht auf die mehrheitliche Unterstützung der Bevölkerung oder der dort lebenden Stämme gründet. Die Sorge darüber, dass konfessionelle Spannungen die Lage und die Konflikte in Syrien verschärfen, wächst. Und damit auch das Misstrauen gegenüber jeder Organisation, die als mögliche politische oder militärische Agenten verdächtigt werden; man kennt solches aus dem Irak, aus Bahrein und anderen Konflikten. Für Hilfsorganisationen wird die Arbeit damit nicht leichter.