Syrisches Regime soll chemische Waffen aus den Lagern geholt haben

Während im UN-Sicherheitsrat über eine neue Resolution verhandelt wird, kommen Massenvernichtungswaffen und ein Massaker an mehr als 200 Menschen ins Spiel

Erneut ist ein Massaker in dem mehrheitlich von Sunniten bewohnten Dorf Tremseh in der umkämpften Region Hama geschehen. Vermutlich hatten sich Kämpfer der Freien Syrischen Armee in dem Dorf verbarrikadiert, das nach Angaben von Oppositionellen zunächst von Hubschraubern und Panzern aus beschossen und dann von Alawiten-Milizen gestürmt worden sei. Diese hätten dann die Menschen, überwiegend Zivilisten, einen nach dem anderen getötet und auch Fliehende erschossen. Die syrische Regierung sprach hingegen davon, dass bei Kämpfen gegen "Terroristen" viele von diesen getötet und gefangen genommen wurden.

Wenn die Angaben der Opposition stimmen und mehr als 200 Menschen bei dem Massaker getötet wurden, dann würde es sich um den schlimmsten Vorfall seit Beginn der Aufstände handeln. Wie immer schieben sich die Parteien gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Assads Rückgriff auf Milizen für die schmutzige Arbeit folgt allerdings den Vorbildern in den anderen arabischen Staaten, in denen die Regime sich oft nicht auf Polizei und Armee verlassen konnten und Banden oder Milizen vorschickten, mit denen sie nicht direkt identifiziert werden konnten. Allerdings kommt das Massaker, wenn es vom Assad-Regime begangen wurde, zu einem ungünstigen Zeitpunkt, weil gerade im UN-Sicherheitsrat über eine neue Resolution verhandelt wird. Russland, das bislang seine schützende Hand über Assad hält, könnte dadurch in Verlegenheit kommen. Gut möglich ist aber auch, dass das von Rebellen, Überläufern und Druck von außen bedrängte Regime gar nicht mehr die volle Kontrolle über Armee und Milizen hat.

Dafür könnte auch sprechen, dass nach Informationen des Wall Street Journal das Regime chemische Bomben aus den Lagern herausgeholt und an andere Orte transportiert haben soll. Die Zeitung schreibt unter Berufung auf anonyme Quellen aus der US-Regierung, die möglicherweise damit Stimmung gegen das Regime machen und Russland weiter unter Druck bringen will, eine verschärfte Resolution zu unterstützen. Eine Informant soll gesagt haben, dass dann, wenn Massenvernichtungswaffen ins Spiel kommen, dies "für unsere nationale Sicherheit ungeheuer gefährlich" wird. Syrien soll große Mengen an chemischen Waffen mit Sarin, Senfgas und Blausäure besitzen. Allerdings würde die US-Regierung wohl auf großes Misstrauen nach dem Verhalten der Vorgängerregierung gegenüber dem Hussein-Regime und dem Anlügen der Weltöffentlichkeit über dessen angebliche Massenvernichtungswaffen stoßen, sollte sie mit Verweis auf chemische Waffen für eine militärische Intervention werben wollen. Die Rebellen versuchen auch ihre Position zu stärken, indem sie ihrerseits auf Informationen verweisen, dass das Assad-Regime chemische und biologische Waffen einsatzbereit mache.

Beunruhigt wird nun gerätselt, warum die chemischen Waffen verlagert werden, sollte die Information überhaupt zutreffen. Denkbar wäre, dass Assad ähnlich wie Hussein gegen die Kurden auch chemische Waffen einsetzen könnte, um an der Macht zu bleiben oder Sunniten aus bestimmten Gebieten zu vertreiben. Damit würde sich das Regime aber wohl endgültig vollständig isolieren. Vielleicht soll auch nur die Drohung ihres Einsatzes die Anhänger der Aufständischen verunsichern, so Informanten des WSJ. Wahrscheinlicher könnte daher sein, dass das Regime die Waffen vor den Aufständischen in Sicherheit bringen will, die sie ihrerseits für Angriffe auf Volksgruppen verwenden könnten, die wie die Alawiten hinter Assad stehen. Möglich wäre aber auch, dass sie es den westlichen Staaten erschweren wollen, die Waffen zu lokalisieren. Dadurch könnte das Regime, sollte doch eine militärische Intervention geplant werden, eine Karte in der Hinterhand halten. Die Information über die chemischen Waffen könnte also einerseits die Gegner einer militärischen Intervention stärken, aber andererseits auch den Druck auf Russland erhöhen, sich von Assad abzuwenden.

Angeblich würde in der Obama-Regierung bereits geheim über die neuen Informationen beraten. Die syrische Regierung weist die Behauptung zurück, dass chemische Waffen verlagert worden sind. Nach der WSJ arbeitet das Pentagon mit dem jordanischen Militär Pläne aus, mit jordanischen Spezialeinheiten die Lagerstätten für chemische und biologische Waffen zu sichern, falls Assad stürzen sollte. Vermutet wird, dass sich die Assad-Regierung, sollte sie sich in Damaskus nicht halten können, an die Mittelmeerküste zurückziehen würde, wo die meisten Allawiten leben.