"Taolao"-Strategie lässt Chinas Börsen crashen

Obwohl die Regierung an den Notmaßnahmen festhalten will, geht der Ausverkauf weiter, was den Ölpreis bergab treibt

Es war zu erwarten, dass die vielen chinesischen Kleinsparer die leichte Kurserholung an den Börsen durch die neuen Geldflutungen der Regierung nur dazu nutzen würden, um sich danach weiter geordnet aus dem Aktienmarkt zurückzuziehen, in den sie von der Regierung gedrängt wurden. Damit versuchen die, die erst spät bei hohen Preisen eingestiegen sind, ihre Verluste zu minimieren und zu retten, was noch zu retten ist. "Taolao" (gefangen) nennt sich die Strategie, mit der sich Millionen Sparer aus den Schlingen des Aktienmarkts befreien wollen. Sie habe nun am zweiten Tag in nur einer Woche dafür gesorgt, dass der Aktienhandel komplett eingestellt werden musste.

Gerade zum Jahreswechsel wurde der neue Schutzmechanismus eingeführt und gleich am ersten Tag nach seiner Einführung musste die Reißleine gezogen werden. Am Donnerstag wiederholte sich der Vorgang am zweiten Tag in der ersten Handelswoche erneut. Der Börsenhandel wurde zunächst für 15 Minuten unterbrochen, weil der Hushen 300 Index um mehr als 5% gefallen war, der die wichtigsten Notierungen an den großen Börsen in Shanghai und Shenzhen abbildet. Der Handel wurde danach wieder aufgenommen, um ihn kurz darauf komplett für den Rest des Tages einzustellen, weil der Index erneut um mehr als 7% eingebrochen ist. Bei einem Minus von 7,32 wurde gestoppt, um den freien Fall zu vermeiden.

War es am Montag die Meldung, dass sich gegen viele Erwartungen die Industrieproduktion nicht erholt hat, sondern auch im zehnten Monat im Dezember weiter geschrumpft ist, so sorgte nun der Einkaufsmanagerindex für eine neue Panik. Der Einkaufmanagerindex ist auf 50,2 Zähler gefallen und das kann als Startschuss für den Ausverkauf gewertet werden. Denn bei 50 liegt die Grenze, an der sogar von einer Rezession ausgegangen wird. Das ist der krasse Gegensatz zum Ziel der Regierung, ein Wachstum von 6,8% zu erreichen.

Angesichts fataler Export- und Importzahlen, die die Regierung seit Monaten auch offiziell veröffentlichen muss, kann davon ausgegangen werden, dass sie wohl kaum noch an dieses Ziel glaubt. Das kann auch daran abgelesen werden, dass mit allen Mitteln versucht wird, den Export über Steuererleichterungen für Firmen und über die Abwertung der eigenen Währung zu stärken. Und so steigt China – ebenfalls wie erwartet – jetzt immer tiefer in den Währungskrieg ein. Die Notenbank (PBOC) den Mittelwert des Renminbi zum Dollar nun auf 6,5646 Yuan festgelegt. Das ist eine Abwertung um 0,5% zum Vortag und damit wurde der niedrigste Wert seit März 2011 erreicht. Schon am achten Tag in Folge wurde die Währung nun gezielt geschwächt.

Es ist klar, dass auch die Anleger in China nicht daran glauben, dass es schnell gelingen wird, die von Exporten getriebenen Wirtschaft in eine vom Binnenkonsum getriebene Volkwirtschaft zu verwandeln. Immer stärker macht sich auch im Reich der Mitte das Gefühl breit, dass es um die Wirtschaft deutlich schlechter bestellt ist, als die Planer in Peking einräumen wollen. Deshalb ist es nicht überraschend, dass nach der Stabilisierung am Dienstag und den Kursgewinnen von gut 3% am Mittwoch wieder massiv Aktien verkauft wurden.

Dass die China-Krise nur schwer zu bändigen ist, kann auch an der Entwicklung des Ölpreises abgelesen werden. Er ist am Mittwoch auf ein neues Rekordtief unter die Marke von 35 US-Dollar gefallen. Nordseeöl der Sorte Brent hatte sich erneut um 4,4% verbilligt und kostete mit 34,83 Dollar pro Barrel (159 Liter) so wenig wie zuletzt Anfang Juli 2004.

Es ist die schwache Nachfrage aus China, die den Preis weiter nach unten treibt, obwohl inzwischen die Fracking-Mengen aus den USA sinken, die vor allem für den Preisverfall seit gut einem Jahr verantwortlich waren. Dass diverse Beobachter wieder einmal Saudi Arabien für den fallen Ölpreis verantwortlich machen, ist an den Haaren herbeigezogen. So behauptet zum Beispiel die Neue Zürcher Zeitung heute, Riad flute den Ölmarkt in seinem Konflikt mit dem Iran, um "die iranischen Aspirationen im Keim ersticken". Behauptet wird: "Seit einem Jahr flutet das Land den Markt regelrecht mit Erdöl."

Offenbar, so muss man angesichts derart abstruser Argumentationen annehmen, haben die Saudis eine Glaskugel, in der sie weit in die Zukunft schauen können. Einen Beleg für die Behauptung bleibt die Zeitung ohnehin schuldig. Über Fördermengen ist nichts zu lesen. Aber vielleicht erinnern sich einige noch daran, dass vor einem Jahr an einer ganz anderen Legende gestrickt wurde. Gemäß der habe das Land einen "globalen Ölkrieg" entfacht, um der Fracking-Industrie in Nordamerika den Garaus zu machen.

Beweise wurden damals auch dafür von denen geliefert, die derlei behauptet haben. Dabei war leicht nachweisbar, dass die Saudis nicht die Förderung erhöht haben. Sie haben allerdings, gegen das Drängen aus den USA, ihre Förderung auch nicht verringert. Denn es waren die USA, die den Ölmarkt mit Fracking-Öl geflutet haben. Noch im Januar 2013 wurden dort 7 Millionen Barrel pro Tag gefördert. Der bisherige Höchststand der Produktion lag mit gut 9,6 Millionen Barrel aber Sommer 2015 und fällt erst seither langsam.

Richtig ist, dass die Konjunkturschwäche in China sich deutlich auf den Ölpreis auswirkt. Und in dem fallenden Preis wird vorweggenommen, dass demnächst der Iran auf den Ölmarkt zurückkehrt, weil die Sanktionen gegen das Land fallen. Deshalb hatten Weltbank-Experten längst einen neuen Ölpreisschock vorhergesagt. Denn der Iran könne dann täglich eine Million Barrel Öl zusätzlich auf den Weltmarkt werfen. Damit würde der Rückgang aus den USA, die seit dem Peak täglich nun etwa 400.000 Barrel weniger fördern, mehr als ausgeglichen. Also würde das ohnehin bestehende Überangebot ausgeweitet und damit erklärt sich der fallende Ölpreis viel einfacher als über abstruse Theorien von saudischen Ölkriegen.

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