The Day After

Der politische Katastrophenfilm war näher an der Realität, als lange bekannt war

Am 5.November 1983, zwei Wochen vor der Premiere des TV-Spielfilms "The Day After", ließ sich US-Präsident Ronald Reagan den Streifen vorführen. Der Spielfilm schilderte einen nuklearen Schlagabtausch aus der Perspektive einfacher US-Bürger, die in den Folgetagen mit der Strahlenkrankheit und den chaotischen Verhältnissen konfrontiert werden.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der erzkonservative Republikaner ein erstaunlich naives Verhältnis zu Atomwaffen gepflegt. Seine Berater im Pentagon waren von der Führbarkeit und Gewinnbarkeit eines Atomkriegs überzeugt gewesen, vom SDI-Programm versprach man sich eine eigene Unverwundbarkeit. Hatte Reagan vorher noch aggressiv die Sowjetunion als "Reich des Bösen" bezeichnet, mit dem keine Koexistenz möglich sei und von "Surrender" gesprochen, so soll ihn der Film seiner Schauspielerkollegen sehr nachdenklich gemacht haben.

Was Reagan damals nicht wusste, war die Tatsache, dass die Welt im November 1983 einem Nuklearkrieg näher als jemals zuvor war. Auf Stützpunkten der Roten Armee in der DDR waren zum ersten und einzigen Mal im Kalten Krieg Bomber mit scharfer Atommunition bestückt worden. Die Piloten saßen gefechtsbereit in ihren Cockpits, die Triebwerke waren aufgewärmt, um bei einem erwarteten Einsatzbefehl nach nur fünf Flugminuten ihre tödliche Fracht auf Ziele in Westdeutschland abzuwerfen. Auch die mobilen SS-20-Raketenbasen waren heimlich in den Wäldern stationiert worden. Der Kreml befürchtete damals, der Westen bereite einen nuklearen Überraschungsschlag vor, den man mindestens vergelten, vielleicht dem Gegner aber sogar zuvorkommen müsse.

Anlass für die sowjetische Nervosität war die am 2. November 1983 angelaufene NATO-Übung ABLE ARCHER 83, bei der ein atomarer Angriff auf die Staaten des Warschauer Pakts simuliert wurde. Die Übung hatte deshalb ein besonderes Gewicht, weil erstmals Staatschefs wie Reagan, Thatcher und Kohl vor Ort teilnahmen. Wie der Abhörgeheimdienst feststellte, wurden ohne plausiblen Grund kurzfristig die Codes für die Atomwaffen geändert. Zudem testete man ein neues System, mit dem das Radar der Sowjets geblendet wurde. Während ABLE ARCHER 83 simulierte man die höchste Alarmstufe DEFCON 1, wobei die Geheimdienste DEFCON 1 für echt hielten. Das Verhältnis der Supermächte war nach dem sowjetischen Abschuss der Passagiermaschine KA 007 und dem US-Überfall auf die Insel Grenada ohnehin auf dem Tiefpunkt. Aus Sicht des Kremls war ABLE ARCHER 83 die Tarnung für einen nuklearen Überraschungsangriff.

Die Sowjets waren damals vom deutschen Überraschungskrieg "Unternehmen Barbarossa" geprägt. Zudem hatten in den 1950ern und 1960ern höchste US-Generäle wie Air Force-Chef Curtis LeMay zum Teil sogar offen einen Atomkrieg gefordert. Das Pentagon hatte 1961 Präsident Kennedy einen Aufrüstungsplan angetragen, um im November 1963 die kommunistischen Staaten mit einem umfassenden Überraschungsschlag präventiv auszulöschen, bevor umgekehrt eine Zweitschlagskapazität erreicht würde. 20 Jahre später war nun das nukleare Potential hierzu vorhanden. Den greisen Präsidenten, der bereits damals an Indizien für seine später diagnostizierte Geisteskrankheit litt, trennte vom Atomkrieg kaum mehr als ein Einsatzbefehl. Wie die völkerrechtswidrige Überraschungsbesetzung von Grenada bewies, die nicht einmal seine konservative Verbündete Thatcher billigte, war Reagans Aggressivität schwer berechenbar.

Das Säbelrasseln hatte seinerzeit das KGB zu seiner größten Operation veranlasst. Im Programm RYAN bzw. RJaN waren alle Agenten aufgefordert worden, jegliches Anzeichen für einen atomaren Überraschungsangriff sofort zu melden. Dieses Programm erhöhte allerdings auch die Gefahr von Falschmeldungen. Wenige Wochen etwa zuvor war es bei der satellitengestützten Überwachung der US-Raketensilos zu einem technisch bedingten Fehlalarm gekommen, der leicht hätte eine Eigendynamik entwickeln können ( Stanislaw Petrow und das Geheimnis des roten Knopfs). Während ABLE ARCHER 83, offenbar am 8. oder 9. November, informierte der Doppelagent Oleg Gordijewski die Briten über die sowjetische Angst vor einem Überraschungsschlag. Nach neuerer Darstellung soll man zur Beruhigung der Sowjets Reagan von der Übung abgezogen und auf seine Ranch geflogen haben, um mit idyllischen TV-Bildern die Russen von dessen Friedfertigkeit zu überzeugen.

In der ZDF-Dokumentation "Welt am Abgrund" wird zudem behauptet, die USA hätten durch in der DDR aufklärende Militärbeobachter Kenntnis von der Mobilmachung auf Nuklearbasen gehabt. In den diesen Mai umfangreich veröffentlichten CIA-Dokumenten findet sich hierauf allerdings kein Hinweis. Im Gegenteil gingen Militärhistoriker lange davon aus, Gordijewski sei ein Provokateur gewesen, der Einfluss auf den Abrüstungsprozess habe nehmen wollen. Der spätere CIA-Chef und Verteidigungsminister Robert Gates kommentierte, die Arbeit der Geheimdienste hätte damals sehr zu wünschen übrig gelassen. Unter den Militärhistorikern ist jedenfalls die Ansicht verbreitet, dass der November 1983 für den Weltfrieden deutlich gefährlicher war als der Oktober 1962, als ein nuklearer Schlagabtausch aufgrund der Vorgänge in Kuba näher rückte.

Ob die idyllischen Bilder tatsächlich die sowjetischen Gemüter beruhigt haben, ist unklar. Einen gewichtigen Anteil dürfte insoweit der Doppelagent Rainer Rupp gehabt haben, der Moskau von der Harmlosigkeit der Übung zu überzeugen versuchte, indem er möglichst umfangreich im NATO-Hauptquartier verfügbares Material lieferte. Damit waren es zwei Doppelagenten, welche die kommunikative Unfähigkeit der Supermächte kompensierten.

Reagan jedenfalls hielt er an seiner Stationierung der Pershing II fest, welche die Vorwarnzeit nochmals dramatisch verkürzte – das dümmste Signal, das man in dieser Situation hätte senden können. Das Verhältnis der USA zur Bombe war damals noch erstaunlich naiv. Erst seit wenigen Jahren hatten Wissenschaftler als Folge eines Atomkriegs einen Nuklearen Winter diskutiert. Noch in den 1960er Jahren waren Militärs davon ausgegangen, dass ein globaler Fallout nach zwei Wochen abgeregnet sei, die man hätte im Bunker oder Keller verbringen können.

Das Pentagon, das traditionell zu Propaganda-Zwecken Filmproduktionen mit Material und Personal versorgt, lehnte eine Unterstützung von The Day After ab, angeblich soll man sogar gegen den Film intrigiert haben. Im Schnittraum und im Sender wurde ungewöhnlich heftig über die Endfassung gestritten. Regisseur Nicholas Meyer musste um einzelne Szenen kämpfen und verließ zwischenzeitlich sogar das Projekt.

Die Bedenken und Streitigkeiten verzögerten die Ausstrahlung um mindestens ein halbes Jahr. Auch der Generalstab erhielt ein Screening. Die Militärs sollen anschließend versteinert gewesen sein, weil sie die Wirkung der Bilder zutreffend einschätzten. Die patriotische New York Post kritisierte Meyer als "Verräter", der Sender habe 7 Millionen Dollar ausgegeben, um das Land zu entwaffnen. Auf Reagan scheint der Film einen starken Eindruck gemacht haben. In seiner Autobiographie sprach Reagan sogar davon, der Film habe ihn deprimiert. Jedenfalls fuhr er seine aggressive Rhetorik deutlich zurück, Jahre später folgten die Abrüstungsgespräche.

Am 20.November 1983 wurde "The Day After" im TV gezeigt und war der bis dahin erfolgreichste TV-Film überhaupt.

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