Tödliche Waldbrände mit Ansage in Portugal

Ausschnitt aus dem Cover der Zeitung Publico

Mindestens 64 Menschen haben bisher das Leben in einem Land verloren, das Brände eigentlich gewohnt ist

Portugal steht unter Schock. Das Land trauert um mindestens 64 Menschen, die bisher in den verheerenden Bränden im Zentrum des Landes ums Leben gekommen sind. Und diese Zahl kann noch weiter steigen. Noch immer werden Menschen vermisst, sind Dörfer eingeschlossen und einige der mehr als 130 Verletzten haben schwere Verbrennungen erlitten. Der sozialistische Regierungschef António Costa hat eine dreitägige Staatstrauer angeordnet und spricht von einer "dramatischen Situation" vor allem im Umfeld der Kleinstadt Pedrogao Grande, die knapp 200 Kilometer nordöstlich von Lissabon liegt.

Dort, so erklärte der Chef des Zivilschutzes Elísio Oliveira, sei die Lage weiter "besorgniserregend", denn noch immer wüteten vier unkontrollierte Brandfronten. Die Brandbekämpfung entwickle sich trotz der "ungünstigen Witterungsbedingungen" insgesamt aber positiv. Portugal erleidet derzeit - wie die gesamte Iberische Halbinsel - eine ungewöhnlich frühe und starke Hitzewelle mit Temperaturen von fast 40 Grad, zu denen sich heftiger Wind gesellt. Der hat die rasende Ausbreitung der Flammen am Samstag vorangetrieben. Dichter Rauch hat die Löscharbeiten auch am Montag weiter behindert. Löschflugzeuge konnten bisweilen deshalb nicht eingesetzt werden. Auch aus Spanien, Italien und Frankreich sind sechs Flugzeuge nach Portugal verlegt worden. Nationalstraßen und Autobahnen waren in den Distrikten Coimbra, Leiria, Castelo Branco und Viseu weiterhin zeitweise gesperrt.

Obwohl Portugal in Brandsommern schon einiges erlebt hat, spricht der Regierungschef von einer "nicht vergleichbaren" und "einzigartigen Situation". Costa kündigte lückenlose Aufklärung an. "Das Land hat das Recht zu erfahren, wie es zu dieser Tragödie gekommen ist."

Er appellierte an die Bewohner in den Brandgebieten, den Anweisungen zur Evakuierung zu folgen. Allerdings sind mit 47 Menschen die Mehrzahl auf Flucht vor den Flammen auf der Nationalstraße 236 in ihren Autos zwischen Figueiró dos Vinhos und Castanheira de Pera verbrannt, da der Wind plötzlich die Richtung gewechselt haben soll. Ihr Fluchtweg habe sich deshalb in eine tödliche Falle verwandelt. Ein gutes Dutzend verkohlter Fahrzeuge sind auf dieser Straße mit Leichen gefunden worden.

Der Zivilschutz geht davon aus, dass ein Blitz eines Trockengewitters den Brand ausgelöst hat. Danach hätten sich Brände durch drehende Winde schnell in verschiedene Richtungen ausgebreitet. Das haben Augenzeugen bestätigt, die auch überrascht wurden und nur durch ein "Wunder" am Leben geblieben seien, wie der Brite Gareth Roberts, der seit vier Jahren in Portugal lebt und von einer Familie gerettet wurde.

Für Beobachter handelt es sich um eine Tragödie mit Ansage. So fragt die große Zeitung Público, was schief gelaufen sei: "Alles, wie seit Jahrzehnten", gibt sie auch gleich eine Antwort. Der Wald habe sich in ein "riesiges Pulverfass" verwandelt. So spricht der Experte Paulo Fernandes, Forscher an der Universität Trás-os-Montes, von einem "Totalausfall". Er hatte vor Jahren schon kritisiert, dass zu wenig Geld für Prävention und Brandbekämpfung ausgegeben werde und sogar Spezialeinheiten aufgelöst worden seien.

Titelblatt der Zeitung Publico vom 19. Juni.

Es gibt diverse Faktoren, die Brände begünstigen und sich gegenseitig verstärken. Da sind die massiven Klimaveränderungen, die die Iberische Halbinsel längst besonders hart treffen. Zu Trockenheit und extremen Temperaturen kommen aber auch Monokulturen aus Eukalyptus und Fichte für die Papierindustrie hinzu. Und diese Bäume brennen bei Trockenheit wie Zunder. Vor vier Jahren hatte die konservative Vorgängerregierung den Anbau von Monokulturen sogar noch weiter erleichtert und auch auf kleinen Flächen ermöglicht, obwohl das Land von Brandsommer zu Brandsommer eilt.

Das Gemisch wurde auch darüber immer explosiver, da in Austeritätsjahren unter den Konservativen vor allem an Prävention gespart wurde. Unter anderem hat sich viel Unterholz angehäuft. Das dient als Brandbeschleuniger und somit ist klar, warum sich die Brände sehr schnell ausbreiten können und zudem dann noch schwerer zu bekämpfen sind. Waren es früher oft viele kleine Brände, so nimmt seit Jahren wegen dieser Situation die Zahl der Großbrände auf der gesamten Iberischen Halbinsel zu.

Die Versäumnisse in Portugal auf allen Ebenen gehen gut fünf Jahrzehnte zurück, meint auch der Experte vom Agrarinstitut José Miguel Cardoso Pereira. Man sei stets auf einen unmittelbaren Vorgang fokussiert, mahnt er endlich einen langfristigen Blick aus Prävention, Waldbewirtschaftung und Brandbekämpfung an. Zwar ist die sozialistische Regierung erst vor 18 Monaten an die Macht gekommen und hat die Austeritätspolitik der Vorgänger aufgekündigt – und ist dabei erfolgreich -, doch wird noch viel zu wenig zur Brandbekämpfung getan.

Aus dem extremen Brand-August im vergangenen Jahr wurden keine Konsequenzen gezogen. Es ist klar, dass die neue Regierung in 18 Monaten nicht alle Versäumnisse von Jahrzehnten rückgängig machen kann, doch nun muss schleunigst an einem umfassenden Plan gearbeitet werden, wie ihn die Experten seit Jahren fordern.

Dazu gehört auch die Frage, ob Waldbesitzer enteignet werden müssen, die nicht ausreichend vorsorgen. In den entlegenen Regionen sind es oft alte Menschen, die hier verblieben sind und Wald besitzen. Sie können oft schon wegen des oft hohen Alters kaum Vorsorge treffen. Zwar ist Portugal (noch) zu fast 40% von Wald bedeckt, doch der ist fast ausschließlich in privaten Händen. Nur etwa 3% befinden sich in Staatshand. Die Bewirtschaftung wurde von den Besitzern in der Krise vor allem auf Ertrag ausgerichtet, Monokulturen für die Papierindustrie verstärkt und die Brand-Prävention noch stärker vernachlässigt.

Das muss sich schleunigst ändern, auch um das Land vor einer verstärkten Desertifikation zu schützen, die im Nachbarland Spanien längst Urstände feiert. Greenpeace hatte schon vor fast 10 Jahren eine umfassende Studie vorgelegt und der Iberischen Halbinsel eine "Zukunft inFlammen" prognostiziert, sollte nicht massiv gegengesteuert werden.

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