"Töte zuerst, dann schneide ab, was immer Du willst..."

Berichterstatter aus der Hölle der Zukunft: Gianfranco Rosi hat einen mexikanischen Drogengangster getroffen

Was der Mann erzählt, ist unvorstellbar. Er weiß es selber: "There are forms of interrogation, you cannot imagine..." Etwa jene 70 Menschen, die nacheinander - "they got a very special treatment" - in einer dafür eigens hergestellten Anlage bei lebendigem Leib langsam gekocht wurden. Man zog sie immer heraus, wenn sie ohnmächtig wurden, schnitt die gekochte Körperteile ab, belebte sie wieder und begann von Neuem, bis sie tot waren. Oder jenes Verfahren, bei dem der Gefangene nackt ausgezogen wird. Man legt dem Gefesselten ein Bettlaken über die Haut. Dann gießt man Benzin darüber, oder, wenn gerade keines zur Hand ist, Alkohol. Dann zündet man es an. Nach ein paar Sekunden zieht man das Laken weg. "Dabei gehen drei Schichten Haut mit", erzählt der Mann: "Dann gießt man Alkohol drauf...."

"No hay limites", es gibt keine Grenzen, erzählt der Mann. Er ist mit einem schwarzen Tuch über dem Gesicht maskiert, und das hat auch seinen guten Grund: Denn auf seinen Kopf hat das Drogenkartell von Juárez ein Kopfgeld von 250.000 US-Dollar ausgesetzt. Er sitzt den ganzen Film über in einem Zimmer in einem Motel im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet und redet. In dem Zimmer, darum hat er es als Treffpunkt vorgeschlagen, hielt er einst einen gekidnappten Mann drei Tage lang gefangen.

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Vergrößern Bild: Les Films d'Ici

Trotzdem man weiter nichts sieht, ist "El Sicario - room 164" vom italienischen Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi, der soeben bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere hatte, ein unglaublich spannender Film. Das liegt zum einen an dem Mann, dem Sicario selbst. Er ist offenkundig recht intelligent, sehr selbstreflektiert, er ist ein guter, plastischer Erzähler, drückt sich knapp und klar und dabei eloquent aus. Vor allem aber sind da seine Hände. Feine, zur Hand hin dicker werdende Finger, die keine Spur von den Dingen tragen, die sie getan haben. Sie sind das einzige, was man direkt von seinem Körper sieht. In der linken Hand hält er einen gebundenen Zeichenblock und in der rechten einen braunen Filzstift. Mit ihm zeichnet er fast ununterbrochen, ergänzt und illustriert, was er gerade erzählt. Es sind sehr klare, einfache, trotzdem sprechende Zeichnungen, eine ganz eigene dritte, auch originelle Ebene in diesem Film.

Der Sicario, wie wir ihn nennen wollen, wie ihn auch Rosi nennt, der seinen wahren Namen nicht kennt, nicht kennen will, hat Hunderte von Menschen getötet. Er erzählt davon, wie auch von den Menschen, die er gefoltert und entführt hat. Er sagt Sätze wie "Its ugly to see a woman tortured." oder "First kill them, then cut of, whatever you want." Damit es nicht blutet. Und er beschreibt, wie das Drogenkartell durch die Art, in der eine Leiche irgendwo abgelegt wird, Botschaften überbringt: "Gesicht nach oben, oder nach unten, einen Finger in den Mund, oder im Arsch; die Augen herausgeschnitten, oder die Zunge..."

Gangster- und Mafialeben, dem Glamour und Mythos entzogen werden

Trotz solcher und vieler anderer Erzählungen ist einem dieser Mann - es lässt sich gar nicht anders sagen - sympathisch. Der Sicario ist keineswegs ein Sadist, er genießt nicht, was er getan hat, oder davon nun zu erzählen. Eher redet er sich etwas von der Seele. Man hört manchmal seinen schweren Atem, man bemerkt die Veränderungen seiner Stimme, man sieht an den Händen, was in ihm vorgeht. Er ist ein Berichterstatter aus der Hölle, der real existierenden unser Zeit.

Man kann natürlich sagen: Kafka trifft de Sade in diesen Erzählungen, die einen tatsächlich an Kafkas Kurzgeschichte über die Strafkolonie denken lassen. Aber das, was diese Geständnisse in ihrem Wahnsinn zu einem sensationellen Dokument macht, ist nicht ihr poetischer Gehalt, nicht der Abgrund an Phantastik, nicht die gelegentlichen surrealen Momente. Es sind die Tatsachen und die Nüchternheit, mit der sie präsentiert werden, die Nüchternheit, mit der hier das Gangster- und Mafialeben in seiner ganzen Faktizität vor uns entfaltet wird, in der ihm aller Glamour und alle Mythen entzogen werden, und es - vielleicht zum allerersten Mal im Kino - quasi in seiner kristallinen Substanz sichtbar wird.

Das eigentlich Sensationelle ist nicht die perverse Poesie der Leichenzeichensprache, es ist nicht das Theater der Grausamkeit der Foltermethoden, deren Realität wir uns, wie eingangs gesagt, eben doch nie wirklich vorstellen können, und die deswegen doch immer wieder ins Phantastische, Literarische, in die Kunst abgleiten in unserem Hirn. Das eigentlich Sensationelle sind die nackten Fakten und die nackten Zahlen: Dass von 300 bis 400 Kidnapping-Opfern pro Jahr in Mexiko nur 20 überleben. Dass die Informanten der US-Drogenbehörde ein Microchip-Implant in ihrem Körper tragen, damit man ihre Leiche besser und schneller finden kann.

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Vergrößern Bild: Les Films d'Ici

Dass von 200 mexikanischen Polizisten 50 bereits zu Beginn ihrer Laufbahn Mitglieder des Kartells sind. Dass die "Polizei-Akademien" Trainingslager für die Angestellten der Kartells sind. Alles, was man für das Geschäft braucht, bekommt man beigebracht: Wiedererkennen von Gesichtern, Verfolgen von Fahrzeugen, Entschlüsseln von Nummernschildern, Schießen...". Dass das Kartell ein arbeitsteiliger Expertenbetrieb ist. Für alles gibt es Spezialisten: Exekution, Leichenbeseitigung, Überwachen der Überwacher, Überwachen der "sicheren Häuser"....

"Man braucht Courage, Erfahrung, Nerven aus Stahl", sagt der Sicario. Der US-Journalist Charles Bowden, der den Sicario entdeckt hat, und auf dessen Artikel in "Harpers Magazine" der Film zurückgeht, sagt im Gespräch: "Die Welt unserer Zukunft sieht Juárez viel ähnlicher als Berlin oder New York."

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