Tony Blair verkauft bald Handtaschen

Ein weiter Weg nach vorne: Der frühere britische Premier soll Berater bei einem französischen Luxusartikel-Konzern werden

Mitte der 1990er Jahre galt Tony Bair nicht nur als große Hoffnung der britischen Arbeiterpartei, sondern auch für den Aufbruch der kontinentalen Sozialdemokratie zu neuen Ufern. Gerhard Schröder ließ sich vom Dritten Weg Blairs, der die sozialistische Bewegung näher ans Arbeitgeberlager und Industriegrößen führte, inspirieren: Zusammen verfassten sie ein gemeinsames Papier unter dem Titel "Der Weg nach vorne für Europas Sozialdemokraten".

Schröder machte vor, wie man den Abschied von der politischen Macht verschönern kann und ließ sich auf dem Chefsessel im Aufsichtsrat der "North European Gas Pipeline Company" (NEGP) nieder. Ein gut bezahlter Posten mit der mächtigen Gazprom im Hintergrund, der dem Lebenslauf des Hartz-Kanzlers eine hübsche Karriere hinzufügte. Aus armen Verhältnissen zum Bundeskanzler und anschließend Aufsichtsratsvorsitzender - das nennt man "arriviert". Wie die FAZ kürzlich schilderte, verharrten Kunden in einer Hannoveraner Bäckerei in ehrfürchtigem Schweigen, als der missgelaunte Altkanzler in "feiner Wolle" nicht das Brot bekam, das er wollte. Keiner aus den "plebejischen Reihen" der Anstehenden wagte es, den Mann anzusprechen.

In jenen Geschäften, die sich Tony Blair nun anschickt, mit Beraterdiensten zur Verfügung zu stehen, herrscht auch öfter Schweigen - allerdings kein Schweigen aus Ehrfurcht vor VIPs, die dort alltäglich sind, sondern eins, das die angebotenen Luxuswaren dezent gebieten: Nach Informationen der britischen Tageszeitung Telegraph wird der ehemalige Labour-Führer demnächst einen Beraterjob beim französischen Luxusmarkenkonzern LVMH antreten. Man sei in Verhandlungen, wird aus dem engeren Kreis um Blair bestätigt, eine Vertragsunterschrift stehe allerdings noch aus.

Der Konzern, der Luxusgepäck von Louis Vuitton, Moet-Champagner und Cognac von Henessy offeriert, wird von einem der reichsten Männer Frankreichs, Bernard Arnault, geleitet. Mit diesem Mann verbindet Blair eine langjährige Freundschaft, die immer wieder für Schlagzeilen sorgte, berichtet das französische Nachrichtenmagazin Nouvel Observateur. So etwa als sich die Blairs nach seinem Rücktritt als Premierminister auf der Jacht Arnaults erholten und seine Kinder bei ihren Ausbildungsaufenthalten in Paris von der Arnaultschen Gastgeberschaft profitierten. Seit der Amtsübergabe Blairs an seinen Nachfolger Brown vor zwei Jahren soll der frühere Premierminister geschätzte 15 Millionen Pfund verdient haben.

Blair kassiert nicht nur wie andere ehemalige Regierungschefs auch Millionen für Vorträge - bis zu 6.000 Pfund die Minute -, als Berater für Mubadala, JP Morgan, Zurich Financial Services und der kuwaitischen Regierung soll er jährlich mindestens 6 Millionen Pfund einstreichen (siehe Tony Blair und das irakische Öl).

Als Blair vor einem Jahrzehnt noch eine Labour-Leuchtfigur war, zeigte ihn ein TV-Porträt in einer Pariser Brasserie, wo er begeistert von seinen jungen Lehrjahren in der Metropole der feinen Lebensart sprach. Jetzt ist er in der Pariser Beletage gelandet - als Meister einer Lebenskunst, die böse Zungen früher Salon-Sozialismus nannten.

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