Transparency Index für wissenschaftliche Journale

Empfehlungen für vertrauenswürdiges und transparentes Publizieren in der Wissenschaft

Vertreter der Open Science fordern und praktizieren offenen Zugang zu allen im Forschungszyklus anfallenden Ergebnissen und Prozessen. Die Offenheit, die ihnen vorschwebt, orientiert sich an den Vorgaben der Open-Source-Bewegung, die durch die Open Definition für Wissensgegenstände prinzipiell jeder Art generalisiert werden.

Ergebnisse und Zwischenergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit offenzulegen ist das eine, Transparenz das andere. Zwar implizieren viele Bausteine der Open Science auch eine größere Transparenz, etwa wenn Open Review als Gegenstück der meist geheimnistuerischen klassischen Peer Review propagiert wird, eine offene Begutachtung von Forschungsanträgen verlangt wird oder nicht nur eine öffentliche Zugänglichkeit von Daten und Texten, sondern auch der Interpretationen der Daten angestrebt wird. Manifestieren sich die Erkenntnisse der Forschungen in Texten, verlassen sie den eigentlichen, unmittelbaren Forschungszyklus und werden zur wissenschaftlichen Publikation – womit sie im Verlagswesen häufig den Sektor der Offenheit und Transparenz verlassen.

Adam Marcus und Ivan Oransky betreiben seit zwei Jahren das Blog Retraction Watch, das Wissenschaftler über in wissenschaftlichen Journalen publizierte, dann aber zurückgezogene Artikel informiert. Für solche Rückzüge oder eben Retractions gibt es zahlreiche Gründe, wie etwa Plagiarismus, Datenfälschungen oder nachgewiesene methodische Fehler. Da jede Retraction Zweifel an der Qualitätskontrolle der Journale aufwirft, sind deren Herausgeber oft zögerlich im Zurückziehen beanstandeter Artikel. Greift man dennoch zur Retraction, erfolgt diese eher im Verborgenen, um den Ruf des Verlages nicht zu beschädigen. Aufgrund dieser Taktik sind zurückgezogene Artikel oft auch noch weiterhin Teil des wissenschaftlichen Diskurses, denn sie wurden bereits rezipiert und zitiert, ausgedruckt oder finden sich in privaten Volltextsammlungen oder Literaturverwaltungen. Um diesem Missstand entgegenzuwirken, dokumentiert Retraction Watch zurückgezogene Artikel und schließt damit eine echte Lücke, denn bei kostpflichtigen Datenbanken wie dem Web of Science hat der Nachweis von Retractions anscheinend nicht unbedingt höchste Priorität.

Im Scientist fordern Marcus und Oransky nun [http://the-scientist.com/2012/08/01/bring-on-the-transparency-index] "Bring On the Transparency Index"] und machen Vorschläge für ein transparentes wissenschaftliches Publizieren. Ausgehend von Ferric Fangs und Arturo Casadevalls Idee des Retraction Index, der Aufschluss über den Anteil der Retractions pro 1.000 publizierte Artikel eines Journals gibt, stellen Marcus und Oransky Überlegungen zur Ausgestaltung eines Transparency Index für wissenschaftliche Journale an. K

omponenten des Indexes könnten den Autoren zufolge exakte Angaben zur Review-Prozedur sein, die unter anderem über deren Modus (single blind/ double blind), Qualifikation und Anzahl der Reviewer und die voraussichtliche Dauer der Review aufklären. Zusätzlich fordern sie eine offene und korrekte Liste der Mitglieder des Editorial Boards, Angaben zur Offenlegung von und zum Umgang mit Interessenskonflikten, verfügbare Kontaktdaten des Editors-in-Chief und Informationen über Abo- und Artikel-Preise , die Leser und subskribierende Bibliotheken entrichten müssen.

Zudem soll der Index erfassen, ob die Journal Policy besagt, dass den Artikeln zugrundeliegende Forschungsdaten offen zugänglich gemacht werden sollen und ob das Journal Plagiatserkennung betreibt sowie Grafiken auf Manipulation prüft. Bemerkenswert auch die Berücksichtigung des Umgangs mit dem Journal bekanntgewordenen Vorwürfen der Manipulation oder Täuschung in einem Artikel, auch wenn diese via anonym vorgetragen werden. Und schließlich soll der Index auch einbeziehen, ob und wie deutlich Retractions und Corrections (sprich nachträgliche Ausbesserungen publizierter Artikel) öffentlich kenntlich gemacht werden.

Selbst wenn die Vorschläge von Marcus und Oransky experimentell sind, könnte ein solcher Index zweifelsohne die Qualität eines Journals beschreiben, auch wenn er sich deutlich vom umstrittenen Journal Impact Factor abhebt. Während dieser auf Zitationsraten wissenschaftlicher Journale basiert und eher Popularität beschreibt, könnte ein Transparency Index ein Maß für Vertrauenswürdigkeit sein und damit eines echten Gütekriteriums wissenschaftlicher Arbeit.

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