Türkei: Wir publizieren weiter

Offener Brief des linken türkischen Verlags Evrensel, dessen Zeitschriften im Zuge der Notstandsdekrete am 30. Oktober gedschlossen wurden

Liebe Freunde, liebe Kollegen,

wie bekannt, hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan eine Woche nach dem gescheiterten Putsch am 15. Juli in der Türkei den Ausnahmezustand verhängt. Der Ausnahmezustand ermächtigt den türkischen Ministerrat, Notstands-Dekrete zu erlassen. Ministerpräsident Binali Yildirim hatte bezüglich des Ausnahmezustandes der am 22. Juli ausgesprochen wurde versichert, dass die Notstands-Dekrete nur die Putschisten betrifft und sonst niemand antidemokratischen Handlungen ausgesetzt sein wird. Doch seit Mitte Juli wird die Türkei per Notstands-Dekrete durch den Mund Erdogans regiert, das Grundgesetz ist de facto suspendiert.

In den letzten 4 Monaten sind dutzende Fernsehsender, Zeitungen, Radios, Nachrichtenagenturen und Verlage verboten worden. Hunderte Journalisten sind festgenommen, verhaftet und ihre offiziell anerkannten "gelbe Presseausweise" annulliert worden, gleichzeitig haben sie Ausreiseverbot bekommen. Zudem sind bekannte Autorinnen bzw. Wissenschaftlerinnen wie Aslı Erdogan und Necmiye Alpay, die sich für Frieden und Demokratie einsetzen, in Haft genommen worden. Gerüchte über Misshandlung und Folter in den Gefängnissen breiten sich aus. Alle diese Geschehen werden weder anhand irgendwelcher handfesten Beweise oder durch transparente gesetzlicher Vorgänge durchgeführt, sondern anhand willkürlicher Anschuldigungen von angeblichem "Bezug zu Putschisten und terroristischen Organisationen".

Zuletzt wurde durch ein am 29. Oktober im Staatsblatt erschienen Notstands-Dekret neben 2 Nachrichtenagenturen und 10 Zeitungen drei Zeitschriften verboten und geschlossen. Die per Notstands-Dekret geschlossenen drei Periodika - die Kultur- und Kunstzeitschrift Evrensel Kültür und die Theorie- und Politikzeitschrift Özgürlük Dünyası, die beide seit 25 Jahren ununterbrochen erscheinen, und die seit 13 Jahren erscheinende türkisch-kurdisch zweisprachige Kultur- und Politikzeitschrift Tiroj - sind Publikationen der Firma Doğa Basın Yayın, der auch unser Verlag Evrensel BasımYayın angehört.

Am 30. Oktober ist das Büro der genannten Zeitschriften von Spezialeinheiten und von mit einem Panzerfahrzeug unterstützten Regierungsbeamten versiegelt worden. Alle Bankkonten und Vermögen der Firma wurden blockiert. Somit ist die Buchverlagstätigkeit von unserem Verlag auf ungesetzliche und willkürliche Weise de facto lahmgelegt worden.

Unser 1988 gegründeter Verlag hat bis heute von Belleristik bis Sach- und Kinderbuch in verschiedenen Bereichen über 700 Bücher herausgebracht. Wir pflegen mit angesehenen Verlagen in verschiedenen Ländern gegenseitige geschäftliche Beziehungen, sind regelmäßiger Teilnehmer der wichtigsten internationalen Veranstaltungen der Verlagswelt wie der Frankfurter Buchmesse oder der Kinderbuchmesse von Bologna. Aber jetzt steht unsere ganze Verlagstätigkeit unter Gefahr.

Wir opponieren gegen den Ausnahmezustand und die damit verbundenen antidemokratischen Vorgehen und Ausführungen. Wir möchten, dass unsere Meinungs- und Redefreiheit gewährleistet wird. Es ist die Aufgabe der Verleger, Meinungen und Träume zu verbreiten; wir wollen unseren Beruf ohne Repressalien und Drohungen ausüben.

Trotz aller Unterdrückung, Nötigungen und Zwang; wir sind an unserer Arbeit, wir machen weiter!

Euch liebe Freunde rufen wir zur Solidarisierung mit uns auf.

Evrensel Publishig House
Fulya Alikoc falikoc@evrenselbasim.com (English)
Olcay Geridonmez ogeridonmez@evrenselbasim.com (German)
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