Tunis: Erwartungen übertroffen

Weltsozialforum schließt mit positiver Bilanz ab

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Vergrößern „Er muss zerstört werden.“ Die tunesische „Union der Arbeitslosen mit Diplom“ fordert die Abschaffung des Kapitalismus.Bild: wop

Am Samstag ist in Tunis das Weltsozialforum zu Ende gegangen. Rund 60.000 Teilnehmer aus 135 Ländern waren gekommen, die große Mehrheit von ihnen aus den arabischen Ländern. Über 80 Prozent waren Einheimische. Seit Montag vergangener Woche hatte man in über 1000 Workshops über Klimawandel, Arbeitslosigkeit, Frauenrechte, Gewerkschaftsarbeit, Finanzkrise, Entwicklungspolitik, Wasserprivatisierung, Palästina, die Westsahara, Europas mörderisches Grenzregime, Bildungspolitik, zerstörerische Tagebaue, unsinnige Großprojekte wie Stuttgart 21 und vieles mehr gesprochen.

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Vergrößern Der am 6. Februar vermutlich von Salafisten oder anderen Islamisten ermordete Rechtsanwalt und populäre Marxist Choukri Belaïd war immer wieder auf Fotos, Ansteckern und Plakaten zu sehen.Bild: wop

Chico Whitaker, brasilianischer Linkskatholik und Mitbegründer des Weltsozialforums (WSF), sprach gegenüber Telepolis von einem "sehr großen Erfolg". Vor allem die große Beteiligung vieler junger Tunesier sei sehr gut gewesen. Dass sei nicht immer so gewesen. Beim Weltsozialforum 2007 in Nairobi, Kenia, habe es zum Beispiel anders als bei den Foren in Indien un Brasilien nur sehr wenig einheimische Beteiligung gegeben.

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Vergrößern ATTAC Marokko, dahinter ein Transparent des Netzwerks für die Annullierung der Schulden der Dritten Welt CADTM.Bild: wop

Für gewöhnlich habe das Forum einen großen Einfluss auf die jeweilige Region und dass sei auch dieses Mal so gewesen. Das WSF habe eine Botschaft der Toleranz, des Respekts für die Vielfalt der Gesellschaft, für Gewaltfreiheit und der Ablehnung autoritärer Lösungen. Das Forum dürfe nicht mit einer Bewegung verwechselt werden. Es sei vielmehr ein Raum für Bewegungen, Organisationen und Menschen, von einander zu lernen und gemeinsame Anliegen zu besprechen. Und jedes Mal gebe es etwas Neues. Auf dem Weltsozialforum 2004 in Mumbai, Indien, sie zum Beispiel die Beteiligung der Dalits, der am Rande der Gesellschaft lebenden Ureinwohner, sehr wichtig gewesen.

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Vergrößern Japaner sammelten Unterschriften aus aller Welt gegen die Abschaffung des Artikel 9 ihrer Verfassung. In diesem schwört das japanische Volk dem Krieg und der Drohung mit militärischen Mitteln ab.Bild: wop

Cherbib Mouhieddine vom tunesischen Organisationskomitee sprach davon, dass das WSF alle Erwartungen übertroffen habe. Tunesien habe in diesen Tagen gefeiert und die Freude sei zurückgekehrt. Auch politisch sei das WSF ein Erfolg gewesen. Migranten, Bauern, Bergleute aus den Phosphatmine, afrikanische Flüchtlinge aus Libyen (Siehe Foto), Gewerkschafter, Bauern und Studenten hätten sich an den Veranstaltungen beteiligt. Die Aufmerksamkeit der Medien sei sehr groß gewesen, auch in vielen anderen Ländern.

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Die Palästinensische Flagge. Die Situation in Palästina und das Leid der dortigen Bevölkerung war Thema in zahlreichen Diskussionen.

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Ebenfalls auf dem Forum präsent waren Vertreter der Sahauris, das heißt, der Bewohner der Westsahara, die von Marokko weitgehend besetzt ist. Wiederholt wurden sie von regierungsnahen Marokkanern angefeindet.

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In Athen wird Anfang Juni ein sogenannter Gegengipfel – Altersummit – stattfinden, auf dem sich Gewerkschaften und soziale Bewegungen aus der EU auf eine gemeinsame Kampagne gegen die zerstörerische Sparpolitik einigen wollen, die mit der Euro-Krise immer weiter um sich greift.

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In Schouscha, an der libyschen Grenze, warten noch immer etwas mehr als 200 afrikanische Flüchtlinge auf ihre Umsiedlung durch die UN. Sie mussten das Nachbarland während des dortigen Bürgerkrieges unter anderem aufgrund der mit ihm einhergehenden Pogrome gegen Schwarze verlassen und können nicht in ihre Heimatländer zurück. In Tunesien wollen sie wegen des dortigen Rassismus nicht bleiben.

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Andere Länder, ähnliche Erfahrungen und Ausdrucksformen.

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"Free Azawad". Azawad ist das Land der Berber, zu denen die Tuaregs zählen. Der größte Teil der Berber lebt allerdings in Algerien, zum Beispiel in der Kabylei, eine Hochburg der dortigen linken Opposition. Sympathien für die Tuareg ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit solchen für die dort kämpfenden Salafisten, die sich inzwischen gegen ihre ehemaligen Bündnispartner gestellt haben

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Auf der Abschlussdemonstration ein Banner der Vereinigung der Schwarzen Brasilianer in einem Meer palästinensischer Fahnen.

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Auch Islamisten mischten sich am letzten Tag unter die Demonstranten, was viele Tunesier und Ausländer abschreckte. Die Demo war daher deutlich kleiner als der Marsch zum Auftakt.

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Frauenrechte spielten auf dem Forum ebenfalls eine wichtige Rolle. Hier ein Transparent des Weltmarsches der Frauen auf der Abschlussdemo am Samstag.

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