Tut mir leid, dass man dich als Vergewaltiger abstempelte - aber hey, es ging doch um wichtige Dinge!

Außer Kontrolle

Lena Dunhams Buch führt zu Kontroversen. Schlampiger Umgang mit (veränderten) Identitäten und eine Nonchalance hinsichtlich der fatalen Folgen dieses Umgangs lassen Kritik laut werden, die von der Autorin jedoch abprallt.

Lena Dunham gilt als künstlerisches Wunderkind. Die heute gerade einmal 28jährige ist nicht nur Schauspielerin, sondern auch Drehbuchschreiberin, Produzentin und Regiesseurin, erhielt bereits acht Nominierungen für den "Serien-Oscar", den Emmy und bekam zwei Golden Globes für die Serie "Girls", die sie selbst schuf und umsetzte (und bei der sie die Hauptrolle spielt).

Frau Dunham bezeichnet sich selbst als Feministin. 2012 unterzeichnete sie einen Vertrag für das 2014 erschienene Buch "Not That Kind of Girl: A Young Woman Tells You What She's "Learned" (Nicht so ein Mädchen: Eine junge Frau erzählt (euch), was sie gelernt hat).

Genau dieses Buch brachte ihr und dem Verlag nunmehr Kritik ein. Hierbei muss zunächst einmal angemerkt werden, dass in vielen Büchern Fakt und Fiktion ineinanderfließen, was durchaus legitim ist, wenn dies klar kommuniziert wird. Auch werden Namen oft verändert, Hobbys werden vertauscht usw. um die Personen zu schützen – aber auch hier gilt: es sollte, so es nicht aus dem Buch selbst klar hervorgeht, wenn Fiktion dargestellt wird, klar gekennzeichnet sein, wenn die Personen real sind oder nicht.

Im Buch der Frau Dunham wurden zwar einzelne Personen extra mit einem Hinweis diesbezüglich versehen - bei einem jedoch fehlte dieser Hinweis, was dazu führte, dass eine unbescholtene Person sich plötzlich mit dem Vorwurf, ein Vergewaltiger zu sein, auseinandersetzen musste.

Kern der Auseinandersetzung war Frau Dunhams Schilderung einer Party, bei der sie selbst nach eigener Schilderung betrunken und mit Xanax und Kokain intus vergewaltigt wurde. Dabei schilderte sie den Vergewaltiger sehr detailgetreu, schrieb aber bereits zu Beginn des Kapitels "Barry" vorsichtshalber: Ich bin kein sehr vertrauenswürdiger Erzähler (I am an unreliable narrator).

Nichtsdestotrotz schien Barry, der etwas schleimig daherkommende Vergewaltiger, nur allzu real - fehlte bei ihm doch auch der Hinweis, dass die Details fabriziert oder teilweise fabriziert wären, was seine Person angeht. Frau Dunham geizte nicht mit diesen Details, was letztendlich gar nicht notwendig gewesen wäre.

Reporter von "Breitbart", einer konservativen Webseite, machten sich auf die Suche, um Barry zu finden - jenen bekannten Republikaner mit dem Schnurbart und der Radioshow, den Frau Dunham in ihrem Buch als Vergewaltiger bezeichnet hatte. Dabei fanden sie eine Person, die Barry hieß, aber mit der Figur aus dem Buch nicht viel gemeinsam hatte: Weder hatte er eine Radiosendung moderiert, noch den ominösen Schnurbart getragen. Er war auch kein führender Vertreter der Republikaner an der Universität, an der Dunham studierte.

Anschließend machten sich die Breitbart-Journalisten auf die Suche nach einer anderen Person, die ggf. gemeint gewesen sein könnte, fanden jedoch keinen republikanischen Ex-Studenten, auf den die Beschreibung auch nur annähernd gepasst haben könnte. Barry aber fand sich plötzlich als jemand wieder, der als Vergewaltiger angesehen wurde – war er doch zur fraglichen Zeit an der Uni und trug den eher seltenen Namen Barry

Deshalb wandte er sich bereits wenige Tage nach dem Erscheinen des Buches an einen Anwalt und verlangte, dass der Verlag Random House, bei dem das Buch erschien, sich darum kümmerte, dass sein Name in den Büchern klar als Fiktion bezeichnet werde. Denn allzu eifrige Personen hätten ihn allzu schnell als vermeintlichen Vergewaltiger angesehen, weil er die fragliche Universität besucht hätte und Republikaner sei.

Sowohl Random House als auch Lena Dunham ließen sich Zeit mit einer Antwort – die Bücher wurden zunächst einmal unverändert ausgeliefert. Während Barry fast 3 Wochen nach der Veröffentlichung noch einmal öffentlich seine Unschuld beteuerte und während bereits eine Debatte geführt wurde, schwiegen sowohl der Verlag als auch die Autorin bis Anfang Dezember. Erst dann verlautbarten sie, dass der Name Barry nur ein Pseudonym sei. Lena Dunham selbst schloss sich den Worten Barrys an, der von einem "surrealen Zufall" sprach, welcher ihn in die Nähe von Sexalstraftätern brachte.

Lena Dunham selbst sah den "surrealen Zufall" ebenso, fand jedoch, sie hätte alles getan, um die Identität des Vergewaltigers zu schützen:

"Wie ich zu Beginn des Buches sagte: Ich habe mich entschlossen, manche Identitäten geheim zu halten, habe Namen und einige beschreibende Details verändert. Um es deutlich zu machen: 'Barry' ist ein Pseudonym, nicht der Name des Mannes, der mich angriff, und jede Ähnlichkeit mit einer Person mit diesem Namen ist ein bedauerlicher und surrealer Zufall. Es tur mir leid, was derjenige dadurch erleben musste."

Das schreibt Dunham in einem langen Text, der ansonsten eher so wirkt, als würde sie die Kritik an sich nicht verstehen. Dabei ist es nicht nur die saloppe Art, in Kauf zu nehmen, dass jemand allzu schnell als Vergewaltiger angesehen werden könnte, die sauer aufstößt - es ist insbesondere auch Lena Dunhams Verhalten, als bereits bekannt war, zu was dieses Verhalten geführt hatte. So ließ zwar eine Entschuldigung und eine Klarstellung auf sich warten - doch schon im Oktober ließ es sich Frau Dunham nicht nehmen, auf Twitter zu kommentieren, was sie von der Diskussion hielt:

"And I have some news for certain "news" outlets - No matter how much you thump your keyboards with your meat hands we will not stop talking". Dieser und ähnliche Twitter-Kommentare sind auf Victorysblog zu lesen und zeigen, dass die Debatte an Frau Dunham nicht vorbeiging. Es wäre insofern möglich gewesen, sich sofort zu äußern und die Zeit, in der "Barry" von einigen vorschnell als Vergewaltiger angesehen wurde, zu verringern.

"Speaking out was never about exposing the man who assaulted me. Rather, it was about exposing my shame, letting it dry out in the sun. I did not wish to be contacted by him or to open a criminal investigation" schreibt Frau Dunham. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wieso gerade auch die politische Gesinnung und das Aussehen des Vergewaltigers, wenn es gar nicht um ihn ging, so detailliert beschrieben wurden.

Ihr Kommentar ist die typische Vorwärtsverteidigung und Ablenkung. Statt auf die Kritik einzugehen und zu reflektieren, werden die Kritiker als Personen deklariert, die das eigentlich wichtige Ziel (nämlich auf den Punkt der Gefühle der Opfer von Vergewaltigungen einzugehen) gar nicht sehen wollen.

"Überlebende haben das Recht, ihre Geschichte zu erzählen" so Frau Dunham mit Verve - als hätte jemand dieses Recht jemandem abgesprochen. Es geht vielmehr um die Frage, ob nicht gerade bei solchen Büchern wie dem von Frau Dunham, sehr vorsichtig mit Beschreibungen umgegangen werden muss, um zu vermeiden, dass allzu salopper Umgang mit Identitäten (teilweise real, teilweise nicht) zu echten Personen führen und diese dann falschen Beschuldigungen aussetzen kann.

Hierauf geht Dunham nicht ein. Sie erkennt auch nicht, dass es ein solch salopper Umgang mit der Wahrheit schwierig erscheinen lässt, zu wissen, was sonst an dem Buch Wahrheit und was Fiktion ist - stattdessen spricht sie von dem Recht der Überlebenden, was nie jemand anzweifelte.

Neuere Versionen des Buches werden vom Verlag abgeändert Die Seiten, auf denen Breitbart seine Recherche detailliert beschreibt, sind derzeit nicht aufrufbar - warum dem so ist, ist unklar. Eine Antwort von Breitbart steht aus.

Persönliche Anmerkung:
Bezüglich der Wortwahl "Überlebende" möchte ich anmerken, dass ich diese Thematik, demnächst einmal vertiefen werde und daher jetzt nicht weiter kommentiere.