US-Senat bestätigt Manipulation von medizinischen Studien

Der Medizintechnik-Gigant Medtronic hat knapp 210 Millionen Dollar ausgegeben, um in wissenschaftlichen Studien die Überlegenheit seiner Produkte gegenüber alternativen Methoden durchzusetzen

Wer gemeint hätte, nur noch an den Finanzmärkten könne man heutzutage noch fein verdienen, dem demonstriert ein Bericht des US-Senats, dass man auch als Mediziner ordentlich absahnen kann. So hatte der Finanzausschuss im Juni 2011 eine Untersuchung begonnen, ob das US-Medizintechnikunternehmen Medtronic wissenschaftliche Veröffentlichungen, die einer Peer-Review unterlagen, manipuliert hat.

Letzten Mittwoch wurde der Bericht vorgelegt, der nicht nur die umlaufenden Beschuldigungen voll bestätigte, sondern auch auf 2.311 Seiten dokumentiert, wie und zu welchem Preis das eigene Produkt in (angeblich) wissenschaftlichen Studien vorteilhaft dargestellt und die Konkurrenz schlechtgemacht wurde.

Obwohl der Bericht davon ausgeht, dass es sich bei den festgestellten Methoden von Medtronic, das unter anderem der weltgrößte Hersteller von Herzschrittmachern ist, um eine gängige Praxis handelt, scheint es die Firma doch ein wenig übertrieben zu haben. Vom Senat untersucht wurden dabei Publikationen zum Knochen-Wachstumsmittel InFuse, einem "morphogenetischen Protein". Dabei verspricht Medtronic etwa bei degenerativen Bandscheibenerkrankungen "minimalinvasive, hoch wirksame" Behandlungen mit "besonderem Schwerpunkt auf Therapieoptionen für junge Patienten", wobei es freilich stets alternative Behandlungsmethoden gibt, bei denen etwa anstatt dem hochmodernen Medtronic-Produkt eigenes Knochenmaterial aus dem Beckenknochen entnommen und transplantiert wird.

Um nun in den Studien die Überlegenheit der eigenen Methode über die Konkurrenz durchzusetzen, hatte Medtronic laut Senat zwischen 1996 und 2010 annähernd 210 Millionen Dollar in die Hand genommen und erstaunliche Summen an Studienautoren und Gutachter verteilt. Demnach erhielt ein renommierter Orthopäde von der Emory Clinic,Atlanta, fast 28,8 Millionen Dollar und ein Wirbelsäulen-Experte von der University of Wisconsin freute sich sogar über 34,168 Millionen.

Dank dieser Zuwendungen war Metronic "insgeheim stark in die Konzeption, Aufbereitung und Gestaltung von Beiträgen in medizinischen Journals eingebunden, die von ihren medizinischen Beratern eingereicht wurden". Metronic beschäftigte eigens dafür in der Marketingabteilung wissenschaftliche Mitarbeiter, die sich die Papers zur Prüfung und Korrektur vorlegen ließen und manchmal auch selber verfassten; ebenso die Kommunikation der vorgeblichen Studienautoren mit den Journals, die diese Aufsätze veröffentlichten. Derart wurden etwa Listen von Fehlschlägen und Nebenwirkungen des eigenen Produkts unterdrückt und mögliche Schmerzen bei Konkurrenz-Methoden übertrieben dargestellt.

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Vergrößern Quelle: US-Senat

Während aber schon vor der Zulassung von InFuse der "unabhängige" Experte Hal Mathew sich seinen Bericht für eine Anhörung vor der Food and Drug Administration von Medtronic hatte schreiben lassen, was ihm dort wenig später einen Job als Vizepräsident einbrachte, dürfte irgendwann auch intern klar geworden, dass man über das Ziel hinausgeschossen war. So wurden Papers eingereicht, die im Begutachtungsprozess des Journals dann schlicht als "Werbung für ein bestimmtes Produkt ohne signifikanten wissenschaftlichen Wert" qualifiziert wurden.

Das und andere Ungereimtheiten hatte dann zu einiger wissenschaftlicher wie medialer Kritik geführt, die vom Senat schließlich aufgegriffen wurde. Gegenüber den Behörden hatte Medtronic indes stets behauptet, trotz intensiver Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern über "State of the Art"-Prozesse zu verfügen, die die volle Unabhängigkeit aller Studien garantieren würden. Die Börse reagierte übrigens gar nicht auf die Veröffentlichung des doch eher unschönen Berichts.

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