US-Talentsuche in französischen Banlieues

Die amerikanische Botschaft sucht in den Vorstädten nach "künftigen Führungspersönlichkeiten"

Entfernt erinnert das, was die USA in den franzöischen Banlieues versuchen, an das Kinderspiel "Ich seh etwas, das du nicht siehst": nämlich interessante Führungspersönlichkeiten mit Zukunft, "future leaders". Und zwar in Zonen, wo die französische Öffentlichkeit und Rechtsausleger-Politiker vor allem oder ausschließlich Probleme sehen. Die US-Botschaft in Frankreich nimmt die Sache allerdings sehr ernst.

Die Botschaft habe das "vollständigste, relevanteste und aktuelleste" Adressbuch zu den Banlieues, weder die politischen Parteien in Frankreich, noch Vereine oder Organisationen, Intellektuelle oder Medien könnten mit dem Netzwerk der Amerikaner konkurrieren, attestieren "Kenner der Szene", die in einem Le Monde-Artikel entsprechend zitiert werden. Von dem, was Geheimdienste wissen, ist darin nicht die Rede.

Der Hintergrund der Netzwerk-Intiative, für die US-Botschafter Charles Rivkin laut Werbung macht ("Die USA will weiterhin von Frankreich lernen"), ist eine Strategie, die eigentlich viel mit Geheimdienstarbeit zu tun hat: die Ausdehnung der "Einflusssphäre auf muslimische Führungspersönlichkeiten in westlichen Ländern". Als Schlüsselmomente für das "Programm" werden der 11.September 2001 und die Kairoer Rede Obamas genannt.

Die Botschaft setzt das in PR ähnliches "Networking" um, wozu auch Hollywood-Stars wie Samuel L. Jackson eingeladen werden. Das Programm kalkuliert damit, dass sich die Elite in Frankreich ändern könnte und ein Talent-Pool dafür die Problemzonen sein könnten. Früher hätten Politiker wie Sarkozy und Fillon von solchen Austauschprogrammen profitiert, nun sind es Personen, wie etwa der grüne Politiker Reda Didi von der Organisation Graines de France, die sich als "Groupe dé Reflexion" über Fragen in den Vorstädten versteht. Dessen Video zeigt, was auf den Seminaren angeboten wird, in dessen Genuß die ausgewählten "Leaders" kommen, z.B. Tipps zur Wählerkommunikation vom Obama-Wahlkampfteam, erfolgreiche Strategien von Bürgerechtsbewegungen.

Dass sich unter den Ausgesuchten auch umstrittene Personen wie Rokhaya Diallo, Präsidentin der Indivisibles, die für Multikultur eintritt und bekannt ist für Artikel, die klar Partei gegen Polizeieinsätze und für Banlieue-Bewohner nehmen, läßt denn manche auch argwöhnen, dass die wahre Strategie der USA in dieser Sache darin besteht, dem "alten" französischem Volk eine Nadel in den Fuß zu stechen.