Über eine Million für die Unabhängigkeit Kataloniens

Der Protest gegen das Urteil des Verfassungsgericht verwandelt sich in einen massiven Ruf für die Unabhängigkeit von Spanien

"Wir sind eine Nation. Wir entscheiden." Unter diesem Motto haben am Samstag in Barcelona zahllose Menschen für die Souveränität Kataloniens demonstriert. Die katalanische Metropole kollabierte unter dem Ansturm, ein wirklicher Marsch war angesichts der Massen gar nicht möglich. Ausgelöst hatte die größte Demonstration für das Selbstbestimmungsrecht Kataloniens das spanische Verfassungsgericht. Vier Jahre nach der Verabschiedung hatte es zentrale Teile des neuen Autonomiestatuts gekippt, das seit 2006 in Kraft ist. Die Polizei zählte 1,1 Millionen Teilnehmer, die Organisatoren sprechen von 1,5 Millionen, ein Fünftel aller Katalanen.

Erst am Freitag hatte das Gericht auf fast 900 Seiten eine schriftliche Begründung geliefert, nachdem es vor knapp zwei Wochen Parteien die Grundzüge mitgeteilt hatte. Dass das Urteil am Tag vor dem Protest kam, wurde in Katalonien als Provokation eingestuft. Dass es noch schlimmer als befürchtet ausfiel, 14 Artikel als verfassungswidrig einstuft und 27 Artikel geändert werden sollen, hat zur Mobilisierung beigetragen.

Aufgerufen hatte die Kulturorganisation Òmnium Cultural. Sie wurde 1961 in der Franco-Diktatur gegründet, um die verbotene katalanische Sprache und Kultur zu fördern. Ihr hatten sich fast alle Parteien und viele Organisationen angeschlossen. Angeführt wurde der Marsch vom sozialdemokratischen Regierungschef José Montilla, der von zwei Ex-Regierungschefs der Region im Nordosten des spanischen Staats begleitet wurde.

Ging es Montilla vor allem um das Urteil, war das für viele nur noch der berühmte Tropfen, der das Fass überlaufen lässt. Da das Verfassungsgericht erklärt, dass es neben Spanien keine weitere "Nation" geben darf und Katalanisch nicht "bevorzugt" in der Region gelehrt werden soll, wird immer stärker die Unabhängigkeit von Spanien gefordert.

So erklärte Muriel Casals, Präsidentin von Òmnium Cultural, auf der Kundgebung: "Heute sind Menschen mit verschiedenen Einstellungen hier versammelt, doch uns vereint die Verteidigung unserer Würde, dem Willen des katalanischen Volkes, dass über ein Referendum ausgedrückt wurde." Denn per Volksabstimmung war das Statut in Katalonien angenommen worden, obwohl es auf dem Weg durch spanische Parlamente schon stark beschnitten wurde.

Für die linksnationalistische Republikanische Linke Kataloniens (ERC) markiert die Demonstration einen Wendepunkt. Sie will 2014, 300 Jahre, nachdem Katalonien unter die Herrschaft der Bourbonen fiel, über die Unabhängigkeit abstimmen lassen. Der ERC-Chef Joan Puigcercós sagte: "Das Urteil bedeutet das Ende des Autonomiemodells." Jetzt müsse der Übergang zur Unabhängigkeit eingeleitet werden.

Tausende Basken solidarisierten sich in Donostia-San Sebastian. Die Katalanin Elisenda Paluzie bedankte sich für die Unterstützung der Demonstranten. Sie gehört zur Organisation "Dret de Decidir" (Recht zu entscheiden) und erklärte, dass sich an lokalen Abstimmungen der Organisation schon 600.000 Katalanen teilgenommen haben und über 90 Prozent für die Unabhängigkeit stimmten. Baskische Sprecher betonten, man werde gemeinsam für das gleiche Ziel arbeiten. Das Urteil habe gezeigt, dass die Autonomie nur "als Instrument dient", um den Willen des Baskenlands und Kataloniens zu neutralisieren. Sie sei stets eine "Falle" gewesen, um das Baskenland und Katalonien in einem "unauflöslichen Spanien" zu assimilieren.

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