Umweltschützer sehen unabhängige Wissenschaft in Gefahr

Abhängigkeit von Drittmitteln und die "Exzellenzinitiative" fördern wirtschaftshörige Wissenschaft

Das Wissenschaftsjahr 2012 unter dem Motto Zukunftsprojekt Erde hat sich ganz dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben. Doch einer Untersuchung des BUND zufolge fehlt es im Wissenschaftssystem der Bundesrepublik oft selbst an nachhaltiger Forschung. Aufgrund der zunehmenden Orientierung der Forschungseinrichtungen an Drittmitteln und der Exzellenzinitiative werde die Perspektive der Wissenschaft enger und technikorientierter. Für Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit ist da nur noch wenig Raum übrig.

Für unkonventionelle und kritische Wissenschaftler sei im derzeitigen Wissenschaftssystem nur wenig Platz, sie schieden heute oft sehr schnell aus dem Wissenschaftsbetrieb aus. Einen besonderen Schub in diese Richtung hat dem BUND-Vorsitzenden Hubert Weiger zufolge die so genannte Exzellenzinitiative geleistet. Denn in deren Rahmen war die Anwerbung von Drittmitteln, und somit Industriegeldern, ein Kriterium, nach dem die "Exzellenz" einer Forschungsstätte beurteilt wurde. Tatsächlich sind in allen Bundesländern die eingeworbenen Drittmittel ein Indikator für Forschungsleistungen.

Welche Auswirkungen die Jagd nach Drittmitteln und Stiftungsprofessuren mittlerweile angenommen hat, verdeutlicht ein Beispiel aus Berlin. Dort stiftete die Deutsche Bank 2007 zwei Professuren in Finanzmathematik und finanzierte den Aufbau eines eigenen Instituts, des "Quantitative Products Laboratory". In diesem an die Humboldt-Universität und die Technische Universität angegliederten Institut fand Auftragsforschung für die Deutsche Bank statt. Drei Millionen zahlte die Bank laut Vertrag pro Jahr, dafür hatte sie das letzte Wort bei der inhaltlichen Arbeit und konnte "im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten" qualifiziertes Lehrpersonal aus dem eigenen Hause dorthin entsenden.

Die Folge ist laut BUND eine verminderte Forschungsqualität, die durch selbstreferenzielle Überprüfungsmechanismen nicht einmal auffallen würde. Das erklärt für den BUND auch, warum unter den Ökonomen eine hohe Einigkeit darüber besteht, dass die Wirtschaftskrise nicht vorhersehbar gewesen sei.

Die Folge sei, dass wissenschaftlich valide Erkenntnisse nicht anerkannt würden und zu entsprechenden Reaktionen führten, eben weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Als Beispiel nennt der Verband die KIKK-Studie, wonach Kinder unter fünf Jahren häufiger an Leukämie erkranken, je näher sie an Kernkraftwerken wohnen. Zugleich wurden schärfere Regelungen gegen Umweltbelastungen davon abhängig gemacht, dass diese wissenschaftlich nachprüfbar gemacht werden müssten. Dabei sei ein direkter Nachweis oft zwangsläufig nicht möglich, da beispielsweise bei schleichenden Prozessen mit großen Zeitunterschieden Einwirkung und Folge verwischt würden.

Als Lösung des Problems schlägt der BUND eine Nachhaltigkeitsmilliarde vor. Die bisher oft in enger Abstimmung mit der Industrie geförderte Technologieforschung soll so um eine transdisziplinäre Forschung ergänzt werden. Damit soll der Ausbau eines regenerativen Energiesystems, eine deutliche Verbesserung der Energieeffizienz insbesondere im Gebäudebereich, aber auch der Wandel zu nachhaltiger Mobilität und einer Wirtschaft, die ohne Wachstumszwänge auskommt, unterstützt werden.

Die Milliarde ließe sich leicht auftreiben, wenn bestehende Mittel intelligent umgeschichtet werden, ist Weigert überzeugt. Die Forschung an Elektroautos sollten demnach die Automobilhersteller selbst aus ihren Gewinnen bezahlen - immerhin haben sie ein Interesse daran, diese Fahrzeuge auf den Markt zu bringen. Ein Interesse an der Verminderung des Verkehrsaufkommens haben sie jedoch nicht, und deshalb sollten Weigert zufolge öffentliche Forschungsmittel genutzt werden, um herauszufinden, wie dies erreicht werden kann. Öffentliche Forschung solle künftig der Gesellschaft dienen und nicht der Wirtschaft - was aber nicht heißen muss, dass auf der Grundlage der Forschungsergebnisse nicht auch Geschäftsideen wachsen können.

Ob der BUND mit seinen Vorschlägen im Wissenschaftsjahr 2012 Gehör finden wird, darf aber bezweifelt werden. Immerhin sind nicht nur Umweltverbände Partner des Wissenschaftsjahres, sondern auch Großkonzerne wie Daimler. Und die werden auf die Forschungsgelder nur ungern verzichten.

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