Unstressiger Stresstest fördert massig AKW-Sicherheitsmängel ans Licht

Die EU-Kommission rechnet damit, dass 25 Milliarden Euro in zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen investiert werden müssen

Die Betreiber des spanischen Uraltreaktors Garoña hatten gute Gründe, warum sie die von der Regierung angebotene Laufzeitverlängerung bis 2019 letztlich nicht beantragt haben, obgleich sie jahrelang darauf gedrängt hatten. Doch offensichtlich wäre die Nachrüstung der Fukushima-Schwester noch viel teurer, als die schwachen Auflagen der konservativen Atomkraftkraft-Fans in Madrid vorgesehen hatten. Denn, so berichtet heute die Tageszeitung Die Welt, wurden sogar bei diesem Stresstest massive Sicherheitsmängel festgestellt.

Was von Versprechen der Atom-Lobby zu halten ist, darüber schreibt die Zeitung, dass nach dem Super-Gau in Tschernobyl 1986 eigentlich die EU-Staaten dringende Sicherheitsmaßnahmen vereinbart hätten. "Auch Jahrzehnte später steht deren Umsetzung in einigen Mitgliedsländern noch immer aus", ist das fatale Urteil des Berichts, der der Zeitung vorliege. "Hunderte technische Verbesserungsmaßnahmen" seien identifiziert worden, "praktisch alle Anlagen bedürfen verbesserter Sicherheitsmaßnahmen", sei das Ergebnis.

Bei deutschen Anlagen seien vor allem Erdbebenwarnsysteme unzureichend und die von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) vorgeschriebenen Leitlinien bei schweren Unfällen nicht umgesetzt. Erwartungsgemäß ist die Mängelliste bei den französischen Meilern besonders lang. Kritisiert wird, dass Sicherheitsstandards zwischen einzelnen EU-Ländern große Unterschiede bestünden. Nur vier Länder "betreiben zusätzliche Sicherheitssysteme, die unabhängig vom normalen System in einer Zone installiert sind, die gut gegen äußere Einflüsse gesichert ist (zum Beispiel in Bunkersystemen)".

Ein Beispiel dafür ist, dass in Belgien kürzlich zwei AKWs abgeschaltet werden mussten, weil in Doel 8000 Risse im Reaktordruckbehälter entdeckt wurden. Doch die Hinweise auf Mängel an den Behältern einer niederländischen Firma kamen ausgerechnet aus dem französischen Tricastin. Das französische AKW hat in den letzten Jahren immer wieder mit Unfällen auf sich aufmerksam gemacht. Obwohl Risse dort "im rechten Winkel zur Oberfläche" liefen, die nach Angaben des Direktors der belgischen Atomaufsichtsbehörde Willy de Roovere viel gefährlicher seien, läuft der Meiler weiter. Die belgischen Meiler bleiben zur weiteren Prüfung abgeschaltet.

Der Stresstest konnte diese Probleme gar nicht feststellen, weil keinerlei Prüfungen in die Richtung vorgenommen wurden. Trotz allem kommt auch dieser unstressige Test zu dem Ergebnis, dass wegen der unzureichenden Sicherheitsausstattung ein hoher Nachrüstungsbedarf besteht. "Die Identifizierung von Hunderten notwendigen Sicherheitsverbesserungen für die existierenden Nuklearanlagen erfordert eine Gesamtinvestition zwischen zehn und 25 Milliarden Euro in den kommenden Jahren", lautet die Analyse.

Auch die Kritik von Umweltschützern hat immer wieder auf die Mängel dieses Tests hingewiesen. Mögliche Terrorangriffe gehörten zum Beispiel nicht zu den Testszenarien, dabei sind Anlagen wie in Fessenheim, direkt an der Grenze zu Deutschland, besonders anfällig dafür, in "schmutzige Bomben" verwandelt zu werden. Das AKW soll aber erst 2016 abgeschaltet werden. Berichtet wird, dass Energiekommissar Günther Oettinger besonders in den Atomländern Frankreich und Großbritannien auf großen Widerstand stieß, die sich gegen den Zutritt externer Experten gewehrt hätten. Oettinger wird seinen Bericht am Mittwoch in Brüssel vorstellen.

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