Väter und Söhne

Bild (2010): Weißes Haus

Weiße Flecken in den Nachrufen auf George Herbert Walker Bush

Der Weg des George Herbert Walker Bush zum Öl-Tycoon, CIA-Direktor, Präsident und Rüstungsindustriellen war von seinem Vater Prescott Sheldon Bush geebnet worden, der selbst das höchste Staatsamt angestrebt hatte.

Prescotts Vater war der mit den Rockefellers und Harrimans geschäftlich verbundene Eisenbahn-Tycoon Samuel Prescott Bush. Das Schienennetz der USA ließen die Rail-Barone im 19. Jahrhundert von chinesischen Gastarbeitern unter harten Arbeitsbedingungen und Risiken erbauen, die Hunderte Chinesen mit ihrem Leben bezahlten. Den Chinesen „dankte“ man anschließend mit Chinese Exclusion Act und einer rassistischen Kampagne gegen Dumping-Arbeiter. Über die Börsenspekulationen von Edward Harriman urteilte einst Präsident Roosevelt, dieser sei „einer jener großen Trustschädlinge, die mit dem Brandmal des Verbrechertums gekennzeichnet sind“. 1918 wurde Samuel Bush, einer der führenden Industriellen seiner Zeit, von der US-Regierung zur Organisierung der Kriegswirtschaft berufen.

Auf der Yale-Universität wurde Samuels Sohn Prescott Sheldon Bush Oberhaupt der elitären Studentenverbindung Skull and Bones. Der Legende nach soll der Tausendsassa den Schädel des Indianerhäuptlings Geronimo ausgegraben haben. Im Ersten Weltkrieg diente Prescott als Feldartillerie-Hauptmann beim amerikanischen Expeditionskorps und bekam in Verdun eine Geheimdienstausbildung. Später prahlte er über einen Orden, den er tatsächlich jedoch gar nicht bekommen hatte.

Prescott Sheldon Bush heiratete Dorothy Walker, die Tochter des Eisenbahn-Barons und Bankiers George Herbert Walker. Der Geschäftsmann hatte die Weltausstellung in St. Louis organisiert und war damals die treibende Kraft der Demokratischen Partei. Politisch brachte es Walker jedoch nur zum Präsident des US-Golf-Verbands. Gemeinsam mit seinem Schwiegervater Walker zog Prescott Bush die Investmentbank Brown Brothers Harriman & Co. und Union Banking Corporation auf, die einträgliche Geschäfte mit Russland und Deutschland machten.

Die Banken fungierten dem deutschen Industriellen und Hitler-Finanzier Fritz Thyssen als Basis und Frontorganisationen für das USA-Geschäft, auch Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, dem reichsten Deutschen Friedrich Flick und SS-Bankier Kurt von Schroeder war man zu Diensten. Die Bushs waren über Tochter- bzw. Tarnfirmen mit der halben deutschen Rüstungsindustrie verflochten, darunter auch die Schlesisch-Amerikanische Gesellschaft, die Gewinne aus der Zwangsarbeit u.a. im KZ Auschwitz zog.

Die Bushs gehörten damals zu einer Clique deutschfreundlicher Wallstreet-Tycoons, deren Geschäfte über die Wirtschaftskanzlei Sullivan&Cromwell abgewickelt wurden. Die von den Dulles-Brüdern geführte Kanzlei hatte nach dem Ersten Weltkrieg den Wiederaufbau der deutschen Industrie mitfinanziert und unterhielt engste Kontakte zu Eliten des Nazi-Deutschlands, repräsentierte etwa das deutsche Chemiekartell IG-Farben, das für Hitler Treib- und Sprengstoffe herstellte. In den 1930er Jahren gründete Prescott Bush die Firma Humble Oil, für die er den russisch-amerikanischen Geologen George de Mohrenschildt anheuerte, von dem noch die Rede sein wird.

1932 trug eine Clique von Wallstreet-Industriellen, denen Bush und Hearst angehört haben sollen, dem Kriegsheld Smedley D. Butler den Plan eines faschistischen Staatsstreichs gegen Roosevelt an. So sollte Butler 500.000 Veteranen, die Bonus Army, beim Marsch auf das Weiße Haus anführen und eine Regierung nach Maßgabe der Wallstreet installieren. Der General verriet den Plan, jedoch wurde die Sache vertuscht, da der politische Schaden als das größere Übel erschien. Die Medien gehörten ohnehin den Beteiligten.

Noch 1939 zelebrierten 20.000 Mitglieder des Amerikadeutschen Bundes den Aufstieg des Nationalsozialismus, so etwa auf einer Großveranstaltung im Madison Square Garden. Auch nach Kriegseintritt der USA setzten Bush und seine Freunde die Geschäfte mit Nazi-Deutschland fort, was 1942 zur Enteignung von Bushs Anteilen an der UBC-Bank führte, da Handeltreiben mit dem Feind gesetzlich verboten war. Bush wurde später jedoch wieder rehabilitiert.

Im Rockefeller-Center, wo sich die Wallstreet-Milliardäre monatlich heimlich trafen, konzipierten sie nach Kriegseintritt der USA den neuen Kriegsgeheimdienst OSS, der auf unkonventionelle Weise durch geheime Kommandooperationen und Sabotage Nazi-Deutschland in die Knie zwingen sollte. Bush-Anwalt Allen Dulles persönlich reiste an den Finanzplatz Bern in der neutralen Schweiz, um über seine Kontakte ins Deutsche Reich zu spionieren. Dabei betreute Dulles heimlich die Deutschland-Geschäfte seiner Klientel weiter und verhandelte hinter dem Rücken von Präsident Roosevelt mit Nazi-Größen über einen Partikularfrieden, um gemeinsam mit den Deutschen den Krieg gegen die Sowjetunion zu führen. Abgelehnt vom OSS wurde ein Bewerber trotz guter Bush-Kontakte: George de Mohrenschildt, von dem man befürchtete, er sei deutscher Doppelagent.

Prescott Bush machte bei den Republikanern Karriere und wurde Anfang der 1950er Jahre als Präsidentschaftskandidat gehandelt. Stattdessen befasste er sich für Präsident Eisenhower mit Rüstungsprojekten sowie dem Bau der Autobahnen. Einer eigenen Kandidatur für das Weiße Haus stand wohl auch die einstige Nähe zu den Nazis im Weg – ein Makel, den er mit dem gleichermaßen ehrgeizigen Rüstungsmilliardär Joseph Kennedy teilte.

Prescott Bushs enger Freund Nelson Rockefeller, der selbst das Präsidentenamt anstrebte, stand Pate bei der Gründung der CIA, deren Geheimprogramme er diskret finanzierte. Sein Anwalt Allen Dulles dominierte den Geheimdienst und leitete ihn dann von 1953 bis 1961 auch offiziell. Die parlamentarische Kontrolle über die US-Geheimdienste leitete Prescott Bush, der an den Methoden von seinem Freund und Anwalt Dulles nie etwas auszusetzen hatte. Die Dulles-Brüder finanzierten die Republikanische Partei und stellten den Militär Eisenhower als Präsident auf, der viel Zeit auf dem Golfplatz verbrachte. Milliardärsanwalt John Foster Dulles wurde Außenminister und führte die Welt in den Kalten Krieg, dessen Beendigung die Medien nun George H. W. Bush zuschreiben.

George Herbert Walker Bush gründete 1953 mit Hilfe seines nach Texas gezogenen Vaters Prescott die Ölbohrfima Zapata Oil. Mit im Boot waren die Liedtke-Brüder, die Richard Nixons Wahlkampf finanzierten, sowie der - wie man heute weiß - CIA-Agent Thomas J. Devin, der Zapata Oil als Cover für klandestine Operationen nutzte. Entsprechend dem in den 20er Jahren heimlich ausgehandelten ÖL-Kartell der „Sieben Schwestern“ (Die CIA und das Öl), das die Ölfelder in der Arabischen Welt unter sich aufgeteilt hatte, bohrte Bush auch in Kuwait.

Zapata Oil wurde so reich, dass die Firma später sogar den Kauf des Monopolisten United Fruits Company erwog – jene Firma, für welche die CIA 1954 in Guatemala einen Putsch orchestrierte. Regime Changes, wie sie der CIA in Guatemala und im Iran glückten, versuchte man Anfang der 1960er Jahre auch auf Kuba. Während der CIA-Invasion in der Schweinebucht dienten die Zapata-Standorte dem US-Geheimdienst als Horchposten. Etliche Personen aus dem Dunstkreis Bushs waren in die dem Präsidenten verheimlichte Operation 40 involviert, einem CIA-Team, das Fidel Castro ermorden sollte.

Inzwischen hatte im Weißen Haus jedoch nicht Vizepräsident Nixon, sondern der Sohn von Rüstungsunternehmer Joseph Kennedy Platz genommen. Anfangs blieb John F. Kennedy unter der Kontrolle von Allen Dulles, doch als er bei dem absehbaren Desaster in der Schweinebucht überraschend keine offizielle Mitwirkung des Militärs genehmigte, kam es zum Bruch zwischen der CIA-Welt und den Kennedys. Prescott Bush gab Kennedy die Schuld, wie man aus einem Brief an Dulles‘ Witwe von 1968 lesen kann. Während der Cuba-Krise führte das Weiße Haus mit dem Pentagon einen regelrechten Geheimkrieg. Dulles wurde in der CIA durch den unerfahrenen John McCone ersetzt, heimlich aber zog Dulles weiter die Strippen.

Am 22.11.1963 fiel nach den Schüssen von Dallas das Weiße Haus an den Texaner Lyndon B. Johnson. George H. W. Bush gehörte zu den wenigen Amerikanern, die sich nicht an den Ort erinnern können, an dem sie vom Attentat auf Kennedy hörten. Dank kürzlich freigegebener CIA-Dokumente weiß man jedoch, dass Bush an diesem Tag in Houston gewesen sein will, zwei Autostunden von Dallas entfernt. Wer möchte, kann Bush auf einem Foto vor dem Schulbuchverlag auf der Daelea Plaza erkennen. Väterlicher Freund des angeblichen Todesschützen von Dallas, Lee Harvey Oswald, war zufällig George de Mohrenschildt, der ihm auch den Job im Schulbuchlager besorgt hatte.

Rätselhaft bleibt auch ein Schreiben des FBI-Chefs Hoover, in dem einen Tag nach dem Attentat von einem mündlichen Bericht eines „George Bush von der CIA“ die Rede ist. Bush bestritt, in der CIA gewesen zu sein – sieht man einmal davon ab, dass er 1976 Direktor der CIA wurde. Aber wer hier Zusammenhänge erkennt, ist sicher nur ein Verschwörungstheoretiker (50 Jahre "Verschwörungstheoretiker").

Die Warren-Kommission zur Aufklärung des Jahrhundertmords wurde faktisch von Allen Dulles geleitet (der öfter auch mit De Mohrenschild gesehen wurde) und einigte sich auf Oswald als den Täter (Die magische Kugel des Allen Dulles). Als nach Watergate Zweifel am Warren-Report aufkamen, setzte man ausgerechnet Kennedy-Rivalen und CIA-Finanzier Nelson Rockefeller als Leiter einer Untersuchungskommission ein (Zensierter Bericht über CIA-Morde von 1975).

In den 1960er Jahren begann auch Ölmann Bush eine Parteikarriere, fungierte für Nixon als Botschafter bei den Vereinten Nationen und dann in China, zuletzt leitete er ab 1976 die CIA. Inzwischen kolportierte George de Mohrenschild jedoch, sein Freund Oswald sei unschuldig gewesen, und wünschte Kontakt zum neuen CIA-Direktor. De Mohrenschildt wurde von einem Ermittler des House Select Committee on Assassinations vorgeladen, das sich 1977 die Morde an den Kennedys etwas genauer ansah. Am gleichen Tag fand man de Mohrenschildt erschossen vor, angeblich Suizid.

Als das Weiße Haus 1977 wieder den Demokraten zufiel, saß Bush der von der Industrie aufgezogenen Pressure Group Council on Foreign Relations vor, welche traditionell dem Weißen Haus die Außenpolitik diktiert. Bush nutze seine Freizeit auch zur Kontaktpflege mit dem Saudischen Königshaus, wobei ihn Sohnemann George W. Bush begleitete. Enger Freund der Familie wurde Bandar ibn Sultan, bekannt auch als „Bandar Bush“, der zu einem der einflussreichsten Mann Washingtons wurde. Den Saudis gehören etwa 8 % der USA.

Im Wahlkampfjahr wurde wurde Präsident Jimmy Carter mit dem Geiseldrama im Iran blamiert. Wie später herauskam, hatte es einen Deal mit den Iranern gegeben, die Geiseln vor dem Wahltermin freizulassen (Die US-Wahl und der tiefe Staat). Dementsprechend zog Bush im Windschatten des greisen Showmans Ronald Reagan ins Weiße Haus. Reagans Wahlkampfmanager Bill Casey, ein vormaliger CIA-Mann, leitete nun die CIA, bis man dessen Geisteskrankheit bemerkte. Die von Reagan blieb offiziell unbemerkt.

Reagan schaffte 1983 beinahe, den von Kennedy befürchteten Atomkrieg aus Versehen auszulösen ("Um Haaresbreite"). Die US-Außenpolitik wurde zunehmend aggressiv und klandestin, man täuschte sogar Nato-Partner. Skurrilste Blüte war der Iran-Contra-Skandal, bei dem die Verwicklung der CIA in den internationalen Drogenhandel in den Fokus rückte. CIA-Pilot Barry Seal, der einst an der Operation 40 mitwirkte, besaß sogar die Privatnummer des Vizepräsidenten. Als sich in der Iran-Contra-Affäre nicht alle Verurteilungen abwenden ließen, half Bush mit Begnadigungen nach.

1989 wurde Prescotts Sohn Präsident der Vereinigten Staaten. Da den USA mit Ende der Sowjetunion der Hauptfeind abhanden gekommen war, versuchte es der 41. Präsident mit dem Krieg gegen die Drogen – ein Geschäft, das er als CIA-Mann kurioserweise gefördert hatte. Der gegen Mittel- und Südamerika geführte War on Drugs mag rassistische Wähler angesprochen haben, erwies sich jedoch als kontraproduktives Desaster. Kurioserweise arbeiteten die Drogenfahndung und die CIA aufgrund unterschiedlicher Interessen gegeneinander.

Bush marschierte bei der Wiedervereinigung im Gegensatz zu manch europäischem Partner eng an Kohls Seite, bekam dafür im Gegenzug Kohls unendliche Nibelungentreue. Nach wie vor ist Deutschland der größte Flugzeugträger der USA inklusive Nuklearwaffen, die US-Geheimdienste dürfen praktisch die gesamte Telekommunikation abhören. Wer in Deutschland etwas werden will, sollte Mitglied in der Atlantik-Brücke werden (Blinde Flecken in transatlantischer Loge).

1990 gab US-Botschafterin April Glaspie dem von den USA hochgerüsteten irakischen Diktator Saddam Hussein mehr oder weniger grünes Licht für die Besetzung Kuwaits. Der Öffentlichkeit erzählte Bushs Pentagon, der Irak sei eine Bedrohung für die Saudischen Freunde. So seien 250.000 irakische Truppen und 1.500 irakische Panzer an der saudischen Grenze. Ein privater Satellit konnte diesen Befund jedoch nicht bestätigen. Dennoch ließ Bush den Irak massiv bombardieren, wobei er auch die Lebensmittelindustrie mit dem erklärten strategischen Ziel angriff, die Bevölkerung unter Druck zu setzen.

Nach seiner Präsidentschaft, die nur eine Amtszeit währte, folgte Bush dem früheren CIA-Direktor Frank Carlucci und trat in die Beteiligungsgesellschaft Carlyle Group ein. Die Schattenbank wurde so mächtig, dass sie große US-Rüstungskonzerne kaufte. Wie schon Samuel und Prescott Bush profitierte also auch George H.W. Bush wirtschaftlich vom Kriegsgeschäft, dem Sohn George W. Bush als 43. Präsident zur Konjunktur verhalf.

Wie schon der Vater, führte der Junior gemeinsam mit Daddies alten Freunden Dick Cheney und Donald Rumsfeld, die einst für Nixon manipulierten, die Welt in Kriege mit dreisten Lügen. Das zahlte sich aus: Heute ist die Carlyle Group mit 174 Milliarden US-Dollar eine der weltweit größten Investmentgesellschaften.

"George H.W. Bush, der 41. US-Präsident und Vater des 43. US-Präsidenten, war ein stiller Staatsmann. Lange verkannt, symbolisierte er jene Courage und Demut, die dem Amt heute so schmerzlich fehlen", schreibt DER SPIEGEL - über den Mann, der 88.500 Tonnen Bomben über dem Irak abwerfen ließ.

Von Markus Kompa erschien in der Telepolis-Reihe das eBook "Cold War Leaks. Geheimnisvolles und Geheimdienstliches aus dem Kalten Krieg".

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