Verkitschte Revolte

Mit dem 9. Oktober wird versucht, einen neuen Tag für den Umbruch in der DDR zu kreieren. Aber die Kritik ist groß

Wer am 9. Oktober gegen 12 Uhr den Deutschlandfunk einschaltete, musste denken, er hätte aus Versehen den falschen Sender gewählt. Wo sonst um diese Zeit Nachrichten aus aller Welt ausgestrahlt werden, wurde ein Festakt aus Leipzig übertragen.

Neben der Ansprache von Bundespräsident Gauck wurden weitere Reden von führenden Politikern gehalten. Die Gedenkstunde endete mit der Deutschlandhymne. Diese außerplanmäßige Programmgestaltung sorgte für Kritik.

"Es gibt Sendeplätze, auf denen regelmäßig die Bundestagsdebatten übertragen werden. Dort hätte auch der Festakt seinen Platz gehabt", meinte ein regelmäßiger Hörer des Deutschlandfunks gegenüber Telepolis. Er betonte, dass er an diesem Sender immer geschätzt habe, dass der seine Programmstruktur akribischverteidige: "Auch ein Ministerinterview wirdrigoros abgebrochen, wenn die Zeit für die Sendung um ist und die Pressestimmen beginnen." Daher kann der Hörer nicht
verstehen, warum jetzt eine ganze Nachrichtenstunde über Weltnachrichten geopfert worden ist, um eine Feierstunde zu übertragen. Eine Hörerin aus dem Osten fühlte sich sogar an alte Zeiten erinnert: "Ich dachte die Zeit, wo der öffentlich rechtliche Rundfunk als Propagandasender für Staatsakte herhalten muss, wäre vorbei. Ich brauche keinen Sender, wo ich eine Stunde salbungsvolle Reden höre. Ich brauche einen Rundfunk, der mir Informationen bietet, um mir meine eigene Meinung zu bilden."

Die beiden Kritiker waren wohl nicht allein. Zahlreiche Hörer beschwerten sich direkt beim Sender über die Änderung der Programmstruktur.Es war nicht die einzige Kritik an dem Versuch, mit dem 9. Oktober einen neuen Gedenktag für den Umbruch in der DDR zu kreieren. Eigentlich wurde der 3. Oktober extra als Feiertag reklamiert. Doch es gab immer wieder Kritik, dass damit ein administrativer Akt, der Beitritt der DDR zur BRD, gefeiert und die Rolle der DDR-Bevölkerung vernachlässigt wird.

Mit der Auslobung des 9.Oktober soll nun an die erste Leipziger Massendemonstration als weiterer Gedenktag etabliert werden. Aber selbst in Leipzig ist die Kritik groß. Dass Stadtmagazin Kreuzer moniert, das "jeder Ansatz kritischer Erinnerungskultur" getilgt worden sei. Dafür dienen die Events der Stadtvermarktung. Dort wird der Jahrestag des Umbruchs in der DDR so beworben:

"Jedes Jahr am 9. Oktober feiern Bürgerinnen und Bürger der Stadt mit vielen Gästen ein Lichtfest zum Gedenken an diesen wichtigen Tag auf dem Weg zur Deutschen Einheit. Zum 20-jährigen Jubiläum im Jahr 2009 haben fast 150.000 Menschen an dem großen Umzug um den Innenstadtring teilgenommen und Leipzig in ein Lichtermeer verwandelt. Auch 2014, zum 25. Jahrestag des Massenprotestes, wird es in Leipzig wieder ein großes Bürgerfest und viele weitere
Veranstaltungen geben."

Für die Kreuzer-Autoren grenzt diese Art der Erinnerung sogar an Geschichtsrevisionismus:

"Geschichtsrevisionismus ist ein hartes Wort, es bedeutet ein Umdeuten geschichtlicher Ereignisse, historischer Tatsachen zu einem bestimmten Zweck. Nun ist hier – betrachtet man das Lichtfest – der Zweck vermutlich kein politischer, sondern ein im weiteren Sinne kapitalistischer, im engeren ein marketingtechnischer. Seine Folgen jedoch sind politisch. Eine Eventisierung des Aufstandes erzeugt ein Wohlfühlklima, das dem Nachdenken zuwiderläuft – und damit auch dem konstruktiven Erinnern."

Tatsächlich soll die Etablierung des 9. Oktober ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen, daher wurde auch der Festakt so prominent im Deutschlandfunk übertragen. Man muss sich fragen, warum nach 25 Jahren nun ein weiterer Gedenktag kreiert wird. Die Gründe liegen eher in der Gegenwart als in der Vergangenheit. Für Deutschlands gewachsenen außenpolitischen Einfluss in Europa
und darüber hinaus wird Gemeinschaftsgefühl gebraucht. Dafür eigneten sich schon immer historische Mythen besonders gut. Auch der 9. Oktober ist ein solcher Mythos.

Allein schon die Auswahl gerade diesen Tages soll den DDR-Bürgerrechtlern ihren Glauben lassen, ihre Bewegung hätte zum Fall der Mauer geführt. Aus den gerade veröffentlichten Kohl-Protokollen wissen wir nun, dass der damalige Bundeskanzler solche Vorstellungen als Spinnereien von Thierse und anderen Bürgerrechtlerfreunden abqualifizierte.

Trotzdem hat Kohl als aktiver Politiker den Mythos von den DDR-Bürgern, die die Mauer zum Einsturz brachten, fleißig bedient. Der Gedenktag knüpft daran an.

Die Konzentration auf den 9. Oktober ist auch eine Ohrfeige für die DDR-Opposition, die gegen das autoritäre SED-Regime aufgestanden ist und eine demokratische DDR forderte. Sie haben lange vor dem 9. Oktober Widerstand und Zivilcourage geleistet.

Mit der Bewegung vom 9. Oktober hingegen kam eine deutschnationale Komponente in die Protestbewegung, die viele DDR-Oppositionelle zur Verzweiflung brachte. Bald überwogen schwarzrotgoldene Fahnen und Helmut, Helmut-Rufe.

Verschiedene ultrarechte Gruppen sahen die Montagsdemonstrationen als ihr Rekrutierungsterrain. Daher gibt es durchaus eine direkte Verbindung von den nationalen Aufwallungen ab dem 9. Oktober bis zu den Übergriffen auf Nichtdeutsche nur wenige Monate später. In den offiziellen Gedenkreden und Events hört man davon natürlich nichts.

Dafür stellt das Leipziger Stadtmagazin Kreuzer in seinen kritischen Beitrag die Fragen, die im weihevollen Staatsakt nicht gestellt werden:

"Wie kam es, dass die Montagsdemos schon Ende November 89 von einem nationalistisch eingestellten Mob dominiert wurden, der alle Andersdenkenden niederschrie? Dass das Bündnis 90, die Partei der Bürgerrechtler, bei den ersten freien Wahlen in der DDR 1990 gerade einmal 2,9 Prozent der Stimmen erhielt? Dass stattdessen CDU-Blockflöten, besonders in Sachsen, an die Macht durchmarschierten? Dass schon bald in Leipzig-Grünau Brandsätze ins Asylbewerberheim flogen."

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