Verschwörungstheoretiker im Weißen Haus

Was hielten US-Präsidenten vom Jahrhundert-Mord?

Nachdem der amtierende Präsident Donald J. Trump im Wahlkampf 2016 selbst eine hochfliegende These zum Kennedy-Attentat ausgab und dabei - haltlos - den Vater seines Konkurrenten Ted Cruz mit dem Mord in Verbindung brachte, ließ er gestern einen Großteil der noch gesperrten Untersuchungsakten freigeben. Derzeit sollen 66% der US-Amerikaner Zweifel an der Alleintäter-These haben.

Während nun Interessierte in aller Welt die Papiere durchforsten und sich insbesondere nach den Motiven für die Sperrung fragen, listet der renommierte Attentatsforscher Jefferson Morley auf, was denn Kennedys Amtskollegen über das mysteriöse Verbrechen dachten. Trump befindet sich als "Verschwörungstheoretiker" im Oval Office in guter Gesellschaft:

Harry S. Truman, der 1947 die Gründung der CIA widerwillig geduldet hatte, griff bereits neun Tage nach dem Anschlag zur Feder und fand bemerkenswert deutliche Worte: Er plädierte öffentlich für die Abschaffung der CIA, die sich weit von ihrem gesetzliche Auftrag (Sammeln von Informationen) entfernt habe und "seltsame Dinge" tue. Truman rühmte ausdrücklich den Charakter der ersten beiden CIA-Direktoren, anschließend sei die CIA außer Kontrolle geraten. Das Ansinnen des hierdurch frontal angegriffenen Allen Dulles, seine scharfen Äußerungen zu relativieren, wies Truman brüsk zurück (Die magische Kugel des Allen Dulles).

Lyndon B. Johnson, dessen angeschlagene Karriere durch das Attentat gerettet wurde, propagierte öffentlich die Alleintäter-Theorie - wie auch die Kennedy-Familie, die angesichts der gespannten Lage zwischen den Blöcken und den inneren Zerwürfnissen wie dem Rassenkonflikt kein "Blut in den Straßen" provozieren wollte. Tatsächlich hatte Johnson nie an einen Einzeltäter geglaubt. Nach seiner Amtszeit sowie dem Tod von Ex-CIA-Chef Allen Dulles verdächtigte Johnson in einem Interview die Mafia - die allerdings in jener Zeit mit der CIA kooperierte, etwa bei den Mordplänen gegen Castro.

Richard M. Nixon, der 1959 gegen Kennedy gescheitert war, sprach Anfang der 1970er Jahre gegenüber seinem CIA-Chef Richard Helms nahezu Klartext. Wie auf einem der berühmten Tonbänder zu hören ist, beunruhigte ihn etwas, über das Watergate-Einbrecher E. Howard Hunt "zu viel wisse". Zweifellos meinte er damit die Wut der Geheimdienstler über Kennedys Maßnahmen gegen die CIA nach dem Debakel auf Kuba. Nixon ließ Helms wissen, ihn kümmere nicht, wer geschossen habe.

Gerald Ford, der 1964 Mitglied der Warren-Kommission war, hielt an der dort von Allen Dulles propagierten Alleintäter-Theorie fest. Damit das Ergebnis auch zum Spurenbild passte, änderte er einen wichtigen Satz im Warren-Report über die Eintrittswunde der "magischen Kugel".

Ronald Reagan dürfte kaum zu einem anderen Ergebnis gekommen sein. So war Reagan 1975 Mitglied der Rockefeller-Kommission, welche die Arbeit der Warren-Kommission überprüfte. An der Neutralität dieses vom Dulles-Freund und Kennedy-Feind Rockefeller geleiteten Gremiums gibt es allerdings erhebliche Zweifel. So unterschlug dort der junge Staabschef Richard Cheney 86 unerwünschte Seiten.

Auch George H.W. Bush verschwendete keine Zeit auf Zweifel. Erstaunlicherweise pflegte der Texaner Bush Bekanntschaft ausgerechnet mit Lee Harvey Oswalds väterlichem Freund George de Mohrenschildt. Als sich der schillernde Geschäftsmann mit CIA-Verbindungen 1976 durch Befragungen des Kongresses unter Druck sah, schrieb er Bush - damals CIA-Direktor - einen handschriftlichen Brief mit einem Hilferuf, den Bush ignorierte. Vor seiner Aussage verübte de Mohrenschildt angeblich Suizid. Bushs Vater, der ultrarechte Geschäftsmann Prescott Bush, fungierte in Washington als Geheimdienst-Aufseher und war eng mit Allen Dulles verbunden.

William J. Clinton propagierte während des Wahlkampfs 1992 die Verschwörungsthese. Die Zweifel am Attentat befanden sich damals aufgrund des Spielfilms "JFK" auf einem neuen Höhepunkt. Nachdem Clinton dann selbst im Oval Office Platz genommen hatte, gab er sich auf einmal staatstragend - und widmete sich interessanteren Sachen.

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Von Markus Kompa ist das Telepolis-eBook "Cold War Leaks. Geheimnisvolles und Geheimdienstliches aus dem Kalten Krieg" erschienen. Vier Jahrzehnte hatten die beiden Supermächte nichts Dringlicheres zu tun, als mit gigantischem Aufwand die gegenseitige Vernichtung vorzubereiten. Wie war es möglich, dass sich die USA vor einer nie ernsthaft drohenden kommunistischen Invasion fürchteten? Und wie kam es umgekehrt zur sowjetischen Nervosität Anfang der 1980er Jahre, als man in Moskau mit einem nuklearen Überraschungsschlag rechnete? Was waren es für Menschen, welche die Geheimdienste aufbauten und wie dachten die Militärs wirklich?