Versuchtes "Evergreening": Novartis verliert Patentprozess

In Indien kostet das Krebsmedikament Imatinib auch künftig unter 140 statt über 2000 Euro pro Monat

Der Oberste Gerichtshof im indischen Delhi kam heute nach sieben Jahren Prozessdauer zu dem Ergebnis, dass der schweizerische Rechteinhaberkonzern Novartis Arzneimittelherstellern in dem südasiatischen Land nicht verbieten kann, Generika des Zytostatikums Imatinib zu verkaufen, das von Novartis unter dem Handelsnamen Glivec vermarktet wird. Damit können sich Krebskranke in Indien ihre Monatsdosis des Medikaments weiterhin für unter 140 anstatt für über 2000 Euro kaufen. Für viele bedeuten diese 1860 Euro den Unterschied zwischen Leben und Tod, wie die Organisation Ärzte ohne Grenzen kurz nach der Verkündung des Urteils anmerkte. Bei Novartis war bislang noch niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

Die Richter fällten ihr Urteil, nachdem sie nach intensiver Lektüre vieler Studien zu dem Ergebnis kamen, dass Novartis die Schutzfrist für eine Substanz zu verlängern versuchte, indem der Konzern kleine Änderungen an einem schon lange entdeckten Medikament anbrachte und das neue Produkt zum Patent anmeldete. Diese Praxis wird auch von anderen Rechteinhabern eingesetzt und ist als "Evergreening" bekannt. In vielen Ländern und mit vielen anderen Medikamenten waren solche Evergreening-Bemühungen ausgesprochen erfolgreich,

Darauf, dass man in Indien bei der Überprüfung von Patenten etwas gründlicher vorgeht als in Europa und den USA, deuten auch unlängst getroffene Entscheidungen zu den Arzneimitteln Sutent, Pegasys und Nexavar hin. Diese Praxis nützt der indischen Generikaindustrie, deren 2011 bei achteinhalb Milliarden Euro liegender Umsatz Schätzungen zufolge bis 2020 auf 58 Milliarden Euro steigen könnte. Diese positive Prognose hängt auch damit zusammen, dass Generika für Indien inzwischen ein wichtiges Exportgut sind, mit dem Entwicklungs- und andere Schwellenländern zu einem Bruchteil der Preise beliefert werden können, die amerikanische und europäische Unternehmen für Medikamente verlangen.