Vielfalt schwindet auch in der Musik

Nach einer Analyse von Songs der letzten 50 Jahre werden sie kontinuierlich gleichförmiger, dafür aber lauter

Dass die natürliche Vielfalt schrumpft, wissen wir schon lange. Auch die Vielfalt der Sprachen und Kulturen nimmt rapide ab, nachdem die Barrieren der räumlichen Isolation weitgehend verschwunden sind. Eine Auswertung der Million Song Dataset, die Metadaten von Songs (Künstler, Länge, Tanzbarkeit, Veröffentlichungsjahr, Tempo, Lautstärke, Klangfarbe, Tonhöhe etc. ) enthält, bestätigt nun den Trend auch in der westlichen populären Musik.

Für ihre Studie, die in der Zeitschrift Nature Scientific Reports erschienen ist, haben die spanischen Wissenschaftler unter der Leitung des KI-Forschers Joan Serra vom Spanischen Nationalen Forschungsrats in Barcelona die 464.411 Songs der Datenbank (Pop, Rock, Hip Hop, Metal, elektronische Musik) untersucht, die zwischen 1955 und 2010 veröffentlicht wurden, um Muster und langfristige Veränderungen herauszufinden. Gibt es so etwas wie eine nachvollziehbare "Evolution des musikalischen Diskurses"?

Ja, das gibt es nach der Studie. Allerdings in einer Richtung, die Kulturskeptikern Recht zu geben scheint. Die Wissenschaftler konzentrierten sich auf die Tonhöhe, die zusammenhängt mit den musikalischen Harmonien (Akkorden, Melodien etc.), die Klangfarbe (abhängig von Instrumenten, Aufnahmetechniken oder expressiver Darbietung) und der intrinsischen Lautstärke, also derjenigen, mit der Musik aufgenommen wurde. Viele Eigenschaften blieben über die Zeit hin weg konstant, aber es schälten sich drei wichtiges Trends heraus, die darauf hindeuten, dass nicht viel Neues geschieht oder die Evolution blockiert ist, was Kritiker schon lange gerne moniert haben: "Aus einer globalen Perspektive hat die populäre Musik keine klaren Trends und zeigt während der letzten 50 Jahre keine wesentlichen Veränderungen." Posthistoire also in der Musik.

Die Tonhöhe wird zunehmend begrenzt und zeigt weniger Variationen, die Palette der Klangfarben wird kontinuierlich einheitlicher, die häufigen Klangfarben werden noch häufiger. Und die durchschnittliche Lautstärke nimmt stetig weiter zu und bedroht, so die Wissenschaftler, den "dynamischen Reichtum, der bis heute erhalten geblieben ist). Was wir als neu wahrnehmen, hat danach einfachere Tonhöhenfrequenzen, modische Klangfarbenmischungen und eine größere Lautstärke. Ganz einfach wäre es daher, alte Songs mit einfacheren Akkordfolgen, neuen Klangfarben von Instrumenten und neuer Aufnahmetechnik, die die Lautstärke anhebt, als "neuartig, modisch und originell" erscheinen zu lassen. Die stetige Erhöhung der Lautstärke ist für die Wissenschaftler ein Zeichen für den "Lautstärkenkrieg", der geführt wird, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer gegen die Konkurrenz noch einfangen zu können.