Virtuelle Nachlassverwaltung

Die Firma Idivus will mit einem neuen Dienst die Abwicklung von "Onlinebesitz" regeln

Ein Nachlass kann eine interessante Sache sein – nicht nur in finanzieller Hinsicht. Das sieht man zum Beispiel am Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller, der derzeit um genau 215 Jahre zeitversetzt auf einer Website von Giesbert Damaschke wiederveröffentlicht wird.

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Nun will sich die Berliner Firma Idivius um das "Onlineleben nach dem Tod" kümmern. Gemeint sind damit nicht die schon seit den 1990er Jahren bekannten Online-Friedhöfe und –Grabsteine, sondern die Abwicklung von "Onlinebesitz" wie "Profilen, Fotoalben, Videoarchiven, Blogs, Webdiensten, Onlineverträgen, Kontaktdaten usw."

Dazu sollen die Kunden der Firma alle Login-Daten ebenso wie alle anderen "Kontaktdaten von Familie und Freunden" übergeben. "Im Fall des Falles", so Idivus, werden diese Zugriffsdaten dann vorher festgelegten Personen ausgehändigt, die den "Onlinebesitz" löschen oder sichern und digitale Bekanntschaften über das Ableben informieren können.

Allerdings haben Verstorbene und Erben manchmal ganz verschiedene Vorstellungen davon, was mit einem Nachlass geschehen soll. Worauf der Verstorbene vielleicht stolz ist (etwa ein gefilmter Geschlechtsakt auf YouPorn), das kann dem Hinterbliebenen möglicherweise peinlich sein - und umgekehrt. Problematische Konstellationen sind in dieser Hinsicht nicht nur bei Kalibern wie Franz Kafka, Vladimir Nabokov oder Thomas Bernhard denkbar.

Ein möglicherweise schwerwiegenderes Problem liegt darin, dass man bestimmte Zugangsdaten alleine aufgrund von Haftungsfragen eher nicht an Dritte weitergeben sollte. Und auch bei anderen ist die Lagerung an einer zentralen Stelle sicherheitstechnisch suboptimal. Wer sie aus diesen Gründen lieber für sich behält, der hat eine sehr simple Alternative zu externen Dienstleistern: Einfach regelmäßig ausdrucken und zusammen mit dem Testament aufbewahren.

Zudem gibt es einen Punkt, der Erbfolgeregeln im Web durchaus weniger dringlich erscheinen lässt als im "Meatspace": Anders als beim realen Nachlass muss man für den digitalen keine Entrümpelungsfirma kommen lassen. Webspeicher ist deutlich weniger knapp als Wohnraum - und weil zumindest bisher die meisten Online-Geschäftsmodelle eine deutlich kürzere Lebensdauer aufwiesen als ihre Nutzer, erledigte sich das Problem der angehäuften Daten manchmal sogar schneller als gewünscht.

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