Volkstribun des Rock'n'Roll

Livekonzerte kommen ohne Improvisation und Spontaneität nicht aus. Bruce Springsteen zeigt, wie es geht.

Wer heutzutage ein Livekonzert besucht, im Club, in der Halle oder im Stadion, der wohnt einem Ereignis bei, dessen Ablauf vorher minutiös durchorganisiert ist. Den Musikern wird keinerlei Freiraum mehr zum Improvisieren zugestanden, weil Tanzschritte und Posen, Länge und Abfolge der Songs mit der Beleuchtung und den Einspielclips abgestimmt sein müssen. Nichts darf mehr dem Zufall überlassen werden, da der Zuschauer, so die Meinung, schließlich eine perfekte Show erwartet. Selbst Rock-Festivals folgen längst einem vorher exakt ausgeklügelten Plan, der das Unerwartete, Störende und Überraschende von Vornherein ausschließt. Nur das Wetter hat man dort noch nicht unter Kontrolle.

Durchorganisiert und darum steril

Dass darum viele Konzerte und Auftritte steril bleiben, scheint aber niemand recht zu stören. Unrühmliches Beispiel war zuletzt die Tournee von Depeche Mode, wo der Fan und Besucher schon Wochen zuvor auf einschlägigen Webseiten Bühnenaufbau und Setlist, Modeaccessoires und Beleuchtung informiert war und das Konzert im Münchner Olympiastadion dann auch haargenau so ablief wie vorher schon in Tel Aviv, Leipzig oder Frankfurt. Pünktlich auf die Minute fing es an und endete wie angekündigt, damit die Band wegen des hiesigen Flugverbots auch rechtzeitig ihren Flieger nach Rom erreichen konnte.

Das war, wie wir wissen, nicht immer so. Mal passte oder stimmte die Musikanlage nicht, die Abmischung gelang nicht oder die Veranstalter waren mit dem Ablauf überfordert; mal erschienen die Künstler nicht oder sie zeigten sich unpässlich, weil sie wieder mal sternhagelvoll waren oder einfach keine Lust hatten, an diesem Abend die Songs vom Vorabend zu spielen. In Erinnerung geblieben ist mir bis heute ein Auftritt von Atomic Rooster, bei der Vincent Crane, der Organist, infolge zu starken Rauschmittelgenusses von der Bühne kippte und das Konzert für längere Zeit unterbrochen werden musste. Oder die vehemente Weigerung von Buddy Miles vor Humble Pie die Bühne zu betreten.

Unberechenbar sein

Infolgedessen gibt es nur noch wenige Musiker, die es wagen, den vorher exakt ausgetüftelten Zeit- und Organisationsplan von sich aus zu durchbrechen. Robin Proper-Sheppard gehört sicher mit dazu. Er hört schon mal inmitten eines Songs einfach auf und staucht sein Publikum zusammen, wenn es ihm zu wenig Aufmerksamkeit entgegenbringt. Auch Evan Dando gibt sich bisweilen als unberechenbar. Vor einiger Zeit kickte er einem Zuschauer, der während des Konzerts zu laut mobil telefonierte, mit einem gezielten Fußtritt gar das Handy aus der Hand. Andere wiederum suchen zum Entsetzen des Sicherheitspersonals gezielt die Nähe und den Kontakt mit den Besuchern. Iggy Pop beliebt es zum Beispiel gegen Ende des Konzerts auf den Händen seiner Fans zu surfen.

Bruce Springsteen wiederum macht beides in einem. Er gibt sich volksnah und unkompliziert; und er agiert offen und spontan. Umstandslos und geradeheraus, schnörkellös und ohne den üblichen Firlefanz präsentiert er seine Songs, drei Stunden lang am Stück und ohne Pause. Trotz über Hundert Millionen verkaufter Platten, einem Oscar und unzähligen Grammys ist er der Kumpel von nebenan geblieben, der sich vom Publikum auch ausgiebig herzen und fotografieren lässt. Dies zeigt, dass er zu einer Art Volkstribun des Rock’n’Roll geworden ist. Im Prinzip ist es gar nicht nicht möglich, ihn, den Arbeitersohn aus New Jersey, zu mögen.

Harte und ehrliche Arbeit

Auf seiner gegenwärtigen Tour eröffnet er den Gig etwa mit einem schlichten „Auf geht’s!“ Kids und Knirpse intonieren die Refrains seiner Songs, während ein quietschendes Gummitier, das er vorher eingesammelt hatte, gar zum Begleitinstrument wird. Sein Gesicht strahlt dabei wie ein Honigkuchenpferd, während seine Spiellaune auf das Publikum überschwappt. Mittlerweile sammelt er die Songwünsche der Fans ein und entscheidet dann spontan, welchen Song davon die Band zu Gehör bringen muss – auch wenn er den Text, „Pretty Woman“ von Roy Orbison etwa, nur teilweise erinnert.

Es mag manche geben, die beklagen, dass er nur vier Akkorde drauf hat, die in stetiger Wiederkehr variiert werden. Auch, dass er mehrheitsfähig und weiß ist und als „Patriot in Blue Jeans“ (Economist) daherkommt. Das mag so sein. Nicht jeder muss das, ihn oder seine Musik mögen. Doch solange er das Haus so rocken kann, und das mit einer solch brutalen Energie, die man bei einem bald Sechzigjährigen niemals mehr vermutet, stören auch Pathos und Pathetik nicht, die den Auftritt mitunter begleiten. Sein vollkommen durchschwitztes Hemd und die patschnasse Jeans sind Symbole seiner Glaubhaftigkeit und Authentizität. Sie erinnern den Besucher daran, dass Rock’n’Roll auch und vor allem etwas mit harter und ehrlicher Arbeit zu tun hat.

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