Vorsprung durch Profession und Perfektion

Lance Armstrong war Chef des erfolgreichsten Doping-Systems im Sport. Gleichwohl war er auch der beste Fahrer im Feld und schenkte uns dabei Momente unglaublicher Intensität

Immer wieder erregen Dopingfälle die Medienöffentlichkeit. Vor allem dann ist der Aufschrei groß, wenn jene Sportler bei der Einnahme oder Anwendung unerlaubter Substanzen oder Methoden erwischt werden, die während ihrer Laufbahn spektakuläre oder außergewöhnliche Leistungen in einer bestimmten Disziplin erreicht haben. Auf diese Weise kamen einst Ben Johnson und Katrin Krabbe, Marion Jones und Carl Lewis, auch oft nach Beendigung ihrer aktiven Zeit, noch zu weiterer, eher zweifelhafter Prominenz.

Einige Sportler und Sportlerinnen mussten den Griff in den Drogenschrank teuer bezahlen. Der britische Radprofi Tom Simpson etwa, der 1967 am Mont Ventoux zu Tode kam; oder die deutsche Siebenkämpferin Birgit Dressel, ein international eher unbeschriebenes Blatt. Auch die Sprinterin Florence Joyner-Griffith, Trägerin eines Fabelweltrekords über 100 Meter, wird häufig in diesem Zusammenhang genannt, obwohl ihr zu Lebzeiten die Einnahme von Verbotenem nie nachgewiesen werden konnte; sowie Marco Pantani, der italienische "Bergkönig", der eines Morgens, an Depressionen leidend, mit einer Überdosis Kokain in einem Hotelzimmer vereinsamt und tot aufgefunden wurde.

Nicht immer war die Aufklärung oder Überführung eines Sportlers mit Ruhm bekleckert. Häufig kam es zu langwierigen Untersuchungen, Verfahren und öffentlichem Lärm und Zank über erhöhte Hämatokritwerte, über deren Wahrheitsgehalt schließlich der internationale Sportgerichtshof (CAS) befinden musste. Ebenso wurden die Sportbetrugsfälle jahrelang von Verschwörungstheorien begleitet. So stritt etwa der deutsche Langstreckenläufer Dieter Baumann mehrere Jahre erfolgreich gegen den Verdacht, er habe seine Leistungen, vor allem am Ende seiner Karriere, mit Aufputschern updaten wollen.

Spektakulär an dem Fall waren weniger die hartnäckigen Dementi, an die sich Beobachter und Zuschauer längst gewöhnt hatten, als vielmehr Fund und Erklärung, die Baumann damals zu seiner Entlastung lieferte. Jemand habe ihm im Hotelzimmer Nandrolon, eine verbotene Substanz, absichtlich in die Zahnpasta gespritzt, um ihm, der sich zu dieser Zeit gern als Kämpfer wider des Dopings gerierte, eins auszuwischen. Bis heute bestreitet er, sich mit dem Mittel einen Vorteil erkämpft haben zu wollen.

Längst ist jede außergewöhnliche Leistung, die ein Sportler oder eine Sportlerin vollbringt, von latenten Verdächtigungen und Unterstellungen begleitet. Besonders jene Disziplinen sind davon betroffen, in denen Ausdauer und Schnellkraft gefragt sind, also in der Leichtathletik, im Schwimmen und im Langlauf, aber auch im Baseball, American Football und, erst recht, im Radrennsport. Deshalb sind es auch vor allem diese Sportarten, die in den letzten Jahren in den Focus der Dopingjäger gerückt sind und auf die sie es in den letzten Jahren vorwiegend abgesehen haben.

Meist mit sehr wenig Erfolg, wie man bekanntlich mal wieder bei der Sommerolympiade in London gesehen hat. Als Usain Bolt, ohne sich sichtbar anstrengen zu müssen, um fünf Hundertstel am eigenen Weltrekord vorbeischrammte, Michael Phelps seine neunzehnte Goldmedaille einheimste oder Mo Farrah, ein britischer Langstreckenläufer, die afrikanischen Eliteläufer zuerst im 10 000 m und dann im 5000 m im Endspurt um Längen abhängte, schwang der Verdacht zwar ständig mit, ein positiver Befund und Nachweis auf Doping konnte jedoch nicht erbracht werden.

Dass Doping (freilich nicht nur) in diesen Sportarten an der Tagesordnung und jederzeit fester Bestandteil des Trainings, von Leistungsaufbau und Erholungsphasen ist, bestreitet mittlerweile niemand. Nur die Dummen oder die finanziell weniger gut Betuchten, meist in den zentralasiatischen Staaten oder den Staaten des ehemaligen Ostblocks beheimatet, in Weißrussland, Bulgarien oder Usbekistan, lassen sich noch auf frischer Tat ertappen.

Hinzu kommt, dass die Dopingfahnder den Dopern und ihren Helfershelfern stets einen Entwicklungsschritt hinterherhinken. Bis ein verlässliches Testverfahren gefunden oder entwickelt ist, um verbotene Substanzen oder Stimulantien nachweisen zu können, haben bereits neue Präparate, Methoden oder Verfahren im Profi- und Leistungssport Eingang gefunden, die die Einnahme verschleiern oder die sich nur sehr schwer nachweisen lassen.

Auch im Sport ist längst, ähnlich wie in der Netzkommunikation, ein Wettlauf in Gang, der häufig dem zwischen Hase und Igel gleicht. Immer wenn die Fahnder die Hoffnung haben, den pharmazeutischen Tricks der Sportbetrüger auf die Schliche gekommen zu sein, lugt irgendwo jemand um die Ecke, der dem Dopingjäger in schelmischer Art und Weise die Tafel: "Ich bin schon da" entgegenhält.

So oder so ähnlich mögen sich all jene, Fahnder, Redakteure und Kommentatoren vorgekommen sein, die Lance Armstrong, dem siebenmaligen Gewinner der Tour de France und Vorsteher und Gründer der Anti-Krebs-Stiftung Livestrong mehr als eine Dekade lang auf den Fersen waren, um ihn des fortgesetzten Sportbetrugs überführen zu können. Endlich scheint ihre Jagd von Erfolg gekrönt zu sein. Besonders die Redakteure einer bekannten süddeutschen Zeitung können sich selbstzufrieden auf die Schenkel klopfen. Jahrelang haben sie den Texaner in unzähligen Artikeln des Sportbetrugs bezichtigt.

Die Usada, die US-amerikanische Anti-Doping-Agentur, hat einen tausend Seiten umfassenden Bericht zusammengestellt, der den "Patron", wie er vom Peleton immer genannt wurde, zweifelsfrei des ständigen Dopings zu überführen scheint. Neben 27 Zeugenaussagen, darunter 15 Fahrer aus ehemaligen Teams, die jahrelang dessen "Wasserträger" waren, wie man dazu in der Branche sagt, enthält der Bericht auch Emails, Banküberweisungen und positive Testergebnisse, die jahrelang erfolgreich vertuscht worden sind.

Die Beweislage scheint erdrückend. Wer die Belege der Urteilsbegründung, die die Agentur für jedermann ins Netz gestellt hat, studiert, wird nicht nur Zeuge eines Kriminalstücks, dessen Oberschurke Armstrong ist, er wird auch rasch gewahr werden, dass Lance Armstrong fast ein Jahrzehnt lang nicht nur der Beste auf dem Rad und auf der Straße war, sondern auch der Raffinierteste, Ausgebuffteste und Gerissenste in der Organisation, Verwendung und Verschleierung verbotener Mittel.

Laut Travis Tygart, dem Chef der Usada, soll es sich um das "ausgeklügeltste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm" handeln, "das der Sport jemals gesehen hat." Armstrong wird nicht nur der Gebrauch gängiger Dopingmittel wie Epo, Kortison oder Testosteron vorgeworfen, sondern auch der Handel und die Verteilung der Mittel an sein Team sowie die Nötigung seiner Mitstreiter, diese Mittel auch einzunehmen. Wer sich danach weigerte, das "rote Gold" zu spritzen, drohte aus seinem Team zu fliegen.

Mittlerweile hat die Usada Armstrong bekanntlich alle Titel, darunter seine sieben Toursiege, aberkannt und ihn mit einer lebenslangen Sperre belegt. Deshalb konnte er auch am "Ironman" auf Hawaii, zu dem er ursprünglich gemeldet hatte, nicht teilnehmen. Gleichzeitig hat die Agentur dem Radsportweltverband (UCI) alle Unterlagen zugesandt. Dies ist insofern delikat, weil laut dieses Berichts der UCI Armstrong nicht nur lange Jahre gestützt hat, sondern ihn auch gegen alle Vorwürfe und Anfeindungen stets in Schutz genommen und verteidigt hat.

So hat der Radsportweltverband offenbar positive Proben, die den Funktionären bereits 1999 und 2001 vorlagen, vorsätzlich und stillschweigend unter Verschluss gehalten, wohl auch, um sein Aushängeschild in Sachen Sponsorengewinnung nicht öffentlich zu desavouieren. Andererseits hat der UCI zwei Spenden Armstrongs in Höhe von insgesamt 125 000 Euro dankend in Empfang genommen. Dass die Zahlungen eine Art Schweigegeld gewesen sein könnten, dementiert der UCI aber nach wie vor vehement.

An diesem Montag hat der Verband nun die Sperre bestätigt und das Urteil der Usada übernommen. Der Verband hatte auch gar keine andere Wahl. Nicht nur wegen der eigenen Verstrickungen in den Fall. Auch der öffentliche Druck war viel zu groß, als dass er dem Urteil auch nur im Kleinsten hätte widersprechen können.

Dabei ist zunächst, was im allgemeinen "Lärm und Getöse" untergegangen ist, gar nicht klar, ob das Urteil, so wie es formuliert ist, überhaupt rechtens ist. Zum einen stützt sich die Anklageschrift ausschließlich auf Zeugenaussagen von Mitstreitern und Konkurrenten, die tatsächlich selbst des Dopings überführt worden sind. Bekanntlich wurde Armstrong offiziell nie positiv getestet, was eigentlich unabdingbar für Sperren ist; zum anderen gibt es eine Verjährungsdauer von acht Jahren, die dazu führt, dass er einige seiner Titel behalten dürfte.

Ob Armstrong dagegen gerichtlich vorgehen wird, ist aber eher fraglich. Zumal ihm dann, wie seinerzeit Marion Jones, ein Meineidverfahren droht, in dem er dann wegen Falschaussagen verurteilt und eingesperrt werden könnte.

Auch seinen Sponsoren, der Sportartikelhändler Nike, die US-Brauerei Anheuser-Busch und der Radproduzent Trek, ist es letzte Woche schon mal mächtig heiß unter den Füßen geworden. Vorsorglich haben sie ihre Kontrakte mit Armstrong aufgelöst und ihn gezwungen, den Vorsitz seiner Stiftung abzugeben. Mit einem Doper zu werben oder in Verbindung damit gebracht zu werden, möchte bekanntlich niemand. Erst recht nicht mit kriminellen Praktiken, mit Nötigungen, Täuschungen und Sportbetrug.

Wohlfeil wäre es allerdings, die Scheinheiligkeit und Heuchelei zu rügen, die sich allerorten ausgebreitet hat und der Entrüstung über den Sportbetrüger eine Entrüstung zweiter Ordnung folgen zu lassen. Beispielsweise über jene Firmen herzuziehen, die eine Dekade lang mit seinem Konterfei geworben, sich in den Erfolgen des Texaners gesonnt haben und ihn jetzt, wo der Held vom Thron stürzt, wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Oder über all jene Medien herzufallen, die all die Jahre herrliche Quoten und Verkaufszahlen mit dem Texaner erzielt, die seine wundersame Heilung vom Hodenkrebs immer wieder neu und anders nacherzählt, seinen Aufstieg zum Tourhelden begleitet und seine grandiosen Siege bewundert haben.

Zumal jedermann weiß, auch jene selbsternannten Dopingjäger in süddeutschen Redaktionsstuben, dass Doping im Profi- und Spitzensport weniger Ausnahme als die Regel ist. Spitzenleistungen im Sport sind, insbesondere nicht von den Pedaleuren bei der Tour de France, nicht mit Mineralwasser, Vollkornnudeln und Energieriegeln allein zu erbringen. Gut 3800 km in drei Wochen mit durchschnittlich mehr als 40 km/h im Sattel eines Rades zu verbringen, dabei mehrere Gebirgspässe und Berge der vierten Kategorie mit Steigungen bis zu 15 Prozent zu meistern, bewältigt man nicht, ohne den Zusatz leistungssteigernder Mittel.

Schon seit ihren Anfängen ist die Tour davon betroffen. Dementsprechend lang ist die Liste der Sünder. Sie reicht von Richard Virenque über Bjarne Riis, Ivan Basso und Michael Rasmussen bis hin zu Floyd Landis und Alberto Contador. Auch dem letztjährigen Toursieger, dem Briten Bradley Wiggins, wird dasselbe unterstellt. Bekannt ist schließlich auch der Ausspruch des ehemaligen Radprofis Philippe Gaumont, der 2005, als die Nachricht der Sportzeitung L'Equipe die Runde machte, in eingefrorenen Urinproben Armstrongs seien Spuren von Epo entdeckt worden, in trockenen und nüchternen Worten kommentierte: "Das ist doch kein Scoop. 1999 haben alle Epo genommen."

Darum, denke ich, ist es an der Zeit, an dieser Stelle endlich mal eine Lanze für Lance Armstrong zu brechen, um dem moralinsauren Wolfsgeheul aller selbstgerechten Heuchler und Scheinheiligen etwas entgegenzusetzen. Viele davon gibt es nicht. Nur ganz wenige trauen sich aus der Deckung, um Armstrong zumindest ein bisschen zu verteidigen.

Es ist ja nicht so, als ob Armstrong mit Blutdoping alle anderen Fahrer bei der Tour betrogen hätte. Das konnte er allein schon deswegen nicht, weil kaum ein Spitzenfahrer ungedopt an den Start gegangen ist. Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass alle seine damaligen Konkurrenten, gleich ob es sich um Jan Ullrich, Joseba Beloki oder Alexander Vinokourov handelte, die gleichen Mittel im Blut hatten.

Insofern verschaffte sich der siebenmalige Tourgewinner auch keinen Wettbewerbsvorteil. Betrug wäre es nur, wenn er Mittel benutzt hätte, die allen anderen nicht zur Verfügung gestanden hätten. Da das aber nicht der Fall war, alle Rivalen sich der gleichen Methoden bedienten, begegneten sie sich auf den Straßen auch auf Augenhöhe. Legt man diese Tatsache zugrunde, dann kann man sagen, dass Armstrong trotzdem der beste aller Pedaleure gewesen ist.

Nicht nur, was seine akribische Vorbereitung auf die Tour angeht. Anders als etwa Jan Ullrich lebte der Texaner, auch während der freien Zeit im Winter, immer asketisch und achtete stets streng auf sein Gewicht. Im Frühjahr studierte er jede Steigung und jede Abfahrt sehr genau und fuhr sie mit seinen Leuten mehrmals ab. Sondern auch, was die Auswahl, die Bezahlung und die Organisation des Teams, zunächst von US Postal, später von Discovery Channel angeht. Auch auf diesem Gebiet, in der Sponsorengewinnung ebenso wie in der Vermarktung seiner Teams, war Armstrong immer der Professionellste.

Bis heute ist mein Freund Sepp Gumbrecht der felsenfesten Überzeugung, dass Lance Armstrong vor allem wegen dieser "neoliberalen" Einstellung, wie so mancher heute unken würde, also wegen seiner kühlen, nüchternen und überaus rationalen Arbeits- und Vorgehensweise, von den europäischen Medien nicht jene Anerkennung gefunden hat, die ihm aufgrund seiner Leistungen zugestanden hätte.

Anders als etwa seinem deutschen Konkurrenten Jan Ullrich, der ähnlich talentiert und alle körperlichen Winkel und Drehmomente mitbrachte, um Armstrong zu schlagen, fehlte ihm die "Leidenschaft", wie das der ehemalige Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc mal ausgedrückt hatte. Armstrong war kein Romantiker in Pedalen und kurzen Hosen, sondern ein Sportler mit Kalkül, jemand, der seinen Lebensstil (vermutlich auch wegen seiner Krebs-Erkrankung) seinem Beruf anpasste, zur rechten Zeit wie eine Maschine funktionierte und nichts dem Zufall überließ.

Und in der Tat gehörte der Texaner nicht gerade zu den beliebtesten Fahrern im Peleton. Er war zwar geachtet, weil er das Feld fahrtechnisch beherrschte, aber auch schlecht beleumundet, weil er niemals Widerspruch duldete. Als 2004 der Italiener Filippo Simeoni auf der 18. Etappe nach Lons-le-Saunier zu einer Ausreißergruppe vorfahren wollte, fuhr der Texaner demonstrativ mit und drohte, solange an Simeonis Seite zu verbleiben, bis er die Ausreißer eingeholt habe. Der Italiener, der zuvor Armstrong im Streit um den Doping-Mediziner Michele Ferrari wegen Verleumdung angeklagt hatte, brach daraufhin seine Attacke ab. Die Mehrheit des Fahrerfeldes solidarisierte sich danach mit dieser umstrittenen Aktion des Amerikaners.

Nicht zufällig erhielt er deswegen schon bald von den Radprofis den Beinamen "Le Patron", was man wahlweise mit Dirigent oder Kommandant, mit Leader oder Heiliger übersetzen könnte, und keinesfalls nur anerkennend gemeint war. Darum sollte es auch niemanden verwundern, dass einige seiner Mitstreiter, heißen sie nun Tyler Hamilton oder Floyd Landis, befreit von der Vormundschaft des Texaners, jetzt die Gelegenheit nutzen, den Meister in die Parade zu fahren und vielleicht alte Rechnungen mit ihm begleichen wollen.

Das ist aber nur das eine. Das andere ist, dass Armstrong uns in all den Jahren, wie Sepp Gumbrecht das nennt, "Momente focussierter Intensität" geschenkt hat. Unvergessen bleiben, auch wenn das von Medien und den moralisch Korrekten herabgewürdigt wird, seine Duelle am Berg mit Ullrich und all den anderen. Beispielsweise in der Tour 2000, in der ersten Pyrenäen-Etappe von Dax nach Lourdes-Hautcam, als er im 13,5 km langen Schlussanstieg zur Skistation sowohl Ullrich als auch Patani sagenhafte vier bzw. knapp sechs Minuten abnahm. Und das bei peitschenden Regen und kalten und böigen Winden.

Oder ein Jahr später beim Beginn des Schlussanstiegs nach Alpe d'Huez, als er seinen Konkurrenten einen Schwächeanfall vortäuschte, um sich urplötzlich an die Spitze zu setzen. Ehe er endgültig loszog, schaute er sich kurz nach Ullrich um und blickte ihm einen Augenblick lang tief in die Augen. Und schließlich 2003, als der Texaner beim Anstieg nach Luz Ardiden einen Zuschauer touchierte, deswegen vom Rad fiel, sich wieder aufrappelte, um dann, nachdem seine Rivalen fairerweise das Tempo verlangsamt und auf ihn gewartet hatten, zu einer grandiosen Alleinfahrt anzusetzen, in der er seine Konkurrenten später um Längen distanzierte.

All das und noch vieles mehr wird in Erinnerung bleiben. Zumindest in der meinigen. Und diese intensiven Momente werden auch nicht durch irgendwelche nachgereichte Dopinggeschichten oder Dopingsünden beeinträchtigt oder gar verschwinden. Zu präsent und nachhaltig waren die Momente, die ich da vor dem Bildschirm erleben durfte. Und zu gewiss war ich auch, dass selbstverständlich Epo im Spiel war. Ohne dieses Dynamit und diese Luft in Beinen und Lungen, die die Vermehrung der roten Blutkörperchen erzeugt, könnte niemand in diesem Tempo den Berg hochstürmen.

Wie überhaupt es höchst seltsam und erstaunlich ist, wie eine Gesellschaft, deren Eliten, gleich ob Politiker, Manager oder Journalisten, sich selbst häufig irgendwelcher leistungsstimulierender Mittel bedienen, mit Koks, Koffein oder anderen Wachmachern hantieren, um den beruflichen Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden, ständig die moralische Keule schwingt, wenn wieder mal einer der Ihren bei der Einnahme unerlaubter Substanzen erwischt worden ist.

Doping wird bekanntlich erst dann hinfällig werden, wenn Leistungsanforderungen heruntergeschraubt werden, die Gesellschaft dem "Immer weiter, immer schneller, immer höher" entsagt und sich mit "menschlichen Maßverhältnissen" (Negt/Kluge) zufrieden gibt. Das wird sicherlich nicht der Fall sein. Dazu ist sie zu sehr auf Leistung getrimmt. Darum ist bei Lichte besehen die Anti-Doper Fraktion mit ihrem moralischen Getue gewiss nicht viel besser und mindestens ebenso gefährlich wie die der Doper.

Zumal man nicht vergessen sollte, dass es schon des Längeren Erfahrungsberichte gibt, die die Wirkungen von Epo, das Hochgefühl und die wundersame Kraft, die die Blutkörperzufuhr hervorruft und verleiht, mit Wohlwollen oder anerkennend beschreiben. "Drei Spritzen zu ein paar Hundert Euro haben mir mehrere Tausend Trainingskilometer erspart. Ich beginne zu verstehen, was Epo im Radsport bewirkt hat", weiß ein Zeit-Redakteur zu berichten, der das schon mal ausprobiert hat. Gern würde ich mich daher selbst mal für eine Epo-Kur zur Verfügung stellen, um dessen Effekte beim Sport zu testen. Zumal man erfährt, dass so manche, "die bei intensiver Belastung auf dem Standrad schon nach einer Viertelstunde schlappmachten, unter Epo gar nicht mehr absteigen wollten".

Es ist ja nicht so, als ob durch die Causa Armstrong das Thema Doping beseitigt wäre oder der schlimmste Doper dingfest gemacht worden wäre. Längst gibt es raffiniertere Mittel und Wege, seine Leistungen zu steigern, durch Prothesen, durch Wachstumshormone oder gezieltes Höhentraining, was nichts anderes als Blutdoping ist. Schon deswegen ist es hirnrissig, das eine (illegal) gegen das andere (legal) auszuspielen und Leistungen wie die von Mo Farrah, die allein durch das umstrittene Oregon Projekt, von Nike gesponsert, zustande gekommen sind, zu huldigen.

Weil dem so ist, die Heuchler, Scharlatane und Scheinheiligen überall sind, wird das Thema Doping uns noch lange erhalten bleiben. Es wird erst dann von der Agenda verschwinden, wenn man sich endlich dazu hinreißt, es im Sport unter ärztliche Aufsicht zu stellen und freizugeben. Dann verursacht es auch nicht jenen körperlichen Schaden, dem man dem Doping immer andichtet. Unter Aufsicht eines kompetenten Mediziners verabreicht und sorgsam eingesetzt, kann es sogar ganz nützlich sein. Was endlich mal zu beweisen wäre.

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