Wachablösung im deutschen Profifußball

Viermal hintereinander besiegt der BVB aus Dortmund den deutschen Rekordmeister aus München. Das ist bemerkenswert und auch kein Zufall

Im Vorfeld des zum "Kampf der Giganten" und/oder deutschen "El Clásico" aufgebauschten Meisterschaftsspiels zwischen dem Tabellenführer aus Dortmund und dem Verfolger aus München war es ungewohnt ruhig geblieben. Anders als in vergleichbaren Fällen, als es gegen Köln, Leverkusen, Bremen oder Schalke ging, war die "Abteilung Attacke", wie die Presse den vormaligen Manager und jetzigen Präsidenten des FC Bayern, Uli Hoeneß, gern bezeichnet, merkwürdig schmallippig und stumm geblieben.

Noch Anfang Februar, als Dortmund 2:0 in Nürnberg gewann, der FC Bayern in Hamburg tags drauf nur ein Unentschieden erzielte und damit die Tabellenführung abgeben musste, klang das noch anders. Da wies Hoeneß in einem gut kalkulierten Sidekick gegen die gelbschwarzen Aufsteiger der letzten und diesjährigen Saison darauf hin, dass der FCB 2005, als die Dortmunder Borussia die Spielergehälter nicht mehr bezahlen konnte und kurz vor der Pleite stand, ein zinsloses Darlehen in Höhe von zwei Millionen Euro gewährt habe ( Typisch Uli Hoeneß).

Und ein paar Tage später zettelte der Vorstandvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, der sein Team durch zweifelhafte Schiedsrichterentscheidungen benachteiligt sehen wollte, auch nach dem Hamburg-Spiel, gar gezielt eine Schiedsrichter-Debatte in der Liga an. Ihm falle auf, ächzte Rummenigge gegen die Schiedsrichter, dass die Unparteiischen "im Moment eigenartig" pfiffen. Er, und nicht nur er, bekäme manchmal den Eindruck, dass es heiße: "im Zweifelsfall contra Bayern".

Von da an dachten noch viele, jetzt, wo man nach der besten Saisonvorbereitung aller Zeiten unerwartet ins Hintertreffen geraten war, werde in bekannter Manier zum verbalen Angriff auf die gelbschwarze Konkurrenz geblasen, die durch derlei Äußerungen verunsichert werden sollte. Da glaubte man auch noch, der sich ins präsidiale Haus verabschiedete Hoeneß habe seinen "Beißreflex", mit dem er in den letzten Jahrzehnten alle möglichen Rivalen, aus dem Feld geschlagen hatte, wiederentdeckt und keile nun bewusst wieder gegen aufkommende Konkurrenz aus.

Doch nichts von alldem war vor dem Gipfeltreffen zu vernehmen. Weder aus seinem noch aus dem Mund des Vorstandsvorsitzenden. Im Gegenteil: Im "Audi Star Talk", den der TV-Sender Sport1 allwöchentlich auf seinem Kanal verbreitet,pumpte Hoeneß an Ostern den Rivalen aus dem Ruhrpott gar zum ernsthaften Gegner auf, nicht nur für diese Saison, sondern auch für die nächsten Jahre.

Er fände es toll, meinte er mit leichtem Lächeln in den Mundwinkeln, dass nach Jahren endlich wieder ein Verein komme, der auf Augenhöhe mit dem FC Bayern agiere. Und das auch mal für längere Zeit. Viele Vereine hätten das in den letzten beiden Dekaden versucht, Bremen, Dortmund oder Schalke, das dann aber wieder abgebrochen. Mit dem BVB, so der Bayern-Boss weiter, wachse ein Verein heran, "der wirklich einige Jahre lang das mit uns auf Augenhöhe betreiben kann".

Der Spott, der sich in den beiden Nachsätzen ("abgebrochen", "einige Jahre") über die an der Raffinesse des Managers und der finanziellen Potenz des Branchenführers gescheiterten Konkurrenz kundtat und als Warnung in Richtung Borussia zu lesen und zu verstehen war, war unüberhörbar. Die Gelbschwarzen würden schon sehen, wo sie hinkämen, wenn sie es erneut wagten, sich mit den Roten anlegten, sollte das wohl heißen. Die Herausforderung der Dortmunder nähmen er und der Verein jedenfalls dankend an.

Die meisten Argumente, so schien es zumindest vor dem "Gigantentreffen", hatte der Bayern-Präsident auf seiner Seite. Hatten die Gelbschwarzen durch ihr vorzeitiges Aus nach der Vorrunde der Champions League nicht gezeigt, dass ihnen noch die internationale Klasse fehle, während sich der FC Bayern mit den Topteams aus Madrid und Barcelona bald um die europäische Krone streite? Hatte der FCB nicht die Meisterschaftsspiele davor, wenn auch mit Mühe und mitunter etwas glücklich, allesamt gewonnen? War der komfortable Sieben-Punkte-Vorsprung des BVBs durch zwei unnötige Unentschieden gegen Augsburg und Stuttgart nicht auf drei Punkte zusammengeschmolzen? Konnten die Münchner nicht durch einen Sieg und dank des besseren Torverhältnisses die Spitze übernehmen und das Meisterschaftsrennen dann in Eigenregie bestimmen?

Nun, nach der vierten Niederlage in Serien (2:0 und 3:1 in der letzten, zweimal 1:0 in der diesjährigen Serie), dürften Hoeneß und seine Vorstandskollegen wohl etwas nachdenklicher geworden und darüber mächtig ins Grübeln gekommen sein. Ein Ausbildungsverein schlägt in Folge den Branchenprimus, und das auswärts wie daheim? Den Gesichtern auf der Tribüne, den starr gerade ausgerichteten Augen und den schmal zusammengekniffenen Lippen war jedenfalls anzusehen, wie groß die Enttäuschung über das 0:1 war, wie sehr die Niederlage an ihnen nagte und wie gewaltig es nach der abermaligen Pleite in ihnen brodelte.

Eng, sehr eng wird es jedenfalls im Saisonfinale nach diesem Spiel, wie Hoeneß im "Audi Star Talk" noch prognostiziert hatte, nicht mehr werden. Und das Torverhältnis, das er noch für sich reklamiert hatte, wird auch keine ausschlaggebende Rolle mehr spielen. Nichts haben die Bayern mehr in der eigenen Hand. Der BVB kann sich nur noch selbst ein Bein stellen, etwa, wenn er im Revierderby untergehen sollte und obendrein ihre Heimspiele gegen Gladbach und Freiburg versemmelt. Angesichts der körperlichen Stärke und mentalen Präsenz der Spieler und ihres Trainer ist das aber nicht zu erwarten.

Zuletzt hatte eine solche Niederlagenserie bekanntlich Otto Rehhagel mit Werder Bremen in den Achtzigern geschafft. Worauf Hoeneß, wie er das als Manager in solchen Fällen immer gemacht hat, "König Otto" den Bremern auch gleich abspenstig gemacht und mit klingender Münzen zu den Bayern gelotst hat.

Doch Dortmund ist nicht Bremen. Geschichte wiederholt sich zwar, aber immer anders. Werder Bremen ist ein vergleichsweise kleiner Verein, dessen Medienlandschaft, Sponsorenumgebung und finanziellen Möglichkeiten von Haus aus sehr begrenzt sind, wie man gerade beobachten kann. Zwei, drei Fehleinkäufe, etwas Hickhack im Verein und in der Mannschafskabine - schon geht es abwärts.

Mit der Borussia aus Dortmund wird das nicht so leicht gelingen. Der Verein hat aus den unseligen Jahren nach dem Gewinn des Cups der Landesmeister anno 1997 gelernt, wo man unglaubliche Summen für Amoroso und Co ausgab und danach an Altstars wie Kalle Riedle aus Dankbarkeit und wider besseren Wissens zu lange festhielt. Auch wird es dem FC Bayern nicht gelingen, Jürgen Klopp wie damals noch Otmar Hitzfeld an die Isar zu locken. Der Verein hat dem längst einen Riegel vorgeschoben und dessen Vertrag frühzeitig bis 2016 verlängert.

Gewiss besteht noch ein großer Abstand zwischen den beiden derzeitigen Topklubs der Liga. Genau genommen 100 Millionen Euro, die der FC Bayern mehr an Umsatz macht als die Konkurrenz aus Dortmund oder Schalke. Noch immer stehen die Sponsoren Schlange, wenn das Triumvirat an die Säbener Straße ruft, und unterstützen Weltkonzerne wie die Telekom oder Audi den Verein jährlich mit Millionen im zweistelligem Bereich.

Noch immer sprudelt die Dauerpräsenz in der Champions League Zigmillionen auf das selbstredend üppig gefüllte Festgeldkonto. Und noch immer sind die Münchner Bayern in der Lage, Spielern wie Schweinsteiger, Lahm, Ribéry oder Robben pro Jahr dreimal so viel, nämlich neun Millionen Euro, zu zahlen wie den derzeitigen Dortmunder Großverdienern Hummels, Götze oder Kehl.

Die Niederlagenserie, die der FCB zuletzt im Vergleich mit dem BVB eingefahren hat, sind aber nur das eine. Viel schmerzhafter dürften die Abfuhren sein, die der Verein bei Erwerb junger und aufstrebender Starspieler erhalten hat. Mario Götze etwa, den man schon mal via Presse als zukünftige Spieler virtuell verpflichtet hatte, verlängerte seinen laufenden Vertrag beim BVB bis ins Jahr 2016 zu weit geringeren Beträgen, die er in München eingeheimst hätte, wenn er dorthin gewechselt wäre.

Und auch Marco Reus, den vormals umworbensten Spieler der laufenden Saison, entschied sich, obwohl ihm ein unterschriftreifes Angebot der Münchner vorlag, das ihm weit mehr eingebracht hätte, gegen den Branchenprimus, was danach zu teilweise wütenden, teilweise spöttischen Bemerkungen seitens der Verantwortlichen und Spieler führte. Was allein für sich genommen schon höchst bemerkenswert war und ist.

Nicht nur, weil jenes Hoeneßsche Diktum hinfällig wird, wonach der FCB noch jeden Spieler verpflichten kann, den er haben will. Womit sich auch jene Taktik in Luft aufgelöst hat, den gefährlichsten Gegner durch Wegkauf seiner besten Spieler zu schwächen. Sondern auch, weil offenbar Spieler auch zu Gehaltsverzicht bereit sind, wenn Umfeld und Perspektiven, die ihnen geboten werden, stimmen.

Zum Beispiel ein ebenso emotionaler wie kompetenter Trainer, der eine Spielidee besitzt und die Spieler reihenweise stärker macht; ein verschworenes Team ohne Diven und Selbstdarsteller, das attraktiven Fußball mit hoher Intensität, Kampfkraft und Laufbereitschaft bietet; das größte Stadion der Republik mit der stimmgewaltigsten Kulisse im Rücken; leidenschaftliche Fans, die ihr Team ausnahmslos nach vorne peitschen und die Mannschaft in Massen zu den Auswärtsspielen begleiten; eine klug agierende Führungsriege, die ihre Millionen in junge und aufstrebende Spieler investiert, die von der Spielauffassung und vom Charakter her ins Team passen.

So gesehen offenbart die vierte Niederlage in Folge mehr als den Verlust dreier Punkte und das vermeintliche Aus im Meisterschaftsrennen. Es kündigt eine Zeitenwende im deutschen Profifußball an. Ob damit auch auf absehbare Zeit eine Wachablösung oder gar ein "Machtwechsel" verbunden ist, wird man abwarten müssen. Das Potential dazu, was Fans und Stadion, Merchandising und Umfeld angeht, hat die Borussia zweifellos. Sie ist ja schon dabei, dem FCB einige Marktanteile abzujagen.

Die entscheidende Frage wird jedoch sein, wie und ob sie sich auch international etablieren kann. Nur, wer dauerhaft in der Champions League präsent und da auch erfolgreich ist, kann das angehen und von sich behaupten. Die nächste Saison wird dafür entscheidende Impulse liefern müssen. Ein erneutes, frühzeitiges Ausscheiden in der Champions League kann sich die Borussia jedenfalls nicht mehr leisten.

Ob der FCB wiederum seine selbst gesteckten hohen Ziele, die er für diese Saison ausgegeben hat, erreichen kann, ist nach dieser ebenso bitteren wie verdienten Niederlage im Signal-Iduna-Park mehr als fraglich. Die Meisterschaft ist mehr oder minder abgehakt. Im Pokalfinale gegen den BVB droht die fünfte Niederlage in Serie. Und in der Champions League ist man gegen die beiden spanischen Topteams, mit denen sich Uli Hoeneß selbstredend auf Augenhöhe wähnt, doch eher Außenseiter. Das "Mia san Mia" wird dafür sicher nicht ausreichen.

Um Ronaldo, Messi, Benzema und Co. Paroli zu bieten, ist die Abwehr zu schwach, das Angriffspiel mit den Zangenspielern Ribery und Robben, wie andere Mannschaften schon aufgezeigt haben, zu statisch und ausrechenbar. Werden sie zugestellt, wie die Borussia es erneut meisterlich fabriziert hat, hängt Mario Gomez, obendrein mit technischen Unzulänglichkeiten belastet, in der Luft. Und im Zentrum, wo Spiele auf diesem Niveau letztlich entschieden werden, tut sich beim FCB derzeit zu wenig. Müller, Kroos und Schweinsteiger scheinen trotz all der großen Worte, auch dank Verletzungen, des viel zu kleinen Kaders und ob der vielen Spiele, derzeit etwas müde und ausgelaugt zu sein.

Hier rächt sich, wenn der Trainer dank der Divenhaftigkeit einiger Starspieler nicht früh- oder rechtzeitig rotieren darf oder kann. Weder bei der Borussia noch bei Real und Barca muckt jemand auf, auch kein Xavi, Iniesta, Higuáin oder Káká, wenn er auf der Ersatzbank Platz nehmen muss, ausgewechselt wird oder nur eine Halbzeit zum Einsatz kommt. Beim FCB hingegen schon. Da darf der eine oder andere Star schon mal an den Tegernsee fahren, um sich an Ulis Brust ausweinen.

Viel spricht daher dafür, dass es auch hierzulande bald einen Dualismus wie im spanischen Fußball geben könnte, bei der die Meisterschaften künftig zwischen zwei Vereinen ausgemacht werden, die mit Abstand vor der Konkurrenz hermarschieren.

Für den deutschen Profifußball, die Nationalmannschaft und vor allem die Fans in den Stadien ist das zunächst mal eine ausnahmslos gute Nachricht. Fortan ist nicht mehr klar, wer die Meisterschale nach Abschluss der Saison in Händen halten wird. Und durch den Konkurrenzkampf wird der eine oder andere Spieler sicher noch stärker, mental, technisch und physisch.

Besser wäre es natürlich, wenn andere Vereine, sagen wir mal: Schalke, Leverkusen oder auch der HSV, der derzeit noch mit dem Abstieg ringt, endlich auch aufschließen könnten. Aber das ist dann doch eher Zukunftsmusik. Eher ist auch im deutschen Profifußball von einer Drei-Klassen-Gesellschaft auszugehen, von zwei Teams, die den Titel unter sich ausmachen, einer Mittelklasse, die sich um die weiteren internationalen Plätze raufen wird, und eine Resttruppe, die jedes Jahr darum ringt, den Abstieg zu vermeiden.

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