Warum lässt die GEMA Youtube nicht auf die Weide?

Was die GEMA von Patent-Trollen lernen könnte

Die GEMA lässt bekanntlich bei Youtube etliche Videos sperren, weil diese Musikwerke enthalten, deren Rechtewahrnehmung innerhalb der Bundesrepublik der GEMA obliegt. Dass Youtube die GEMA-Künstler in irgendeiner Form beteiligen muss, ist nicht das Thema, denn dies tut Youtube bereits in über 40 Ländern. Offensichtlich geht es um den Preis, den die GEMA bei 0,6 Cent pro Abruf aufruft. Aus wirtschaftlicher Sicht ist allerdings nur bedingt nachvollziehbar, warum die GEMA sich nicht auf ihre finanziellen Ansprüche beschränkt, sondern von ihrem Unterlassungsanspruch Gebrauch macht. Wenn die GEMA ihre Künstler reich machen und für jeden einzelnen Abruf kassieren will, müsste sie doch ein vitales Interesse daran haben, dass sich möglichst viele solcher Abrufe anhäufen, ob rechtmäßig oder nicht. Nach diesem Prinzip arbeiten sogenannte Patent-Trolle, die sich ein Patent eintragen lassen und dann keine eigene Arbeit mit der Umsetzung machen, sondern Unternehmer bei Patentverletzung beobachten und stillschweigend gewähren lassen und erst zuschlagen, wenn es etwas zu holen gibt. Selbst die Piratenpartei fordert nur die Freigabe der Digitalkopie zu nichtkommerziellen Zwecken, hat aber nichts dagegen einzuwenden, wenn die Urheber bei Verwertungsmodellen mitverdienen.

Das aktuelle Vorgehen der GEMA hat den Charme eines Nachbarschaftsstreits, bei dem der eine dem anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt. Um die Verhandlungsposition zu stärken und Druck auszuüben, knipst die GEMA Youtube ihr Material aus und bewegt sich damit im wahrsten Sinne des Wortes auf dem banalen Niveau von „Hier spielt die Musik!“ Bedenkt man, dass der Youtube-Eigentümer, nämlich der Google-Konzern, keinen Hunger leidet, wenn ein Teil des Materials in Deutschland nicht verfügbar ist, stellt sich die Frage, ob die GEMA ihre Lage wirklich verstanden hat. Youtube kann die aktuellen Nutzerinteressen durch etliche andere Angebote bedienen, so dass nicht einmal ausgemacht ist, ob Youtube spürbar weniger Anzeigen verkauft. Finanziell Leidtragende des lähmenden Streits sind daher vor allem die angeblich so kompetent vertretenen Künstler, die um die Partizipation gebracht werden; kulturell leiden die Nutzer.

Die Aggressivität mancher Rechteinhaber trifft nicht selten sogar die Falschen. 2010 etwa kam es zu den „Raublöschungen“, als irrtümlich ausgerechnet Videos von Netzaktivisten gesperrt wurden. Selbst bei den Urhebern bezahlte Musik zur Unterlegung von Videobeiträgen führte 2011 irrtümlich zu digitalem Vandalismus, etwa im Fall von Nina Paley, die sich die Töne ihres Films 55.000,- $ hatte kosten lassen. Ein aktuell Betroffener ist der letzte Woche vorgestellte Animationskünstler Cristóbal Vila, dessen Video „Nature by Numbers“ bei Youtube derzeit nicht zu sehen ist, weil offenbar die Musik von den Filtern als grundsätzlich GEMA-geschützt identifiziert wurde. Durch den Telepolis-Beitrag erfuhr Vila von der Sperrung und reagierte mit Befremden, da er sich die Musik von Wim Mertens hatte lizensieren lassen. Im Gegenteil schätzte Mertens die Arbeit von Vila so sehr, dass es sogar zu einem gemeinsamen Projekt beider Künstler kam.

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