"Was in meinem Land Genozid genannt wird, heißt in Texas juristisches System"

Zwischen Louis de Funes und Eddie Murphy: Sasha Baron Cohen als fast famiientauglicher Diktator

General-Admiral Haffaz Aladeen stammt aus Wadiya, einem ölreichen nordafrikanischen Wüstenstaat, der offenkundig vom "Arabischen Frühling" noch nichts gehört hat. Denn Aladeen selbst ist der Staatschef, oberster Militär, bester Sportler, klügster Wissenschaftler und erfolgreichster Künstler dieses Landes zwischen dem Sudan und Saudi-Arabien - und er ist komplett wahnsinnig.

Ein totalitärer Herrscher wie aus dem Bilderbuch, irgendwo zwischen Ghaddafi und Osama Bin Laden: "Bei mir haben Frauen die gleichen Rechte wie Männer, nämlich gar keine." Am Anfang sieht man den Tyrann in einem prächtigen Palast. Polaroids erzählen von Stars in seinem Bett - Oprah Winfrey, Lindsay Lohan und Arnold Schwarzenegger -, Megan Fox hat dabei einen großartigen Cameo-Auftritt, in dem sie sich selbst spielt, er hält Reden - "Tod dem Westen" -, in denen er vom Atomprogramm seines Landes und sauberer Energie erzählt - dies sind eher billige Witze, allerdings gelingt es dem Film trotzdem nicht, die Dimension der bitteren Scherze zu erreichen, die die Realität mit uns spielt: "Was in meinem Land Genozid genannt wird, heißt in Texas juristisches System."

Alle Bilder: Paramount Pictures

Aladeens Premierminister Tahir (Ben Kingsley) war einst einmal der legitime Thronerbe, und möchte selbst auf Aladeens Posten. Nach einem fehlgeschlagenen Attentat überredet er Aladeen dazu, nach New York - "in den Geburtsort von Aids" - zu fliegen und bei der Vollversammlung der UNO eine Rede zu halten. Dort lässt er ihn entführen, ihm den Bart abscheren und durch einen willfährigen Doppelgänger austauschen. Doch gelingt Aladeen die Flucht. Und so wandert Aladeen nun bartlos durch Manhattan und kann mit allem, was er kann, weiß und denkt, in New York nichts mehr anfangen - der Witz schlägt also aus dem Zusammenprall zweier Welten kräftige Funken.

Recht bald landet Aladeen in Brooklyn in einem linken Bioladen, und wird von dessen Besitzerin Zoey (Anna Faris) aufgenommen. Dies wird zu einer Art zweiter Geburt: Er muss seine Ansichten fallen lassen, lernen, was westliches Leben bedeutet, und er verliebt sich in sie - eine Erziehung des Herzens, die dem Film ausgiebig Gelegenheit gibt, sich über Feminismus, Vegetarier, Immigranten und das linksliberale Milieu lustig zu machen.

So richtig absurd, wie man es von "Borat" oder "Brüno" gewohnt war, ist etwa jener Moment, in dem Aladeen sich einmal das New Yorker "Little Waadeya" ansieht, das voller Menschen steckt, von denen der Diktator dachte, er hätte sie längst exekutiert. Und bald ist ihm Premierminister Tahir mit seinen Häschern wieder auf den Fersen...

Es gibt also auch noch Suspense, "Der Diktator" wird zum Thriller, um dann am Ende auch ein wenig Liebesromantik zu zelebrieren und so bewegt sich dieser Film vom geschmacklos-pubertären Stil der "Borat"-Zeiten eher zum familientauglichen Niveau einer Louis-de-Funes- oder Eddie-Murphy-Komödie. Ganz gelegentlich hört man auch ein fernes Echo von Chaplins "Der Große Diktator" oder von "Duck Soup", jenem sagenhaften Film der Marx Brothers, in dem Groucho Marx den Diktator des Staates Freedonia spielt, und der den ganzen Film in Form von Zitaten durchzieht (- oder sagt man dazu neuerdings auch "Urheberrechtsverletzung"?).

Auch sonst wirkt dieser Film klassischer, braver, als frühere: Im Gegensatz zu "Borat" und "Brüno", bei denen auch Larry Charles Regie führte, gibt es hier immerhin eine richtige Geschichte. "Der Diktator" ist witzig, ein bisschen obszön, ekelig, vulgär und gnadenlos satirisch - aber er ist doch viel netter und braver als die beiden bisherigen Filmerfolge von Sacha Baron Cohen. Manche werden sagen langweiliger, andere werden sich freuen: Weniger geschmacklos. Viel weniger hip. Einfach witzig. Und dies ist für alle, die einfach eine normale Komödie für Erwachsene sehen wollen, eine sehr gute Nachricht.