Was will Schule?

Kleiner Nachschlag zur ersten Philosophiestunde mit Fernsehlehrer Richard David Precht

"Skandal Schule". So schrill und reißerisch präsentierte Richard David Precht, der neue Fernsehphilosoph des öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehens, sein erstes Thema am späten Sonntagabend. "Macht Schule dumm?" wollte er, passend zum Start ins neue Schuljahr, vom Hirnforscher Gerald Hüther wissen. Was diese Frage allerdings mit Philosophie zu tun hatte, erschloss sich dem Beobachter weder auf dem ersten noch auf dem zweiten Blick.

Die Erstausstrahlung hatte ich Anfang September, weil urlaubend, verpasst. Dank des Kulturkanals 3sat, der Derartiges gern für seine Deutsch sprechenden Nachbarn wiederholt, konnte ich das eine Woche später nachholen und mich dabei der Mediathek des ZDF bedienen.

Im Vorfeld war für den neuen Philosophietalk schon mal kräftig die Werbetrommel gerührt worden. Von zahlreichen Medienvertretern etwa, die vor allem die Künste des "redegewandten Dressman" hervorgehoben, seine linke und "verrückte Kindheit" ausgewalzt oder ihn zum Voting für den "schönsten Philosophen" vorgeschlagen hatten.

Aber auch, in eher schmähender Absicht, von Peter Sloterdijk, der für den juvenilen, mit offenem Hemd und damit ganz im Stil Bernard-Henri Lévys performenden Precht Sendung und Sendeplatz räumen musste. In der Wochenzeitung Die Zeit ( "Vielleicht waren wir zu früh") hatte er seinen fotogeneren Nachfolger mit André Rieu verglichen. Auch ihm, dem "Popularisator" klassischer Melodien, hörten Damen, so Sloterdijk, jenseits der Fünfzig gerne zu, wenn sie sich in "spätidealistischer Stimmung" befänden.

Wer die Sendung zu nachtschlafender Zeit verfolgen konnte oder sie sich im Nachhinein interessehalber nochmals zu Gemüte führen will, wird dem Urteil Sloterdijks kaum widersprechen. Zu oberflächlich, harmonisch und voraussagbar verlief die Dreiviertelstunde. In aller Regel wurde sprachliches Ping-Pong gespielt. Vorgestanztes und Selbstgewisses wechselten sich ab.

Von Steilpässen in die Tiefe des philosophischen Raums, zu dem ein Sloterdijk immer wieder fähig war, war nichts zu bemerken. Zu banal, oberflächlich und seicht war die Sendung. Zu einer echten Diskussion oder gar Streits um das bessere Argument kam es nicht. Abwägen oder Zweifeln, Nachhaken oder gar Infragestellen? - Fehlanzeige! Von überraschenden Einfällen und kontroversen Ansichten ganz zu schweigen. Dabei hätte die Gesprächsanordnung, die wohl einen sokratischen oder platonischen Dialog simulieren sollte, durchaus dazu eingeladen.

Zudem hatte Precht seine simplen Ansichten über das aktuelle Bildungssystem in den Wochen davor schon mehrmals großspurig in die Welt Das Bildungssystem muss revolutioniert werden hinausposaunt:

"Unser Bildungssystem muss nicht reformiert, sondern revolutioniert werden. Nach allem, was wir heute von der Entwicklungspsychologie wissen, wie Kindergehirne funktionieren, kann man zu dem Schluss kommen, dass die Schulen daneben liegen. Das System Schule ist längst überholt."

Doch ein Revolutionsfeuerwerk wurde nicht abgebrannt. Außer dem modischen "Empört Euch!" und dem Nachplappern reformpädagogischen Blablas, das spätestens seit den 1960ern unter dem Schlagwort "Entschult Euch!" im Umlauf ist, war wenig Erhellendes über Bildung und Schule zu erfahren. Und es war wohl auch nicht mehr zu erwarten angesichts der bislang empirisch recht schmal ausgewiesenen steilen Behauptungen, die die Hirnforschung, die sich mittlerweile für ziemlich alles kompetent glaubt, für die Börse ebenso wie für das Seelenheil oder die Moral des Einzelnen, aufgestellt hat.

Einig waren sich die beiden Bildungsfantasten jedenfalls, was die pauschale Verurteilung der "falschen Organisation" von Schule angeht. "Unser gegenwärtiges Schulsystem ist ein Riesen-Mist!" Mit dieser Behauptung hob die Sendung an. Seit Jahrzehnten werde sie von den "falschen Leuten" mit "falschen Themen" und den "falschen Methoden" gemacht, so die erschütternde Diagnose. Spätestens in sechs oder zehn Jahren werden Land und Gesellschaft vor die Hunde gehen, sollte es nicht gelingen, das "marode" und total "veralterte" Schul- und Bildungssystem von Grund auf zu verändern.

Wie es allerdings die von unfähigen Lehrern dermaßen Verbildeten geschafft haben, dieses Land in all den Jahren zur exportstärksten und politisch mächtigsten Nation Europas zu machen, ob trotz oder gerade wegen dieses angeblich so kaputten Bildungssystems, dieser heiklen Frage wollte sich die beiden weder widmen noch aussetzen. Und auch um die Frage, warum sich das scheinbar ach so tolle reformpädagogische Gedankengut, das sich seit Rousseau über Humboldt und Theodor Litt bis hin zu Pestalozzi oder von Hentig ausbreitet, sich in all den Jahrhunderten (nicht nur hierzulande) nicht hat durchsetzen können, drückten sie sich erfolgreich herum.

Liegt es tatsächlich nur daran, dass "man" eher an brauchbar funktionierenden Personen interessiert war als an einer gebildeten Bevölkerung, wie der Hirnforscher uns glauben machen will? Und (wenn es denn so sein sollte), wer ist eigentlich dieses "man"? Der Föderalismus oder die Schulbürokratie, der Bildungs-Selektionismus, oder, simpler, der Neoliberalismus?

Liegt es möglicherweise vielleicht eher daran, dass dieses Gedankengut etwas voraussetzt, nämlich kreative Kinder, begnadete Klavierspieler, sensible Erzieher, was eigentlich erst gezeigt, begründet bzw. erst gebildet werden müsste, so die zirkuläre Begründung Prechts? Oder liegt es dummerweise einfach daran, dass sich jene Reformprogramme für das "System Schule" als wenig praktikabel erwiesen haben und sich deswegen nirgends auf der Welt haben durchsetzen können?

Die Behauptung, dass jedes Kind auf seine Weise "hochbegabt" sei, ist natürlich, in dieser Sprechart vorgetragen, vollkommener Blödsinn. Gewiss sind manche Kinder aufgrund welcher Vorgeschichte emotional feinfühliger, mit- oder einfühlender als andere, wenn es um die Wahrnehmung des Körpers oder die Belange des anderen geht. Mir wäre aber höchst unwohl, wenn jemand mit solcher "emotionaler Hochbegabung" Autobahnbrücken bauen, über den ESM entscheiden oder auf dem Operationstisch an mir herumschnibbeln würde.

Folgt man den beiden Bildungsidealisten, dann muss Schule heutzutage wirklich was abgrundtief Schlimmes und Fürchterliches sein. Hunderttausend Schulstunden "erduldet" laut Precht jeder Mensch im Schnitt seines Lebens. Während dieser Zeit werde ihm die Lust am Lernen systematisch ausgetrieben. Von all dem, was er da lernt, wisse er später in aller Regel kaum noch etwas. Anleitung zum Nichtwissen, nennt das der Philosoph vermutlich.

Käme jedoch die emotionale Beteiligung hinzu, würde sich das schlagartig ändern. So die geniale Schlussfolgerung des Philosophen. Nur wenn Wissen unter die Haut geht, es mit Freude und Begeisterung verrichtet werde, bleibe auch etwas hängen, pflichtet ihm der Hirnforscher sofort bei. Zumal emotionale Aktivitäten dann auch die Hirnstrukturen entscheidend verändern würden. Deshalb könne er, Precht, sich auch nicht mehr an die Herleitung des Ohm'schen Gesetzes erinnern, dafür aber noch an seine erste Liebe auf dem Schulhof.

Die Frage ist nur, ob es in jedem Fall und immer ausschließlich darauf ankommt. Braucht es, um etwas zu verinnerlichen, nicht noch mehr? Braucht es dazu nicht auch Härte und Verzicht, Willen und Disziplin, steter Übung und Wiederholung? Muss man, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu können, immer emotional berührt sein? Und findet Bildung (der Persönlichkeit) nicht meist jenseits schulischer Aktivitäten statt?

Gewiss ist es förderlich, wenn Lehrer oder Trainer jemanden für eine Sache oder ein Gebiet begeistern können. Wer wollte derlei Banales dementieren. Doch warum das nur jenseits vorformulierter Ziele funktionieren soll, warum ein Lehrplan, der Selbiges genau ausformuliert, dies verhindern soll, wird Geheimnis der selbsternannten Schulkritiker sein.

Jeder Klavierlehrer, Handwerksmeister oder Fitnesstrainer agiert nicht ins Blaue hinein, vielmehr hat er genaue Vorstellungen darüber, wie er sein Wissen vermitteln will und auf welche Weise er jemanden etwas beibringen kann. Dass das nicht immer "unfallfrei" gelingt und Talente und Begabungen bisweilen verkannt werden, liegt in der Natur der Sache.

Möglicherweise liegt hier auch ein einfaches Selbstmissverständnis vor. Und zwar darüber, was Schule letztlich will und/oder auch vermag. Im Grunde kommt es in der Schule weniger auf die Vermittlung von Inhalten an, auch wenn derlei Faktenwissen in Lerntests immer noch abgefragt werden, als eher darum, bestimmte kognitive Strukturen zu bilden und den jugendlichen Denkapparat an verschiedenen Themen und Fachgebieten zu erproben, zu schulen und zu schärfen.

Dass das der Schule immer noch, trotz offensichtlichen Desinteresses und wachsender Aufmerksamkeitsdefizite bei den Schülern, einigermaßen gelingt, sie ihnen das Analysieren und Kombinieren, Verbalisieren und Kombinieren, Präsentieren und Transferieren, Urteilen und Werten beizubringen scheint, wollen nicht zuletzt die beiden Diskutanten beweisen, wenn sie sich vor dem Bildschirm über die Bildungsmisere austauschen. Oder halten sie sich für unkreativ und kognitiv nicht auf der Höhe?

Richtig ist aber auch, dass genau dieses der Schule und unserem Bildungssystem, folgt man den Klagen der Professoren an den Universitäten, andererseits immer weniger gelingt. Ob die Anwendung und Verwirklichung von noch mehr reformpädagogischer Ideen oder gar neurobiologischen Wissens bedarf, um diese Tendenzen umzukehren, wage ich allerdings zu bezweifeln. Hat nicht gerade jener reformpädagogischer Eifer, der seit den 1970ern in steten Wellen über unsere Schulen gerauscht ist, genau jene Misere und Verunsicherung der Lehrer verstärkt, deren Fortwirken die pädagogischen Schönfärber allseits beklagen?

Sind tatsächlich Frontalunterricht und unfähige Lehrer, ein lebensfremd gestalteter Lehrplan und eine emotional unaufgeschlossene Verwaltungsbürokratie dafür verantwortlich, dass fünf bis zehn Prozent der Schüler die Schule ohne Schulabschluss verlassen? Ist Hartz IV dann die "Entschädigung für nichtgewährte Chancengleichheit", so der sozialkritische Schluss des Fernsehphilosophen? Könnte man all das vermeiden, wenn man andere Orte des Lernens schaffen würde, Lehrer zu "Entfaltungscoaches" ausbilden würde, die die Individualität der Kinder förderten und in der Lage wären, aus einem zusammengewürfelten Haufen ein echtes Team zu formen?

Angesichts dieser Sprüche wäre man doch überaus neugierig, die beiden mal im Einsatz an einer ganz stinknormalen Schule zu sehen. Nicht für ein oder zwei Tage, da kann jeder locker seine pädagogische Wundertüte auspacken. Sondern mal für mehrere Wochen, Monate oder besser noch: ein halbes Jahr. Da kann man dann allzu locker formulierte Kalauer über Kreativität und vernetzte Hirnstrukturen, übers Entfalten und Verbreiten von Begeisterung und Leidenschaft für Themen und Fachgebiete an der hiesigen Schul- und Alltagswirklichkeit testen und sie auf ihren Tauglichkeitsgrad überprüfen. Auf die Begeisterungsstürme, die jener Bildungsidealismus in den Köpfen (wohl besser Herzen) der Schüler auslösen würde, wären wir sehr gespannt.

Die erste Sendung jedenfalls ließ diesbezüglich eher Fürchterliches erwarten. Die Kreativität und Begeisterung für die Sache, die Precht in unserem Schulsystem vermisst, und die "Potentiale", die zu entfalten er von Lehrern fordert, konnte weder er noch sein betulich daherredender Hirnforscher entfachen. Im forschen und selbstgewissen Ton führte er in eindrucksvoller Weise vor, was Schüler im Klassenzimmer abschreckt und er dem Schul- und Bildungssystem vorwarf: Er wiederholte das, was andere längst vorformuliert hatten.

Ein klassischer Fall von "Bulimie-Lernen" (Reinhard Kahl), den "unser Lehrer Precht" da am späten Sonntagabend vollzog? Oder gar ein "performativer Selbstwiderspruch" ( "Precht macht dumm"), in den er sich da verwickelte, wie Die Zeit befand? - Als "Potenzialentfaltungscoach" scheint der Fernsehtalker Precht jedenfalls überfordert und ungeeignet zu sein.

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