Watergate in Bonn

Bislang geheime Akten belegen Adenauers innenpolitische Spitzelei

"Geheimakte Adenauer" titelt der SPIEGEL und kommentiert, die letzten Geheimnisse der Bundesrepublik Deutschland rückten Adenauer in ein neues Licht. Diese Einschätzung verrät allerdings eher die unkritische Sicht etablierter Historiker auf den bekanntermaßen autokratischen Machtmenschen Adenauer. Dass sich der im Kaiserreich sozialisierte Politiker mit demokratischen Prinzipien schwer tat, hatte das Magazin spätestens während der SPIEGEL-Affäre in erster Reihe erlebt.

Nunmehr also durfte DER SPIEGEL bislang unzugängliche Akten der Bundesregierung und des Bundesnachrichtendienstes auswerten, die insbesondere Aufschluss über das Verhältnis zwischen dem Kanzler und seinem obskuren Geheimdienstchef Reinhard Gehlen erlauben. Den ließ der Bundeskanzler auch den politischen Gegner im Inland bespitzeln, darunter etwa das Privatleben seines Rivalen Willy Brandt. Hochkarätige Spione wie der FDP-Bundesvorsitzende Lothar Weirauch erstatteten Adenauer sogar persönlich Bericht - gegen Bares.

Von Manipulateur Gehlen war schon länger bekannt, dass dieser über etliche Personen des öffentlichen Lebens Dossiers mit Kompromat anlegen ließ. Im Auftrag der USA hatte der vormalige Nazi-General den militärischen Geheimdienst "Fremde Heere Ost" während der Besatzungszeit in die "Organisation Gehlen" überführt. Als amerikanischer Geheimdienst mit deutschem Personal, der eher einem Geheimbund als einer Behörde glich, nahm Gehlen hinter den Kulissen auf vielfache Weise Einfluss, etwa auf die öffentliche Meinung (Undercover- Der BND und die deutschen Journalisten).

Die Gesinnung des Strippenziehers Gehlens, die Adenauer-Partei um jeden Preis an der Macht zu halten, beinhaltete sogar die Bereitschaft zum Hochverrat. So wurde 2002 bekannt, dass Gehlen in den 1950er Jahren der CIA für den Fall eines SPD-Wahlsiegs sogar einen Staatsstreich anbot - ein von David Talbot, Biograph des damaligen CIA-Chefs, als realistisch bewertetes Szenario. Auch die Überführung der "Org" in den eigentlich nur für das Ausland zuständigen Bundesnachrichtendienst änderte nichts an Gehlens Intrigen im Inland, etwa Lancieren von Falschmeldungen.

Gehlens Putschpläne entsprachen offenbar auch der Mentalität Adenauers, der angesichts des angespannten Ost-West-Verhältnisses mit einer Militärdiktatur liebäugelte. Die nun berichteten Aktenfunde über eine Sitzung im damaligen Verteidigungsrat von 1959 nehmen die Notstandsgesetze von 1969 vorweg. Damals skizzierte man sogar Rundfunkzensur und Schutzhaft. Mit der streng geheimen Stay Behind-Organisation stand dem BND hierzu sogar verdecktes Personal zur Verfügung.

1959 hegte Adenauer Pläne, vom Bundeskanzler zum Bundespräsidenten aufzusteigen. Der in der Monarchie aufgewachsenen Rhöndorfer hätte dann als formales Staatsoberhaupt gesellschaftlich auf Augenhöhe etwa mit dem französischen Präsidenten gestanden. Den hiermit verbundenen Machtverlust sollte Gehlen den nun ausgewerteten Dokumenten zufolge durch seine Einflußnahme hinter den Kulissen kompensieren.

DER SPIEGEL spart auch das eigene Haus nicht völlig aus, das Adenauer häufig ein Dorn im Auge war. So verfügte der BND 1953 über "drei konspirative Linien" im SPIEGEL, deren Namen der BND nicht herausrückt. Dabei verschweigt der SPIEGEL den Forschungsstand, denn die Beziehungen zwischen dem Nachrichtenmagazin und dem Nachrichtendienst in den 1950er Jahren waren weitaus enger, als es schlicklich wäre (Im SPIEGEL des BND, Augsteins Schattenmann).

Beim Einreißen des Adenauer-Denkmals vermisst man zudem die Erwähnung, wie eng die Bande Adenauers zur US-Elite waren. So war Adenauer mit dem bereits vor dem Zweiten Weltkrieg mit Geheimdienstangelegenheiten befassten Wallstreet-Anwalt John J. McCloy verschwägert, der 1930 die Cousine von Adenauers Ehefrau geheiratet hatte. Der ultrarechte Rassist McCloy, der mit der politischen Planung der Atombombenabwürfe auf Japan befasst war, hatte in seiner Eigenschaft als Hoher Kommissar "freundliche Nazis" vor dem Strang in Nürnberg bewahrt und deutsche Eliten protegiert.

Bislang soll nur ein Teil der Akten ausgewertet worden sein. Wenn die SPIEGEL-Rechercheure an der richtigen Stelle suchen, stoßen sie vielleicht auf ein bislang gesperrtes Dokument, über das vor Jahren ein Bundeswehrhistoriker referierte. So soll der inzwischen greise Adenauer, der ein bedenklich naives Verhältnis zur Atombombe pflegte, während der Berlinkrise bei den USA einen Nuklearangriff auf die DDR bestellt haben. Als dies abgelehnt wurde, habe er darum gebeten, doch aus symbolischen Gründen wenigstens eine Stadt in der DDR zu bombardieren.

2003 wählten die von Guido Knopp informierten ZDF-Zuschauer Adenauer zum "größten Deutschen".

(In der ursprünglichen Fassung dieses Beitrags waren die Präsidentschaftspläne Adenauers irrtümlich als historisch neu bewertet worden.)

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