"We've never seen such Horror"

Syrien: die grausig zugerichtete Leiche eines Jungen, Propagandakrieg und die Forderung von Human Rights Watch, Verantwortliche für die Massentötungen vor den internationalen Strafgerichtshof zu bringen

Das tote Kind könnte gefährlich werden für das syrische Regime: der 13jährige Hamzeh al-Khatib aus Daraa. Ende Mai wurde seine Leiche an die Eltern übergeben, tot, mit grausigen Spuren auf seinem Körper, ein Albtraum: "The boy was shot, burned, and had his penis cut off when his body was returned to his family."

Der misshandelte Körper des Kindes ist weltweit auf einem YouTube-Video zu sehen. Seit 31. Mai kursieren die Bilder der Leiche im Nachrichtenstrom, die US-Außenministerin hat sich dazu geäußert, der australische Außenminister, viele andere werden folgen. Doch was Baschar al-Assad und sein Regime sehr viel mehr fürchten muss, sind die Reaktionen von populären Persönlichkeiten im Land. Dass etwa jemand wie die beliebte syrische Schauspielerin May Skaf öffentlich Sympathie für die Opposition erklärt. Das Leiden eines Kindes, das vor aller Welt dokumentiert wird, mit dem sich alle Eltern ungeachtet ihrer politischen Überzeugungen in einer ersten Reaktion unwillkürlich identifizieren, kann die Lage kippen. Dann wird's auch für die Militärs schwierig.

Das weiß die Führung. Und so kommt es, dass der 13jährige auch von den syrischen Behörden als "Märtyrer" dargestellt wird und der Vater des Jungen Präsident Assad, den er mit der trauernden Familie besuchte, im syrischen Fernsehen wegen dessen Freundlichkeit und Güte lobte und sprach: "Der Präsident betrachtet Hamza als seinen Sohn und war tief bewegt."

Nach offizieller Version wurde der Junge bei einer Demonstration erschossen; da in der offiziellen Berichterstattung Demonstrationen als Machtwerk bewaffneter krimineller Staatsfeinde dargestellt werde, werden die tödlichen Schüsse auch entsprechend erklärt. Folterspuren werden im Staats-TV laut BBC ebenso wegerklärt. Andere Darstellungen sprechen davon, dass der Junge am 29. April verhaftet wurde. Die syrischen Behörden dementieren jede Verantwortlichkeit für die grausamen Verletzungen. Staatstreue Medien sprechen wie üblich von Propagandalügen seitens der Opposition.

Die Unicef berichtete dagegen von Information, wonach mindestens 30 Kinder durch Schüssen mit scharfer Munition auf Demonstranten getötet wurden. Allerdings, so fügte die UN-Kinderhilfswerkorganisation hinzu, könnten die genauen Umstände nicht verifiziert werden.

Systematische Tötungen und Folter wirft die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in ihrem Bericht "We've never seen such Horror" syrischen Sicherheitskräften vor. Der Bericht basiert auf Zeugenberichten. Sie bestätigen, wovon in der Berichterstattung der letzten Wochen vielfach die Rede war: Schüsse, die von Dächern aus auf Demonstranten abgefeuert wurden, ohne Warnungen, auf Kopf und Brust gezielt, meistens mit tödlicher Wirkung.

Nach Aussagen von Zeigen sollen die Schüsse von Kommandeuren der Sicherheitskräfte befohlen worden sein. Mehr als 200 Personen sollen allein zwischen dem 25. und 29. April auf diese Weise in der Nachbarschaft von Daraa getötet worden sein. Für Human Rights Watch ist dies eindeutig als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen.

Dass die dafür Verantwortlichen in Syrien bislang ungestraft davonkommen sei ein Skandal, der nicht länger ungestraft bleiben dürfe und vor den internationalen Strafgerichtshofes ICC gebracht werden sollte. Entsprechend empfiehlt die Menschenrechtsorganisation in ihrem Bericht dem UN-Sicherheitsrat:

"In the absence of adequate steps by the Syrian government to investigate and prosecute these violations, refer the situation in Syria to the International Criminal Court."