Wenig Hilfe für Pakistan?

Anders als in Haiti oder beim Tsunami Ende 2004 kommt die Hilfe für das regionale Pulverfass Pakistan nur langsam in Gang

Die Flutkatastrophe in Pakistan löst bisher weniger internationale Spendenhilfe aus als das Erdbeben in Haiti zu Anfang des Jahres. Und das trotz biblischer Ausmaße. Die UN bemühte gestern den Vergleich mit Haiti und dem Tsunami Ende 2004, um an die Spendenbereitschaft der internationalen Gemeinschaft zu appellieren. Die jetzige Katastrophe in Pakistan sei schwerer als diese beiden Naturkatastrophen, wurden Experteneinschätzungen zitiert. Doch hat ein Erdbeben und ein Tsunami in einer Touristenregion eine ganz andere Dramatik, die von Medien mit einer sehr viel mehr ans Herz gehenden Berichterstattung, mit einem anderen Sensations-Effekt, präsentiert werden können als die Überflutungen, die Pakistan heimsuchen.

Hinzu kommt wahrscheinlich das Image von Pakistan im Westen: Korruption, undurchsichtige Verhältnisse und Zweifel am Verhältnis der Regierung zu den islamistischen Extremisten - immer wieder gibt es Berichte, die dem Geheimdienst engste Unterstützung der Taliban nachsagen - spielen in der Wahrnehmung des Landes von außen keine geringe Rolle. Der alle Spendenaktionen begleitende Verdacht, das Geld könne in falsche Hände geraten, verbindet sich hier mit dunklen Assoziationen, die das Stichwort "Islamisten" auslöst.

Tatsächlich sorgen aktuelle Berichte über "religiöse Gruppierungen", die vor Ort schneller Hilfe leisten als Hilfsorganisationen und Hinweise darauf, dass es sich dabei um Gruppen handelt, die mit Extremisten und Taliban in Verbindung stehen, für mindestens so große Aufmerksamkeit im Westen wie solche Berichte, die über die ständig Verschlimmerung der Katastrophe informieren - über immer mehr betroffene Gebiete im Süden, immer mehr Obdachlose und Flüchtlinge (geschätzte 4 Millionen), Seuchengefahr und die Gefahr tödlicher Erkrankungen (Diarrhoe). Bislang sind nach Schätzungen 14 Millionen von der Katastrophe in Mitleidenschaft gezogen und etwa 650 000 Häuser zerstört, die Zahl der Toten, 1 800, nimmt sich gegenüber den anderen Katastrophen relativ gering aus - noch (auch ist diese Zahl eine grobe Schätzung; die pakistanische Zeitung Dawn berichtet von Quellen, die "weitaus höheren" Zahlen annehmen).

Das Tragische der Überflutungen, die eine 1000 Kilometer lange Spur der Zerstörung vom Nordwesten zum südlichen Sindh zieht, ist, dass sie eine Vielzahl von schlimmen Auswirkungen hat, die sich erst mit der Zeit zeigen. Die großflächige Vernichtung der Baumwolle-, Reis-, Zuckerrohr- und Maisernte, der Ausfall der Stromversorgung in weiten Teilen des Landes trifft eine Wirtschaft, die ohnehin ums Überleben kämpft. Beobachter fürchten, dass die Inflation auf 12 Prozent steigen könnte und dass die Schuldenlast durch notwendige Importe weiter steigt.

Schon macht sich unter den vielen Armen in Pakistan eine Stimmung breit, die die Regierung fürchten muss: Dass die Regierung in ihren Augen versagt, nutzen die medienkundigen Taliban aus . Das ist an publicity-heischenden Worte des Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP)-Sprechers Azam Tariq gut erkennbar. Er ermahnte die pakistanischen Regierung dazu, keine amerikanische Hilfe anzunehmen: "Wir verachten Amerika und andere ausländische Hilfe und glauben, dass sie zu Unterwerfung führt" - und verband dies mit einem Hilfsangebot in Höhe von 20 Millionen Dollar und Hilfsgütern; Bedingung: die Regierung verzichtet auf amerikanische Hilfe (was angesichts der ständigen Milliardenunterstützung der USA undurchführbar ist) und garantiert, dass TTP-Mitglieder nicht verhaftet würden - was derzeit ohnehin kaum zu bewerkstelligen ist, angesichts dessen, dass das Militär vor allem zur Katastrophenhilfe eingesetzt wird (und somit einen Rest an Glaubwürdikeit staatlicher Hilfe gewährleistet).

Fragen muss man sich aber nicht nur, weshalb so wenig westliche Katastrophenhilfe an Pakistan geht (was man auch mit einer Art Überforderung durch andere Katastrophen, z.B. in Russland und in China, erklären kann), sondern auch, warum die sozialen Netzwerke islamischer Organisationen allem Anschein nach besser funktionieren, schneller und direkter, als offizielle.

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