Wenn die Argumente ausgehen

FDP-Chef Rösler und der Spiegel aus Hamburg wetteifern, wer in Sachen Energiepolitik die größten Peinlichkeiten absondern kann

Der Chef der Zwei-Prozent-Partei FDP Philipp Rösler belehrt uns über Seriosität. Ähem. Laut Augsburger Allgemeine gab er heute beim Dreikönigstreffen seiner Partei in Stuttgart Folgendes zum Besten: "Wer aus der Kernenergie aussteigen will, der muss auch in fossile Kraftwerke einsteigen. Alles andere wäre unseriös." Er erwarte von denjenigen, die in den letzten 20 bis 30 Jahren gegen Atomkraft demonstriert haben, dass sie "jetzt an meiner Seite stehen, wenn wir neue Kohlekraftwerke, Gaskraftwerke und 4500 Kilometer neue Netze bauen". Da wollten wir bestimmt alle schon immer mal stehen, nicht wahr? Geht es eigentlich noch peinlicher?

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Windstrom am 8.12.11 in Megawatt. Der Gesamtbedarf dürfte an diesem und am folgende Tag bundesweit in etwa zwischen 40.000 und 60.000 MW geschwankt haben (Bild: EEX)

Vielleicht. Spiegel und Netzbetreiber Tennet geben sich alle Mühe. Aber der Reihe nach. Derzeit geistert eine Meldung durch den deutschen Blätterwald, das Land habe wegen Engpässen am 8. und 9. Dezember Strom aus Österreich importieren müssen. Urheber der ursprünglichen Nachricht war wahrscheinlich das österreichische Wirtschaftsblatt. Bereits Mitte Dezember berichtete es davon, dass Deutschland erstmalig von einer im letzten Jahr geschlossenen Vereinbarung Gebrauch machte, auf die österreichische Kaltreserve zurückzugreifen. Gemeint sind damit Kraftwerke, die nur im Bedarfsfall angeworfen werden.

So weit, so gut. In Frankreich kommt es regelmäßig vor, dass AKW im Sommer wegen zu hoher Kühlwassertemperaturen oder im Winter wegen zu hohen Bedarfs die Nachfrage nicht decken können. Dann springt für gewöhnlich Nachbar Deutschland ein. Auch die Schweiz liefert gerne und reichlich. Nun hat es also mal Deutschland erwischt. Die nachgefragte Leistung von 300 Megawatt war dabei ziemlich bescheiden. Ein modernes Kohlekraftwerk hat meist rund 800 MW zu bieten.

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Wie oben, nur für den 9.12. (Bild: EEX)

Doch was ist der Hintergrund? Ein Mangel an Strom kann es nicht gewesen sein, denn an den fraglichen Tagen (8. und 9. Dezember) wehte es ähnlich stark wie in der ausgehenden ersten Januar-Woche. Entsprechend zeigen die Daten auf den Seiten der Strombörse, dass an diesen Tagen reichlich Windstrom im Netz war, und übrigens auch noch einiges an Sonnenstrom.

Siehe zur Verdeutlichung die oben und unten wiedergegebenen Screenshots der Daten der beiden Tage. Zu beachten ist bei den Darstellungen, dass die Maßstäbe an den Achsen nicht identisch sind. Zu sehen ist aber unter anderem, dass sich Wind und Sonne insbesondere am 8. Dezember ganz prima ergänzten.

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Solarstrom am 8.12.11. Man beachte die unterschiedliche Skalierung der Achsen (Bild: EEX)

Der Spiegel-Autor vollbringt nun das Kunststück, aus all dem die Notwendigkeit des Netzausbaus abzuleiten. Der Strom sei eben in Süddeutschland benötigt worden, und Tennets Leitungen seien überfordert gewesen, genügend Windstrom aus dem Norden heran zu schaffen. Hingegen erwähnt er nicht, dass der meiste Solarstrom am 8. und 9. Dezember eher in Süddeutschland und nicht zuletzt im Tennet-Gebiet (Bayern) erzeugt worden sein dürfte. Außerdem hätte er genauso gut darauf verweisen können, dass in Bayern bisher so gut wie keine Windräder stehen und das Problem andernfalls nicht eingetreten wäre.

Aber es kommt noch besser. Im gleichen Artikel erfährt der Leser, dass Deutschland, während es auf die österreichische Reserve zurückgriff Windstrom nach Österreich und Italien ausgeführt hat. Dafür haben die Leitungen also gereicht. Aha. Und weshalb wurde nicht einfach umgeleitet? "Die Stromlieferungen nach Südeuropa wollte Tennet zu diesem Zeitpunkt nicht stoppen - aus Kostengründen." Andernfalls wären Strafgebühren fällig geworden.

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Solarstrom am 9.12.11. Man beachte die unterschiedliche Skalierung der Achsen (Bild: EEX)

Mit anderen Worten: Der Netzausbau ist nicht wegen der Energiewende notwendig, sondern weil erstens die bisherige Verhinderungspolitik gegen die Windenergie in den süddeutschen Bundesländern für große Ungleichgewichte in der Verteilung gesorgt haben und weil zweitens die Netzbetreiber und großen Erzeuger gerne grenzüberschreitenden Stromhandel über weite Entfernungen führen wollen. Dessen volkswirtschaftlicher Sinn ist zwar höchst zweifelhaft, wenn man die hohen Energieverluste bedenkt, die dadurch entstehen - allein im Inland sind es bereits fünf bis sieben Prozent -, aber das scheint keine Rolle zu spielen.

Der Spiegel nutzt die Gelegenheit auch noch, die Stromgeschenke zu beklagen, die die Leipziger Börse mal wieder angesichts des zu hohen Angebots ins Ausland verteilen muss. Auch daran sind nach Ansicht des ehemaligen Nachrichtenmagazins nicht etwa die trägen, mit Braunkohle oder Uran betriebenen Grundlastkraftwerke, sondern der fehlende Netzausbau Schuld, der durch Bürgerwiderstände und Bürokratie behindert werde.