Werden die Menschen von der Informationsflut überwältigt?

Was konservative Kulturkritiker gerne anführen, ist für die Menschen vermutlich kein Problem, nach einer US-Studie sind sie meist begeistert durch die vielen Informationsmöglichkeiten

Seit vielen Jahren, mindestens seit der explosive Verbreitung des Internet in den 1990er Jahren, wird über die Informationsflut geklagt, die über die hilflosen Menschen hereingebrochen sei, den Flaschenhals der Aufmerksamkeit verstopfe, zu einem stressigen "information overload" oder gar zur Verblödung. Die Wahrnehmung werde flüchtig, die Konzentration nehme ab, Wissen werde oberflächlich, eine Sucht entstehe, so gängige Vermutungen zum Abbau von Kulturtechniken. Plakativ warnen im Jargon der Untergangspropheten mache wie der Psychiater Manfred Spitzer vor "digitaler Demenz" und propagieren Abstinenz.

Ob Multitasking, also die gleichzeitige Verarbeitung von unterschiedlichen Informationsströmen beispielsweise beim Autofahren oder vor mehreren Bildschirmen, dem Menschen wirklich möglich ist, ist seitdem ein Streitthema, das bereits zu Handyverboten beim Auto- oder Fahrradfahren geführt hat, aber nicht zu einem Verbot von Navigationsgeräten, Radios oder anderen Medien in Autos, während immer mehr Menschen in der Freizeit und während der Arbeit mehrere Bildschirme vom Fernseher über dem Computerscreen bis hin zu Handys oder Tablets bedienen und sich dabei auch in der Welt bewegen und mit physisch und virtuell Anwesenden kommunizieren.

Nach einer in der Zeitschrift The Information Society erschienenen Studie von Kommunikationswissenschaftlern der Northwestern University fühlen sich allerdings die Befragten nicht sonderlich erdrückt oder überwältigt von der Informationsflut. Was also als Allgemeinplatz zirkuliert und gerne von Kulturkonservativen und manchen Neurowissenschaftlern behauptet wird, könnte eher eine Dramatisierung vor dem Neuen sein, dem man sich in der Tat ja immer erst anpassen muss. Kommunikationswissenschaftlerin Eszter Hargittai meint jedenfalls, dass noch nicht viel über Informationsüberlastung geforscht worden sei, meist habe man sich bislang mit Kampfpiloten oder Kommandeure beschäftigt, was aber wohl nicht ganz richtig ist.

Die Wissenschaftler wollten herauskriegen, wie normale Amerikaner die Informationsmenge wahrnehmen, die durch die Medien auf sie einströmen: Wie informiert man sich über die Vorgänge in der Welt und wie nimmt man die Informationsmengen wahr, so die Ausgangsfragen. Dazu haben sie 2009 allerdings gerade einmal 77 Touristen in Las Vegas befragt, die sie in 7 Gruppen aufteilten und miteinander darüber sprechen ließen. Nach einem Fragebogen waren die Teilnehmer einigermaßen informiert, erwartungsgemäß waren sie mehr an Unterhaltung als an Nachrichten interessiert. Das lockere Gespräch in den kleinen Gruppen einer natürlich nicht repräsentativen Auswahl von US-Amerikanern aus dem ganzen Land habe es den Menschen ermöglicht, so die Wissenschaftler, über ihre Strategien im Umgang mit den Medien zu sprechen. Daraus lassen sich freilich nur episodische Erkenntnisse ziehen, die auch nicht viel besser fundiert sind als die Warnungen vor der überwältigenden Informationsflut. Gleichwohl ergibt sich ein Bild, das eher realistischer als das der Kulturkritiker erscheint.

Die meisten Menschen scheinen, so Hargittai, angesichts der hohen Informationenmengen, die ihnen zur Verfügung stehen, eher begeistert zu sein und sich gefördert zu fühlen: "Die Menschen erhalten ihre Nachrichten und Informationen aus vielen Quellen, und sie scheinen diese Optionen zu schätzen." So sagte eine Frau stellvertretend für andere;

"I love it. You know, I have the Internet on my phone. I have Internet at the house, at work. We have satellite television. I love being able to access any information whenever I want."

Online-Nachrichten werden eher positiv beurteilt als Fernsehnachrichten, obgleich mehr Zeit vor dem Fernseher als vor dem Web verbracht wird. Genervt sind die Menschen angeblich vor allem durch triviale Postings in Sozialen Netzwerken und von politischen Meinungsmachern. Nur wenige fühlten sich überfordert. Die haben nach den Wissenschaftlern aber meist geringe Internetkenntnisse und können nicht richtig mit Filtern und Suchergebnissen umgehen.

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