Werden wir ewig leben?

Ein Interview-Sammelband prüft die Thesen von Ray Kurzweil und gibt den Stand der Dinge zu Enhancement und Lebensverlängerung zum besten.

Der Erfinder und Autor Ray Kurzweil leitet aus den möglichen technologischen Anwendungen aktueller naturwissenschaftlicher Erkenntnisse die Vision einer nahen Zukunft ab, in der Künstliche Intelligenz die menschliche auf allen Gebieten übertrifft, in der der Mensch mit intelligenter Technologie verschmilzt, Krankheiten und Altern durch den Einsatz von Gentechnik und Nanomedizin bekämpft werden und schließlich niemand mehr eines natürlichen Todes sterben muss. Zuletzt hat Kurzweil in seinem Buch „The Singularity is Near“ ausgebreitet, wie die Menschheit bald ihre biologischen Fesseln abstreifen wird. Kurzweil meint es ernst: Um den Alterungsprozess zu verlangsamen, nimmt er rund 200 Nahrungsergänzungspillen pro Tag ein. Die spannenden Frage ist, ob er mit Wandern, Karotten, Makrele und ab und zu einen Glas Rotwein genauso weit kommen würde.

Roman Brinzanik und Tobias Hülswitt haben nun unter dem Titel „Werden wir ewig leben?“ die Ideen von Kurzweil zum Anlass genommen, den heutigen Stand der Naturwissenschaften zu optimierenden und lebensverlängernden Maßnahmen mit ihren Interviewpartner abzuklären, Wissenschaft von Heilsversprechen zu treffen und die ethischen Herausforderungen auszuloten. Zu Wort kommen unter anderem der Chemie-Nobelpreisträger Jean-Marie Lehn, der Stammzellforscher Hans Schöler, der Hirnforscher Wolf Singer, der Demographen James W. Vaupel und der Technik-Ethiker Bert Gordijn.

Warum nun ausgerechnet die kruden Thesen von Ray Kurzweil herhalten mussten, um die Fragen nach der Zukunft menschlicher Evolution zu stellen? Sicher gelingt es Kurzweil einige Hoffnungen und Ängste zugespitzt zu formulieren, seine Perspektivsuche verlässt aber spätestens bei der sogenannten „Singularität“ wissenschaftlichen Grundlagen. Die Singularität bezeichnet nach Kurzweil einen gar nicht so fernen Zeitpunkt, an dem der technische Fortschritt plötzlich zu einem gesellschaftlichen Totalumbruch führen wird. Das klingt wie eine Mischung aus Wassermannzeitalter und den Zeugen Jehovas. Schon diese mussten ihre Endzeitverheißungen immer wieder verschieben.

Man hat Kurzweil vorgehalten, seine Annahmen seien im Kern religiös motiviert, ein Vorwurf, den er auch im vorliegenden Band zu entkräften sucht. Er glaube daran „mehr Muster als Materie“ zu sein. Damit erklärt er sich zum subjektiven Idealisten. Kein Fehler, die ewige Frage ist halt, worin sich dieses Muster gründet, seit Ewigkeiten oszillieren hier die möglichen Antworten. Religion war und ist für ihn ein Ersatzsinnstifter, der nur zum Tragen kommt, wenn Wissenschaft versagt. Aber weil Wissenschaft in Zukunft nicht mehr versagen wird, ist Transzendenz aus seiner Sicht nicht mehr nötig, für die Rückbindung an ein letztes Ganzes besteht kein Bedarf.

Gerade in Europa nimmt man sowohl in der KI-Forschung als auch in der Medizin die steilen Thesen von Kurzweil nur ungern auf. Die Gesprächspartner sehen wenig wissenschaftliche Gründe dafür, der Verschmelzung von Mensch und Technik bis hin zur Unsterblichkeit das Wort zu reden.

Der Molekularbiologe und Direktor des Max-Planck-Instituts für molekular Biomedizin, Hans R. Schöler weist darauf hin, dass die molekularbiologischen Prozesse in unterschiedlichen Lebensformen sehr gut ausbalanciert sind. „Wann immer wir versuchen, etwas in dem natürlich Prozess zu verändern, wird es tatsächlich eher schlimmer als besser. Eine Veränderung in der Wechselwirkung von zwei Molekülen kann schon gewaltige Auswirkungen auf den Gesamtorganismus haben.“

Und die KI? Kann die uns in den schmerz- und virenfreien Reinraum überführen? Kurzweil geht davon aus, dass mit binären Rechnerarchitekturen menschliche Fähigkeiten und Eigenschaften in ihrer Gesamtheit konstruierbar sind. Die KI zeigt allerdings nur zu deutlich, dass zwar Spezialanwendungen (Flugzeugsteuerungen, Schach spielen) entwickelt werden können, die Menschen in spezifischen Bereichen überlegen sind, die Entwicklung einer Gesamtentität, die läuft, kocht, trauert und lernt, aber überhaupt noch nicht in Aussicht steht. Wolf Singer bezeichnet in seinem erhellenden Interview denn auch die Idee, Gedächtnisinhalte irgendwohin hochzuladen oder zu kopieren als „naive Mutmaßungen, die offentsichtlich auf zu einfachen Annahmen über die Organisation von Gehirnen basieren. Wir wissen ja noch nicht einmal, wo und wie Gedächtnisengramme konfiguriert sind.“

Wie immer man die technischen Realisierungsmöglichkeiten beurteilt, auf einem anderen Blatt steht, in wie weit sie erwünscht sind. Die zentrale Frage ist hier: wie wertvoll sind die Ziele, wie sinnvoll angelegt das viele Geld, dass man zur Erreichung der Unsterblichkeit oder auch nur Lebensverlängerung einsetzt? Abgesehen davon, dass länger nicht unbedingt besser heißen muss. Sollte es nicht vielmehr um das gute Leben möglichst vieler als das lange Leben einiger weniger Menschen gehen? Die Enhancement-Techniken sind wertlos, so lange nicht Bedingungen herrschen, in denen jeder Anwender sie in den sozialethischen Kontext stellen kann. Das ist viel verlangt, aber von Amateur und Profi-Sportlern verlangen wir genau dies: Hochleistung ohne unerlaubte Techniken oder chemisch Stützstrümpfe. Oder wie Peter Gruss in dem Band sagt: „Wenn ich ein Trainingscamp auf drei-, viertausend Metern einrichte, hat niemand was dagegen. Wenn ich mir aber EPO spritze, dann schon. Dabei ist das Ergebnis grundsätzlich dasselbe, nur der Weg dorthin ist ein anderer.“

Insgesamt wird man bei Kurzweil und anderen transhumanistisch angehauchten Autoren den nicht los, dass hier viel Hirnschmalz vergeudet wird, wo anderen, mithin irdischere Probleme drängen. So ist der Diskurs um die Potentiale der Lebensverlängerung nicht umsonst extrem westlich und techno-orientiert und primär eine Männer-Spielwiese. In dem Sammelband kommt leider keine Frau zu Wort, dabei wäre es sicher interessant zu lesen gewesen, welche Perspektive/Einstellung die gendergeleitete Forschung zu den technokratischen Ideenwelten hat.

Die Antwort auf jeweils letzte Frage des Interviews zeigt das Spannungsfeld zwischen individueller Redlichkeit und den erahnten sozialen Folgen auf. Denn wohl wissend, dass eine Weltgesellschaft der 300-400-Jährigen zu enormen Verwerfungen auf dem Globus führen dürften, würden die meisten der befragten Wissenschaftler doch die Chance wahrnehmen ein Meta-Methusalem zu werden. Aber so geht es uns wohl allen: Man mag es sich nicht vorstellen, dass irgendwann kein Platz mehr für einen ist, mehr noch: das irgendwann die Welt genug von einem hat.

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