Wie Moslems für eine Kunstzensur instrumentalisiert werden

Was man als eine Posse aus der Ostberliner Provinz interpretieren könnte, ist in Wirklichkeit Futter für rechte Moslemhasser

Die Berliner Künstlerin Susanne Schüffel ist in den letzten Tagen gegen ihren Willen in islamkritischen Foren als Beispiel für eine Einschränkung der Kunstfreiheit im Interesse von Moslems angeführt worden. Unter den Titel "Fantasievolle & farbreiche Malerei und Zeichnungen" sollte ein Teil ihrer Arbeiten in einer Volkshochschule ausgestellt werden.

Nach dem Onlinekatalog der Künstlerin zu urteilen, hätten die Arbeiten geboten, was der Titel verspricht: Gefällige Gebrauchskunst ohne kritische Implikationen. Was aber den Stellvertretenden Leiter der Volkshochschule veranlasst hat, Schüffel aufzufordern, einen Teil ihrer Akte nicht zu zeigen, und das damit zu begründen, dass sich Moslems beim Betrachten der Bilder unangenehm berührt zeigen könnten, muss ein Geheimnis bleiben. Sollte ein antirassistisches Motiv hinter der Entscheidung stehen, ist es gründlich misslungen.

Wer soll aufeinander zugehen?

In unmittelbarer Nähe der Volkshochschule ist in der Carola Neher Schule seit August eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet worden, gegen die eine rechtslastige Bürgerinitiative wochenlang massiv mobil gemacht hatte.

Ein Teil der Geflüchteten, die dort leben, besucht in der Volkshochschule Deutschkurse. Keiner von ihnen hat sich über die Ausstellung beschwert, die schließlich auch - außer der Künstlerin und den Verantwortlichen der Volkshochschule - noch niemand kannte. Die Vernissage sollte am letzten Wochenende stattfinden. Nachdem sie einen Teil der Arbeiten nicht ausstellen durfte, sagte Schüffel die gesamte Ausstellung ab und sprach zu Recht von Zensur.

Mittlerweile bemühen sich die Behörden nach Protesten um Schadensbegrenzung. Nach Informationen der Berliner Zeitung will man eine einvernehmliche Lösung mit der Künstlerin suchen.

Aber selbst jetzt werden von den Behörden noch die Moslems vorgeschoben, um vom eigenen Versagen abzulenken. So wird die Kulturstadträtin des Bezirks in der Berliner Zeitung mit den Worten zitiert:

"Dieser Schritt, der einerseits die Gefühle der muslimischen Frauen nicht verletzten wollte, hat nun zu Recht das Bild der künstlerischen Freiheit verletzt."

Von beiden Seiten sei nun "ein Aufeinanderzugehen" nötig. Unklar bleibt, wer da aufeinander zu gehen soll. Die immer wieder angeführten Moslems können damit nicht gemeint sein. Sie kennen Schüffels Kunst nicht und haben sich auch nicht darüber beschwert.

Unterschiedliche Motive für Kritik an Nacktmotiven

Der Gemeindevorsitzende der Sehitlik-Moschee in Neukölln, Ender Cetin, hat denn auch kritisiert, dass die Volkshochschule nicht einmal die Reaktionen der soviel zitierten Moslems abgewartet hat.

"Muslime werden in der Stadt ständig mit Nacktheit konfrontiert, etwa in der Werbung. Dem kann ich mich entziehen, wenn ich nicht hinschaue."

Diese abgewogene Erklärung verhinderte nicht, dass auch die rechte Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf die Provinzposse sofort auf ihrer Seite verlinkte.

Dabei sind es nicht nur die hier vorgeschobenen Moslems, die sich vielleicht an den Bildern stören könnten. Auch konservative Christen oder Anhänger andere Religionen könnten sich daran stören. Auch in der feministischen Diskussion gab es zeitweise eine sehr rigide Kritik an nackten Frauendarstellungen. Doch heute wird dort sehr differenziert argumentiert. Der Unterschied zwischen sexistischen Frauendarstellungen und künstlerischen Akten wird durchaus erkannt.

Auch außerhalb Deutschlands sorgten künstlerische Darstellungen von nackten Frauen für Kontroversen. So wird im albanischen Nationalmuseum in Tirana zurzeit in einer Ausstellung die Kulturdebatte in der Zeit des Enver-Hodscha-Sozialismus dargestellt. Auch mehrere Aktzeichnungen sowie figürliche Darstellungen sind dort ausgestellt.

Auf einer Begleittafel wird darüber informiert, dass in den 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts sämtliche künstlerische Darstellungen nackter Frauenkörper aus Museen und dem öffentlichen Stadtbild entfernt wurden. Es war die Zeit der albanischen Variante der Kulturrevolution, an der sich zahlreiche Frauen beteiligten, die von der kommunistischen Partei bei ihren Bemühungen unterstützt wurden, alte Familienwerte und Kulturbegriffe zu hinterfragen.

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