Wie schnell steigt der Meeresspiegel?

Beobachtungen zeigen, dass sich der Anstieg beschleunigt

Die Meere spielen für die Menschen seit jeher eine große Rolle nicht nur als Nahrungsmittellieferant sondern auch als Transportweg. Nur wenige Staaten haben keinen Zugang zum Meer, was sie meist – wenn auch nicht immer – erheblich in ihrer Entwicklung behindert hat. Ein größerer Teil der Menschheit lebt entsprechend an den Küsten oder auf Inseln. Mehrere hundert Millionen Menschen werden in diesem oder spätestens im nächsten Jahrhundert von einem Anstieg des Meeresspiegels betroffen sein.

Im letzten Jahrhundert, zwischen 1901 und 2010, betrug der Anstieg im globalen Durchschnitt 19 Zentimeter. Regional ist die Entwicklung aber ziemlich unterschiedlich. Steigende Landmassen wie in Skandinavien oder sinkende wie in einigen Flussdeltas, zum Beispiel denen des Rheins und der Schelde oder des Ganges und des Brahmaputras in Indien und Bangladesch, überdecken die globale Entwicklung oder verstärken sie. Veränderte Strömungen und ungleichmäßige Verteilung der Erwärmung des Wassers tragen das Ihrige zu regionalen Unterschieden bei. Eine der Ursachen des Meeresspiegelanstiegs ist nämlich die Erwärmung der Ozeane, die sich dadurch ausdehnen.

Eine andere ist der Massenverlust der großen Eismassen auf Grönland und in der Antarktis. Der hat sich in den letzten Jahren deutlich beschleunigt. Die US-Raumfahrtbehörde NASA hat am letzten Mittwoch eine Pressekonferenz abgehalten, auf der die Messungen verschiedener Satelliten aus den letzten drei Jahrzehnten sowie die damit verbundene Forschung vorgestellt wurden.

Die Ergebnisse sind für Fachleute nicht mehr neu, aber auf jeden Fall Besorgnis erregend: Der Meeresspiegelanstieg hat sich in den vergangenen Jahrzehnten genauso beschleunigt wie der Masseverlust der Eisschilde. Seit den 1990ern steigen die Weltmeere im Schnitt um drei Millimeter pro Jahr, was hochgerechnet 30 Zentimeter pro Jahrhundert wären.

Dabei wird es allerdings nicht bleiben. "Wenn wir von unserem Wissen darüber ausgehen, wie sich die Ozeane erwärmen und wie die Eisschilde und Gletscher Wasser in die Meere abgeben, so scheint es ziemlich sicher, dass wir jetzt bereits die Bedingungen für einen Anstieg um drei Fuß (90 Zentimeter) und wahrscheinlich mehr haben", meint Steve Nerem von der University of Colorado in Boulder, USA, und Chef des Sea Level Change Teams. "Wir wissen bloß noch nicht, ob es schon in diesem Jahrhundert oder später passiert."

Wichtig ist an dieser Stelle, dass Nerem damit keine Prognose über künftige Treibhausgas-Emissionen und deren potenzielle Folgen ausstellt. Er verweist vielmehr indirekt darauf, dass sich das Klimasystem durch die Veränderungen derzeit nicht im Gleichgewicht befindet. Die Ozeane und die Eisschilde haben sich noch nicht völlig auf die wärmeren Bedingungen eingestellt.

Bis sich die zusätzliche Wärme – rund 90 Prozent werden zur Zeit von den Meeren aufgenommen und nur rund zehn Prozent tragen zur Erwärmung der Luft bei, deren global gemittelte Temperatur meist als Maß für den Grad der Klimawandels angegeben wird – im System neu verteilt hat und sich ein neues Gleichgewicht zwischen Niederschlag und Eisverlust in Arktis und Antarktis eingestellt hat, werden mehrere Jahrhunderte vergehen. Dabei ist davon auszugehen, dass die größten Veränderungen sich relativ schnell, das heißt, ungefähr im Rahmen von 100 bis 200 Jahren abspielen werden.

Wie schnell genau, ist die große Frage. Eine Autorengruppe um den US-amerikanischen Klimawissenschaftler James Hansen hat kürzlich eine umfangreiche Studie veröffentlicht, die zu beunruhigenden Schlussfolgerungen kommt und eher von einem sehr schnellen Anstieg ausgeht. Die Wissenschaftler meinen, dass bereits in diesem Jahrhundert der Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigen können.

Dazu verweisen sie zum einen auf frühere Warmzeiten, in denen der Meeresspiegel bei ähnlichen Temperaturen, wie sie in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen werden, deutlich höher lag. Zum anderen gehen sie davon aus, dass es in den Gewässern rund um die Antarktis zu einer positiven Rückkoppelung zwischen Erwärmung und dem Rückgang der Eisschilde kommen könnte. Paradoxerweise wäre das mit einer Zunahme des antarktischen Meereises verbunden, wie sie in den letzten Jahren bereits beobachtet wurde. Mehr dazu in der nächsten Energie- und Klimwawochenschau.