"Wir könnten [in einem Nuklearkrieg] 200 Millionen Leute verlieren und hätten dennoch mehr als zur Zeit des Bürgerkriegs“

Admiral Thomas H. Moorer im Jahr 1968 (zweiter von rechts). Bild: DoD

Geheimes Tagebuch von Admiral Moorer freigegeben

Was in in den Köpfen der mächtigsten Generäle im Pentagon während der Hochzeit des Kalten Kriegs vorging, ist nur lückenhaft dokumentiert. Denn als nach dem Watergate-Skandal parlamentarische Untersuchungsausschüsse in den 1970er Jahren Missstände in Geheimdiensten und Militär untersuchten und der Freedom of Information Act von 1974 die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen nach Ablauf von 40 Jahren befürchten ließ, vernichteten die höchsten Generäle die Protokolle ihrer Sitzungen seit 1947.

Erhalten und nunmehr für die Öffentlichkeit zugänglich ist jedoch nun das Tagebuch von Admiral Thomas Moorer, der von 1970 bis 1974 als Chairman der Vereinigten Teilstreitkräfte (Joint Chiefs of Staff - JCS) fungierte. Da sich Moorer bereits im Ruhestand befand, waren seine eigenen Aufzeichnungen von der heimlichen Zerstörung des Archivs des JSC nicht betroffen. Das National Security Archive der George Washintgon University hat heute wesentliche Abschnitte von Moorers Tagebuch veröffentlicht.

Zu den wichtigsten Aufgaben dieses höchsten militärischen Gremiums JCS gehörte die Organisation der Kommandostruktur, um einen Nuklearangriff möglichst schnell zu kontern – oder einen Präventivschlag durchzuführen, wie einst Robert Kennedy angewidert berichtet hatte. Wer im Krisenfall in die Entscheidung eingebunden war oder nicht, war ein Dauerstreitpunkt zwischen Weißem Haus, Pentagon und zwischengeschalteten Gremien.

Moorer hielt in seinem Tagebuch 1971 die zynische Stellungnahme des Air-Force-Häuptlings Ryan fest, die USA könnten im Fall eines Nuklearkriegs 200 Millionen Leute verlieren und hätten dennoch mehr als zur Zeit des Bürgerkriegs. General Ryans patriotische Einschätzung war bereits damals zu optimistisch, Jahre später erkannten Wissenschaftler zudem den Nuklearen Winter als Folge eines atomaren Schlagabtauschs.

Admiral Moorer riet Präsident Nixon zum Ausbau der strategischen U-Boot-Flotte. Während die Submarines der Navy in "freundlichen Gewässern" operieren könnten, befänden sich solche des Warschauer Pakts in "unfreundlichen Gewässern" (sie wären attackiert worden). Lesenswert ist auch die Kabbelei mit Henry Kissinger, der sich darüber echauffierte, dass die Air Force bei schlechtem Wetter nicht bomben könne, man solle Angriffe wohl besser im Juli in der Wüste durchführen.

1986 wurde dem zur eigenen Politik neigenden JCS die operative Macht entzogen und das JCS aus der Befehlskette von Präsident und Verteidigungsminister ausgegliedert. Anfang der 1960er Jahre hatte es einen Privatkrieg mit Präsident John F. Kennedy geführt, der sich für die Nuklearstrategie der Militärs nicht erwärmen konnte (Der General mit dem Knall, Der General, der Präsident - und die Bombe).


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