"Wir selbst und die Doofen"

Die Spex, Bibel und einstiges Zentralorgan popkultureller Geschmacksvergewisserung, gibt es noch. Ein paar Macher der jüngeren Zeit blicken aber bereits auf ihr kulturelles Erbe zurück

Jede Zeit hat ihre Marken, Moden und Namen, die von meist Helden, Songs oder Idiomen getragen und von Stilen, Denkweisen und Haltungen begleitet werden. Jede Zeit hat aber auch ihr Ende, so wie jedes Ende seine Zeit hat. Das gilt für Ideen, Projekte und Entwürfe genauso wie für Programme und Bewegungen. Erst recht, wenn sie sich als "avant la lettre" definiert hatten und versuchen, sich, nachdem der Zug der Zeit über sie hinweggefegt ist, irgendwie weiter am Leben zu erhalten.

Aus der Zeit gefallen zu sein, vom Zeitgeist überholt worden zu sein und noch zu Lebzeiten seiner eigenen Musealisierung beiwohnen zu müssen, ist zuletzt dem politischen Kabarett nach dem Fall der Mauer widerfahren, als die Realität es einholte und die Lachsalven von der Politik selbst geliefert wurden. Seitdem haben wir es mit Figuren wie Oliver Pocher, Michael Mittermaier oder Cindy aus Marzahn (oder Mahlzahn) zu tun, Wiedergänger des gut bezahlten Schwachsinns, die auf den Bühnen und Bildschirmen jetzt den Blödmann bzw. die Blödfrau abgeben.

Ein Jahrzehnt später hat es dann auch Harald Schmidt erwischt. Als um die Jahrtausendwende auch hierzulande politische Korrektheiten und das Gutmenschentum in Mode kamen, zündeten auch sein Zynismus und seine respektlosen Gags gegenüber Randgruppen nicht mehr. Immerhin erbarmte sich irgendwann der Bezahlsender Sky seiner und gab ihm ein kleines Austragsstudio. Dort darf er, allerdings nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit, nach den Spielen der Königsklasse als "Late Night-Champion" weiter herumalbern.

Die Rock- und Popkultur ist da aus einem etwas anderem Holz geschnitzt. Dahinsiechen, Fahnenwechsel oder ein Verharren im Als-ob kennt sie nicht. Sie folgt lieber der Freudschen Erkenntnis, wonach nichts, was schon mal da war, vergeht. Dabei agiert sie wie der legendäre Igel im Märchen mit dem Hasen. Sie wartet ab, bis der Zeitgeist wieder um die Ecke lugt und sie rufen kann: "Ich bin schon da".

In der allseits erlebten und vielerorts beklagten "Retromania" ( Rock Is Dead - Long Live Rock) bündelt sich das. Weil alles, was gerade gehört, produziert oder angesagt ist, irgendwann, irgendwo oder irgendwie schon mal auf ähnliche Weise komponiert, aufgenommen, gemixt und gescratcht worden ist, feiert in den Aufnahmestudios das Bewährte, Vertraute und Altbekannte, neu verpackt durch neue Techniken, wahre Urstände.

Während das Ergebnis dann von und in den Medien gern als Neo-Dies oder Post-Jenes unters Volk gebracht wird, fügt die Poptheorie, eine besonders in Deutschland verbreitete Unkultur, noch dem Belanglosesten kulturell Bedeutungsvolles abgewinnen zu wollen - Pop ist tot, es lebe der Sound -, dem noch eine weitere Fußnote hinzu. (Zuletzt war es dem Schlagersänger Heino vorbehalten, einige der Mythen der Popkultur auf ebenso simple wie liederliche Weise zu entzaubern).

Spex 026.jpg
Vergrößern Jens-Christian Rabe, Spex-Veranstaltung in München; Foto: R. Maresch

Doch auch der Popdiskurs wird dank der technisch-ökonomischen Umbrüche zunehmend in die Rolle jenes hinlänglich bekannten "Angelus Novus" gedrängt. Laut Walter Benjamin, neben Adorno und dem "Kulturindustrie"-Kapitel einer der Urväter der Poptheorie, nagt nicht bloß der Zug der Zeit heftig an ihm. Obwohl er stets gerne "verweilen, die Toten erwecken und das Zerschlagene zusammenfügen" möchte, wird er von ihm unaufhaltsam in die Zukunft getrieben.

Dass ihm beim zwanghaften Blick in die Vergangenheit eher Trümmer, Ruinen und Katastrophen ( Trümmer über Trümmer) seinen Blick kreuzen, die die Geschichte nachweislich aufgetürmt und der Nachwelt hinterlassen haben wird, liegt vermutlich weniger an dem "Sturm", der ihn forttreibt, als vielmehr an all den Verheißungen, Sehnsüchten und Heilsversprechen, denen die Menschen seit ihrer Vertreibung aus dem Paradies unentwegt nachhecheln.

An der Pop-Postille Spex, die sich, wie der Name schon suggeriert, stets als die "große Durchblickerin" geriert hat, dabei nicht bloß den "Produktcharakter der Musik" und "den Kapitalismus" in Frage stellte, sondern ihren Lesern dazu auch noch gern den Lauf der Welt erklären und der pop-politischen Subkultur einen geheimen und umso tieferen Sinn abgewinnen wollte, lässt sich dieser "Sturm der Zeit" ein Stück weit ablesen.

Bekanntlich wurde die Zeitschrift im Jahre 1980, das Jahr, in dem auch die Partei "Die Grünen" aus der Taufe gehoben wurde, von einem Autorenkollektiv am Tresen einer Kölner Stammkneipe gegründet. Ihr Bestehen verdankt sie, folgt man den Ausführungen Dirk Scheurings, Gründungsmitglied und Teilhaber damals, weniger ihrer inhaltlichen Ausrichtung, als vielmehr dem Desktop Publishing, das anfangs vorwiegend von einer alleinerziehenden Setzerin betrieben wurde. Vorher falscher Link ausgewechselt - Wir bitten um Entschuldigung

Hantierten andere Zeitschriften, etwa der Spiegel, das Hamburger Konkurrenzblatt "Sounds" oder Produkte aus dem Münchner Condé Nast Verlag, in diesen Jahren noch mit Bleiplatten und Letterndruck, waren die Kölner seinerzeit bereits voll computerisiert. Dank des erheblich billiger gewordenen Offset-Drucks konnte die Spex auch am Bahnhof verkauft werden. Ohne die Technik hätte das Blatt keine Zukunft gehabt. Zehn Jahre vorher wäre es nicht möglich gewesen, die Spex zu machen,

Ihr beste Zeit erlebte das Magazin, als 1983 Diedrich Diederichsen das Ruder übernahm. Erfolg und Aufstieg zur Bibel und zum deutschen Zentralorgan der musikalischen Subkultur gründeten sich zunächst weniger auf die Analyse musikalischer Trends und Genres, als vielmehr darauf, dass er der Zeitschrift einen akademischen Anstrich verpasste und die Spex-Leser mit französischer Theorie fütterte.

Poststrukturalismus und Psychoanalyse, Dekonstruktivismus und Simulationstheorie hatten sich Anfang der 1970er zuvor in Konkurrenz zur Kritischen Theorie, namentlich des Kulturindustrie-Kapitels aus der "Dialektik der Aufklärung", entwickelt und an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten zunehmend regeres Interesse und Zuspruch erfahren. Mit dieser neuen "Ernsthaftigkeit", die mit Comics und Kunstcollagen ein wenig aufgeheitert wurde, verlor die Spex allerdings auch etwas an "Leichtigkeit".

Auch wurde oft an ihrer "Kopflastigkeit" herumgemäkelt und ihre mangelnde "Verständlichkeit" kritisiert. Verwunderlich war das wiederum nicht. Zumal die Autoren ausdrücklich aus der Fan-Perspektive schreiben durften oder sollten und ein eigener Schreibstil ausdrücklich erwartet wurde, auch und vor allem, um sich von anderen Magazinen zu unterscheiden.

Allerdings gründete sich diese Hinwendung auf ein Selbstmissverständnis. Zwar hatten Diskursanalyse und Dekonstruktivismus durch ihren Transfer nach Amerika und ihre Berührung mit Rassismustheorien, Feminismus und Gender-Studies einen kulturalistischen und linkspolitischen Anstrich bekommen, mit der Herkunft bzw. den Inhalten der Theorien hatte das allerdings herzlich wenig zu tun.

Angesichts dieses Linksschwenks hatte es die elektronische Fraktion, die später über Clubs und Raves sprechen und für mehr House und Techno im Heft plädierte, schwer, Gehör zu finden. Dirk Scheuring, der 1991 auf Bitten von Hans Nieswandt, der das Heft von Diederichsen übernommen hatte, für kurze Zeit wieder eingestiegen war, beklagt heute den mangelnden "Spirit" und die "Unbeweglichkeit" der Redaktion, die seiner Ansicht nach gegenüber Neuerungen zu wenig aufgeschlossen war.

Vor allem dieser Kultur- und Theorieschwenk der Spex, deren Entwicklung ich stets nur lückenhaft, sporadisch und aus der Entfernung mitverfolgt habe, hat sie mir immer suspekt gemacht. Vor allem, weil die Macher während dieser Jahre den Lesern nicht nur den richtigen Geschmack vermitteln wollten (das ginge ja noch), sondern in der Musik immer auch den Hebel sahen, ihren Lesern auch noch die rechte Haltung und passende Gesinnung verklickern zu wollen.

Laut Scheuring musste man zu jener Zeit zu allem, was man hörte, las oder schrieb, eine Haltung zeigen. Einfach nur Musik hören und ein "interesselosen Wohlgefallen" dafür entwickeln, ging nicht und war untersagt. Alles, was auf die Redaktionstische kam, musste bemeint und beurteilt, begründet und verteidigt werden. Die "Schlaumeier"-Attitüden, die die Spexler entwickelt hatten und ständig wie eine Monstranz vor sich hertrugen, kamen nicht von ungefähr.

"Wir selbst und die Doofen", besser als Clara Drechsler, die sich längst aus der Pop-Szene verabschiedet hat und als Übersetzerin tätig ist, hätte man die Einstellung der Leute, ihre anmaßende Haltung und ihr Eingebildetsein, das sich in der Redaktion breit machten, nicht auf den Punkt bringen können.

Zudem war der Poststrukturalismus, den Diederichsen und seine damaligen Mitstreiter herumgereicht haben, immer ein zurechtfrisierter. Er war halbgar, halbverdaut und halbverstanden und wurde mit der eigenen linken Ideologie vermanscht. Derrida, Foucault und Lacan waren, wie alle Welt weiß, weder alternativ noch grün oder gar politisch links. Auch Baudrillard nicht, der sich bereits in den 1980ern von der "göttlichen Linken" abgewandt und ihr "eine Pavane" zum Abschied geschenkt hatte.

Während die Studenten und Gewerkschaften im mit Mythen überhäuften Mai 68 sich noch unschlüssig über ein gemeinsames Bündnis waren, andere mit dem Bau von Barrikaden begannen und damit die Exekutivmächte des Staates herausforderten, saß beispielsweise Jaques Derrida von all dem ungerührt an seinem Schreibtisch und schrieb, während Jacques Lacan den jugendlichen Aufständischen alsbald die Geburt und das Kommen eines "Neuen Herren" prophezeite.

Was dann nach dem Mauerfall von 1989, den progromartigen Überfällen jugendlicher Ausländerhasser in Hoyerswerda 1991 und in Rostock-Lichtenhagen 1992, ein Jahr später in der Gründung so genannter "Wohlfahrtsausschüsse" zur "Abwehr gegenrevolutionären Übels", wie sich das nannte, schließlich realisiert wurde.

Diedrich Diederichsens Text "The Kids Are Not Alright" von 1992 gab den Startschuss für diesen neuen "Kulturstalinismus", der in und außerhalb der Spex für einige Jahre praktiziert wurde. Danach war jedenfalls nichts mehr wie zuvor. HipHop und Malcolm X-Kappen galten von da an als bedenklich und Pop- und Jugendkultur nicht mehr per se als subversiv und emanzipatorisch. Der Kampf um Codes, Stile und Symbole war nach Ansicht Diederichsens nach in Kriege um Territorien umgekippt.

Hinzu kam, dass sich die Franzosen bei all ihrem Denken und Schreiben stets auf Nietzsche und Heidegger berufen, jene deutschen Dunkelmänner, die hierzulande unter dem Verdacht standen, den Nazis zumindest Stichwörter und den Background für ihre barbarische Ideologie geliefert zu haben.

Dieser Bezug war es ja auch, der den Poststrukturalismus lange Zeit für Habermas und Konsorten so bedenklich machte. Für angehende Akademiker war es in diesen Jahren nicht gerade karrierefördernd, wenn sie sich auf diese Leute berufen hatten. Nicht zufällig brauchte Suhrkamp sehr lange, bis sie das Placet von Habermas hatten und Derrida und Foucault von den Frankfurtern verlegt werden durften. Mittlerweile wird jeder Furz, um im Jargon der Spex zu bleiben, publiziert, den die beiden irgendwann mal abgelassen haben.

Darum verwundert es nicht, dass die Spex Mitte der 1990er schnurstracks in die Krise schlitterte, neben der inhaltlichen auch in eine finanzielle. Eine Vielzahl der Leser hatte die Lust an der Zeitschrift schlichtweg verloren. Auch die "Narrenfreiheit", die sie sich lange Zeit gestattet hatte, wurde nicht mehr widerspruchslos akzeptiert. Ein furchtbares Layout, "Dampfplauderei", der schulmeisterliche und oberlehrerhafte Ton, der kryptisch-hermetische Charakter vieler Texte und das Hypen musikalischer Inhalte, die nur noch Minoritäten ansprachen, führten auch dazu.

Dietmar Dath, der Ende der 1990er für kurze Zeit die Verantwortung übernahm, kommt schließlich das zweifelhafte Verdienst zu, die Spex mit der ihm eigenen Überheblichkeit, die er gern mit einem Schuss Selbsthass würzte und den er bisweilen auf Leser wie Kollegen losließ, die Spex fast vollkommen an die Wand gefahren zu haben. In der FAZ, deren Redakteur er nach seinem Ausscheiden wurde, rühmte er sich und die seinen später noch für diese Tat.

Der Aufkäufer, Insolvenzverwalter und auch Retter des Magazins, der Münchner Verleger Alexander Lacher, zieh ihn deswegen in einem offenen Brief, der in der Spex erschien, weil die FAZ sich geweigert hatte, ihn zu veröffentlichen, der "Selbstüberschätzung" und "üblen Nachrede", der "journalistischen Selbstdemontage" und "selbstgerechten "Besserwisserei".

Trotz all dieser diversen Richtungs- und Orts-, Eigentümer- und Personenwechsel in der Chefetage, die meist immer von heftigen medialen Getöse, aber auch von persönlichen Beschimpfungen, Verunglimpfungen und Diffamierungen begleitet wurden, existiert die Zeitschrift noch immer. Das ist vielleicht nicht die beste, aber auf alle Fälle die wichtigste Nachricht.

Weder der obskure Schreibstil, eine abenteuerliche Grammatik und eine verquaste Denke, noch die Offenheit gegenüber "kranker" Musik (D. Scheuring) oder die Arroganz, den gewisse Autoren und auch manch verantwortlicher oder leitende Redakteur während all der Jahre an den Tage legten, konnten ihr im Grunde etwas anhaben.

Einige von ihnen, was wiederum typisch für soziale Bewegungen ist, machten nach ihrem freiwilligen oder unfreiwilligen Ausscheiden aus der Redaktion Karriere. Sie fanden entweder eine Stelle an einer Akademie oder wechselten zu namhaften Zeitungen oder Zeitschriften. Andere wiederum verschrieben sich später der Schriftstellerei.

Nach dem Umzug von Köln nach Berlin, der zum Rücktritt der gesamten Redaktion führte, stellten die Neueigentümer zwar vom monatlichen auf ein zweimonatliches Erscheinen um. Ferner mussten die Macher nach dem Ende der Selbstverwaltung und der Abwendung der Pleite durch den Verkauf an die Münchner "Piranha Media GmbH" auch dem Kommerziellen Tribut zollen und modischen Schnickschnack im Heft dulden.

Doch trotz aller technischen Umbrüche im Zeitschriftengewerbe, der Diversifizierung vieler Erzeugnisse und der Verlagerung von Inhalten ins Netz, einer Vielzahl von Gratisplattformen und Aufnahme popkultureller Themen in den Tageszeitungsmarkt, die einen Kauf der Spex nicht mehr zwingend notwendig machen, bleibt die Auflage überraschend stabil. Traut man den Angaben, dann pendelt der Verkauf derzeit um die achtzehntausend.

Bezahlt hat man die öffentlich ausgetragenen Querelen um Personal und Inhalt allerdings mit dem Verlust der popkulturellen Relevanz. Die Hegemoniestellung und das Meinungsmonopol in Sachen Popkultur, das man sich zu Zeiten Diedrich Diederichsens mal erobert hatte, ist jedenfalls verlustig gegangen.

Die Tribalisierung des Publikums, die Aufteilung in Stämme, Sparten und Special Interest Gruppen ist weit fortgeschritten und die "Gegenöffentlichkeit", als deren Sprachrohr sie sich einst gezählt hatte, in unzählige Teilöffentlichkeiten zerfallen und zersplittert. Andererseits ist das auch gut so. Auf- und abgeklärt und zynisch abgefedert, wie wird sind, brauchen wir niemanden mehr, der uns die Welt erklärt und uns die rechte Sicht der Dinge aufzwingt.

Hinzu kommt, dass es für Musik- oder Theorieinteressierte genügend andere Plattformen gibt, namentlich bei den Bands und den Betreibern selber. Sie bieten Inhalte nicht nur kostenlos an, dort kann man sich auch jederzeit über seine Lieblinge oder die neuesten Moden, Stile und Trends per Mausklick rasch informieren. Zudem bleibt die Zukunft des Zeitschriftenmarktes weiterhin prekär. Wahrscheinlich ist, dass es binnen einer Dekade kaum noch Printprodukte geben wird. Und dass User für Inhalte im Netz bezahlen werden, davon ist im Prinzip auch keiner überzeugt.

Spex 033.jpg
Vergrößern Bild: Spex-Veranstaltung in München; v.l. n. r. Rabe, Dax, Waak, Neumeister: Foto: R. Maresch

Die Ansicht, dass sich Zeitschriften "ändern, häuten, weiterentwickeln" müssen, um "ihre Relevanz zu bewahren" mag Balsam für die Seele des einen oder anderen Machers sein, mehr als Hoffnung verbreiten, vermag sie aber nicht. Im Übrigen genauso wenig wie der Begriff der "Entschleunigung", der allenthalben im Pressegewerbe herumgeistert. Leser sind heute vor allem am schnellen Konsum interessiert, nicht an tiefgründigen und abgeklärten Bohrungen.

Das gilt für Texte und Bücher genauso wie für Songs und Alben. Ein wirkliches Zuendelesen, eine inhaltliche Auseinandersetzung oder ein angestrengtes Hören gibt es kaum noch. Ehe man eine CD zweimal hören konnte, wartet schon die nächste auf den Download. Das mag man, das kann man, und das muss man vielleicht sogar bedauern, ändern lässt sich das aber wohl kaum.

Angesichts dieses Dilemmas, dem nicht nur die Spex ausgesetzt ist, kann es kaum verwundern, dass einige der jüngeren Macher sich entschlossen haben, das Erbe, das sich in über dreiunddreißig Jahren angesammelt hat und in den Archiven schlummert, zu sichten. Eine Kärrnerarbeit muss das gewesen sein. Aus über dreißigtausend Beiträgen haben sie schließlich die ihrer Meinung nach dreiundsiebzig wichtigsten Artikel über Musikstile, Rockbands und gegenkulturellen Strömungen ausgewählt und nebst aller Cover, die im Zeitraum von 1980 bis April 2013 jemals erschienen sind, in ein Hardcover von knapp 500 Seiten gepresst.

Wie zu erwarten, gab es sofort Streit über die Auswahl, die Max Dax zusammen mit der Welt-Korrespondentin Anne Waak vorgenommen hat. Sie sei untypisch für die Jahre, sie fröne zu sehr den "großen Namen" und "bekannten Themen" und vernachlässige dabei das Abseitige, Abfällige und Queere, dem sich die Spex immer verpflichtet gefühlt hatte. Auch werde zu wenig auf politische Texte Rücksicht genommen, die vor allem in den 1990ern das Blatt gefüllt hätten.

In der Tat finden sich in dem Band vor allem jene Namen, die auch in den Feuilletons der Überregionalen, im "Rolling Stone" oder im "New Musical Express" zu finden sind: Madonna und die Pet Shop Boys, Oasis und Blur, AC/DC und My Bloody Valentine, Blumfeld und Daft Punk. Dafür aber erstaunlich wenig Politkram und Politfolklore, auf den die Macher Gott sei Dank verzichtet haben. Verwundern kann das aber kaum. Schließlich will der "Metrolit Verlag", ein mittelständisches Unternehmen aus Berlin, das Buch auch verkaufen und etwas Profit damit machen. Mit obskuren und unverständlichen Texten könnte man das sicherlich nicht.

Folglich ist man mit dem kiloschweren Reader auch auf Wanderschaft gegangen, um es in den Großstädten der Republik der alten und vielleicht auch neuen Kundschaft schmackhaft zu machen. In München, an dem Abend, an dem der BVB im Estadio Santiago Bernabéu mit Real um den Einzug ins Finale der Königsklasse stritt, ging diese Absicht jedenfalls mächtig in die Hose.

Zwar hatte man mit dem Pop-Veteranen Andreas Neumeister einen prominenten Altvertreter der Popliteratur gewonnen, der vielleicht etwas Bedeutendes zu sagen gewusst hätte, wenn man ihn entsprechend befragt hätte. Doch Jens-Christan Rabe, Pop-Feuilletonist der SZ, der am gleichen Tag noch in seiner Zeitung das Buch wohlwollend besprochen hatte (im Übrigen ein eklatanter Fall von Interessenkollision) war dazu nicht in der Lage. Entsprechend unstrukturiert, einfalls- und teilweise lustlos, gepaart mit einem Schuss Wurstigkeit, moderierte er die Veranstaltung. Und gleichgültig,

Neumeister las den dritten Text zu Throbbing Gristle; die junge Anne Waak, den von Clara Drechsler über "1 Jahr Spex"; Max Dax wiederum sein Interview mit "Grindermann", better known as Nick Cave. Das alles hätte man auch zu Hause nachlesen können, dabei dem Sturmlauf Ronaldos und Co. der Anfangs- und Schlussviertelstunden bewundern und die dazwischen vergebenen Großchancen des BVBs beklagen können.

Ach ja, ein paar schlaue Sprüche, die man vorher so noch nie gehört hatte, gab es schließlich auch. Neumeister empfindet trotz allem "keinen Überdruss an der Spex"; für Max Dax ist sie nach wie vor "ein Spiegel" und hat "Bedeutung für viele Leute"; für Anne Waak wiederum verändert sich "die Welt durchs Schreiben". Wer Spex liest, sieht danach "die Welt mit anderen Augen".

Von Jens-Christian Rabe sind derart tiefgründige Erkenntnisse, die ihm die Spex geliefert hat, nicht zu übermitteln. Ihm, dem Nachgeborenen, ging die Sache offensichtlich am Allerwertesten vorbei. Das Publikum jedenfalls, das recht zahlreich erschienen war, bezog er jedenfalls nicht mit ein. Dabei hätte es sicher eine Menge Frage zu stellen und zu beantworten gegeben. Allerdings beschwerte sich darüber auch niemand von der Spaßfraktion. Offenbar wussten die Leute zum Thema auch nichts zu sagen und wollten gleich zum gemütlichen Teil übergehen.

Mit der Nachricht, dass es nach achtunddreißig Minuten in Madrid immer noch 0:0 steht, beendete der SZ-Feuilletonist abrupt das Geschehen. Max Dax bediente danach noch sein DJ-Pult, er ließ sein Laptop rotieren, während ein Teil des Publikums sich zum Kulturschnack und Flirt an die Tresen zurückzog.

Literatur: Max Dax, Anne Waak (Hg): Spex- 33 1/3 Jahre Pop. Metrolit, Berlin 2013. 480 S. , 28 €

Kommentare lesen (33 Beiträge)
Anzeige