"Wir sind die Ahnungslosen"?

Künstler fordern einen besseren Schutz, verraten aber nicht, wie er aussehen soll

Laut Zeit ist die in ihrer aktuellen Ausgabe veröffentlichte Aktion "Wir sind die Urheber" die "bislang größte von Schriftstellern und Künstlern gegen den Diebstahl des geistigen Eigentums". Waren es zu Anfang noch hundert Unterzeichner, so war gestern abend schon von 1.500 die Rede. Die Liste, die auf der "Wir sind die Urheber"- Website einsehbar ist, sieht allerdings nicht nach einer solchen Anzahl aus, doch bleibt die Unterstützung des Aufrufs in den Medien schon beeindruckend. Was ist eigentlich sein Ziel?

Im Text des Aufrufes findet sich folgende Stelle: "Es gilt, den Schutz des Urheberrechts zu stärken und den heutigen Bedingungen des schnellen und massenhaften Zugangs zu den Produkten geistiger Arbeit anzupassen."

Wie man sich die "Stärkung des Urheberrechts" vorzustellen hat, geht aus dem Appell aber nicht hervor. Härtere Bestrafung bei Verstößen? Internetsperren? Das Three-Strikes-Modell auch in Deutschland? Empfindliche Abmahngebühren? Totalüberwachung durch die Provider?

Noch weniger kann man sich etwas darunter vorstellen, wie die von den Künstlern gewünschte "Anpassung des Urheberrechts an die heutigen Bedingungen" aussehen soll. Vielleicht wissen sie es selbst nicht so genau.

Vieles, worauf es ankäme, bleibt unpräzise in dem Schreiben der vielen Schriftsteller, die sich gegen den "Diebstahl" ihres geistigen Eigentums wehren. Interessant ist die beiläufige Beobachtung, dass auf dieser Liste, die mit Promi-Namen des Kulturbetriebs glänzt - etwa mit Kehlmann, Walser, Heidenreich, Willemsen, Tellkamp, Lewitscharow - andere fehlen, die für avancierte, genaue kritisch-reflektierte Beobachtungen des Kulturbetriebs der aktuellen Gegenwart bekannt sind, Rainald Goetz etwa oder Diedrich Diederichsen. Kommen die noch hinzu?

Bemerkenswert ist auch, dass der Appell, der sich für die Rolle der Vermarkter in der arbeitsteiligen Realität einsetzt - "gegen den behaupteten Interessensgegensatz zwischen Urhebern und 'Verwertern'" - maßgeblich von einem Vermarkter koordiniert wird: vom Literaturagenten Matthias Landwehr. Es müsste also eigentlich heißen "Wir sind die Urheber und Vermarkter", was ja auch nicht skandalös oder irgendwie verurteilenswert wäre, aber dann hätte der Aufruf möglicherweise nicht die gleiche öffentliche Wucht, als wenn es nur um die Künstlerinteressen geht, wie dies der Appell unter Auslassung der Mitstreiter behauptet.

Auch die Piraten werden in dem Text nicht benannt und doch weiß jeder, dass es um sie geht. Das zeigen alleine schon die Reaktionen auf den Appell in den Kulturseiten. Die großen Vorwürfe im Aufruf - "öffentliche Angriffe (nicht Kritik!, Einf. d.A.) gegen das Urheberrecht", Rechtfertigungen des "profanen Diebstahls geistigen Eigentums" etc. richten sich an die Piraten. Der Aufruf macht sich nicht die Mühe zu differenzieren.

Man könnte ja beispielsweise auf eine konkrete Forderung der Piraten im Zusammenhang mit Immaterialgüterrechten eingehen. Sie stellen sich auf die Seite der Autoren, etwa wenn es darum geht, dass Total-Buy-Out-Verträge mit Rechteverwertern nicht für alle Zeiten gültig sind. Alle Verwertungsrechte an einem Werk gehen nach 25 Jahren automatisch an den Urheber zurück. Und die Piraten stellen sich gegen die Verwerter, wenn sie bezweifeln, dass die Dauer von Immaterialgüterrechten bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers im Interesse des Künstlers und nicht der Verwerter liegen soll - übrigens gegen das Interesse der Allgemeinheit.

Interessant ist das Timing des Aufrufs, der in manchem kampagnenhafte Züge trägt, kurz vor der Wahl in NRW, wo die Piraten, wie von mancher Seite befürchtet wird, ihren "Höhenflug" fortsetzen könnten. Der von den Piraten in besonderer Weise angegriffene Bertelsmann-Konzern, einer der finanziell bedeutendsten Rechteverwerter in Deutschland, hat dort sein Zuhause.

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