Wissenschaftler als prekärer Beruf

Die Initiativen gegen Niedriglohn im Wissenschaftsbetrieb mehren sich, sind aber noch sehr zersplittert. Es wird sich zeigen, ob sie sich vernetzten können

"10 Jahre Frondienst im Dienst der Integration" und "Ich arbeite prekär - im Auftrag des Bundes": Mit solchen Parolen protestierten in den letzten Woche Integrationslehrer in verschiedenen Städten gegen ihre schlechten Arbeitsbedingungen. Der Zeitpunkt müsste für sie gut sein. Schließlich sind Deutschlehrerinnen und -lehrer aktuell sehr gefragt, da jeder Geflüchtete in Deutschland obligatorisch einen Integrationskurs "Deutsch für Zuwanderer" belegen muss.

Doch die Lehrenden klagen über geringen Lohn und schlechte Arbeitsbedingungen. Von einem Honorar von etwa 20 Euro pro Stunde müssen sie auch ihre Kranken- und Rentenversicherung vollständig selbst finanzieren. Urlaubsgeld erhalten sie nicht. Wenn sie krank sind, müssen sie einen Verdienstausfall hinnehmen. Bei befristeten Verträgen gibt es zudem keinen Kündigungsschutz. Oft verdienen die Integrationslehrer so wenig, dass sie noch mit Hartz IV aufstocken müssen, um überhaupt ihre Lebenshaltungskosten zu decken.

Viele Lehrkräfte wollen den ihnen aufgezwungenen Status als Selbstständige loswerden und fordern tariflich bezahlte Arbeitsplätze. "Wir sind keine Unternehmertypen, sondern Lehrer und wollen auch so behandelt werden", wurde Georg Niedermüller, Mitbegründer der Initiative Bildung prekär, im Herbst auf Spiegel Online zitiert. In dieser Initiative haben sich Lehrkräfte verschiedener Richtungen, die sich gegen die schlechten Arbeitsbedingungen und Niedriglöhne wehren wollen, zusammengeschlossen.

Das ist auch das Anliegen des Netzwerkes Prekäres Wissen, das Bildungsarbeiter in der Wissenschaft mit prekären Arbeitsverhältnissen koordinieren will. Kürzlich veröffentlichte das Netz eine Honorartabelle für Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen.

Dazu sammelte sie über 60 typische Beispiele von prekärer Arbeit in der Wissenschaft von Lehraufträgen bis zu Vorträgen. Sie ermittelte zudem, welcher häufig unbezahlte tatsächliche Arbeitsaufwand für die jeweiligen Aufträge nötig gewesen war, und errechnete so aus dem offiziellen Honorar den tatsächlichen Bruttostundenlohn der meist freiberuflich Tätigen. In über 20 Fällen lag dieser tatsächliche Stundenlohn unter dem Mindestlohn von 8,50 Euro. An der Leipziger Universität und der Freien Universität Berlin (FU) gab es sogar Lehraufträge ganz ohne Bezahlung.

Im Wissenschaftsbereich sind Niedriglohn und schlechte Arbeitsbedingungen, auch im Mittelbau, völlig üblich, wie die Deutsche Gesellschaft für Soziologie in einer Stellungnahme vom Februar 2016 feststellte. Sie sieht die prekären Arbeitsbedingungen als Folge eines "akademischen Kapitalismus", der durch eine Unterfinanzierung der Hochschulen und einen verschärften Wettbewerb um Forschungsgelder gekennzeichnet ist.

Auf einer Fachtagung der DGS diskutierten Gewerkschafter und Wissenschaftler Ende Februar über das Thema Wissenschaft als prekärer Beruf. "Diese Diskussion will (...) die Folgen prekärer Beschäftigung für die Lebenssituation, das wissenschaftliche Selbstverständnis und für die soziologische Wissensproduktion diskutieren“, lautete der Anspruch an die Tagung.

Dabei wurde nun über die prekäre Wissensproduktion in den letzten Jahren genug diskutiert. Es muss sich nun zeigen, ob die Betroffenen über den Austausch von Befindlichkeiten hinaus in der Lage sind, sich zumindest in der Wissensbranche zu vernetzen und eine einheitliche Organisierung hinzukriegen.

Denn prekäre Arbeit wird im Wissenschaftsbereich schon früh eingeübt. So haben die ungefähr 6.000 wissenschaftlichen Hilfskräfte an Berliner Hochschulen seit 2001 keine Lohnerhöhung mehr bekommen. Das Weihnachtsgeld hat der Berliner Senat 2004 gestrichen. 2011 mussten GEW und Verdi die Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag ergebnislos abbrechen, weil es nicht gelungen war, den nötigen politischen Druck zu erzeugen.

In nächster Zeit wollen beide Gewerkschaften gemeinsam mit politisch engagierten Studierenden aus sämtlichen Berliner Hochschulen einen neuen Anlauf für den Kampf um einen Tarifvertrag nehmen. Als erster Schritt wurde eine Umfrage gestartet, mit der ermittelt werden soll, welche tariflichen Forderungen den studentischen Hilfskräften wichtig sind. Zu Beginn des neuen Semesters sollen verstärkt neue Gewerkschaftsmitglieder geworben werden.

Darin sehen beide Gewerkschaften die Voraussetzungen, um eine lange, vielleicht mit Streiks verbundene Tarifauseinandersetzung erfolgreich zu bestehen. Schließlich war es in den achtziger Jahren erst nach einem langen Arbeitskampf möglich, Tarifverträge für studentische Hilfskräfte abzuschließen. Beide Gewerkschaften und die Studierenden sind sich einig, dass die Selbstorganisierung der Hilfskräfte die Grundlage des Erfolgs ist.

"Eine solche Kampagne steht und fällt mit der Bereitschaft der studentischen Beschäftigten, sich aktiv einzubringen und gewerkschaftlich zu organisieren“, heißt es auf der Homepage der GEW. Ein weiterer Erfolg der Kampagne wäre es, wenn die prekären Integrationslehrer, Soziologen etc. ihre Statusgrenze überspringen könnten und Solidarität mit ihren Kollegen üben würden. Denn ein Erfolg in einem Bereich in der Bildungsbranche wäre auch für die anderen ein Ansporn.

An einem aktuellen Beispiel ist es gelungen, unterschiedliche Gruppen von Prekären an der Hochschule zusammenzubringen. Dass nicht nur wissenschaftliche Mitarbeiter von schlechten Arbeitsbedingungen betroffen sind, zeigt der Kampf der Beschäftigten des Botanischen Gartens Berlin gegen Dumpinglöhne und Outsourcing. Ein Teil der Belegschaft arbeitet für die FU, zu der der Garten gehört.

Der andere Teil wurde beim Tochterunternehmen "Betriebsgesellschaft für die Zentraleinrichtung Botanischer Garten und Botanisches Museum" angestellt. Beide Gruppen machen die gleiche Arbeit, doch die Ausgegliederten erhalten bis zu 42 Prozent weniger Lohn. Seit über einem Jahr kämpfen Beschäftigte des Botanischen Gartens für das Prinzip "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit".

Mittlerweile haben sie zwei erfolgreiche Warnstreiks organisiert. Weil die Ankündigung so kurzfristig war, konnte die FU die Streikenden nicht ersetzen. So kamen Besucher während des ersten Streiktags in den Genuss des freien Eintritts.

Die Beschäftigten des Botanischen Gartens haben für ihren Widerstand gegen das von der Universitätsleitung favorisierte Outsourcing Unterstützung von einem Bündnis, das von linken Studierendengruppen über die Berliner Gruppe gegen Arbeitgeberunrecht bis zur antikapitalistischen Ini­tiative Klassenkampfblock reicht.

Kürzlich hat sich ein Solidaritätskreis gegründet, an dem Studierende, studentische Hilfskräfte und Wissenschaftler aus mehreren Berliner Hochschulen beteiligt sind. Denn ein Erfolg im Botanischen Garten wäre auch eine Ermutigung für die prekären Wissenschaftler.

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