Wulff-Verschwörungstheorie

Roland Klaus spekuliert über eine absichtliche Demontage des Bundespräsidenten, die ihn daran hindern soll, die ESM-Gesetze zu verzögern

Am 24. August des letzten Jahres kritisierte Christian Wulff im Rahmen einer Rede in Lindau in überraschend scharfer Form die regelmäßigen Euro-Rettungsschirme und meinte, wer "die Folgen geplatzter Spekulationsblasen allein mit Geld und Garantien zu mildern" versuche, der handle "nach dem Motto: Nach mir die Sintflut". Konkrete Pläne, solche Rettungsschirme durch die Verweigerung seiner Unterschrift zu stoppen, ließ der Bundespräsident danach allerdings – zumindest in der Öffentlichkeit - nicht erkennen.

Trotzdem nimmt der früher für CNBC und N24 tätige Analyst Roland Klaus die Rede zum Anlass, darüber zu spekulieren, ob "politische Zirkel" danach absichtlich in Christian Wulffs Vergangenheit stöbern ließen, um ihn durch Druck oder Rücktritt an einer Verzögerung des für dieses Jahr geplanten Dauer-Rettungsschirms ESM zu hindern oder dafür zu sorgen, dass er "zumindest so geschwächt zurückbleibt, dass ihm die Kraft für eine ernsthafte Opposition zum Rettungsschirm fehlt".

Als Indizien dafür dienen ihm der Zeitpunkt und die Natur der Enthüllungen, die sich möglicherweise auch bei manch anderen Politikern in ähnlicher Form finden ließen. Schließlich ist Wulff nicht der einzige, der in der Vergangenheit eine auffällige Nähe zu Personen wie Karsten Maschmeyer pflegte. Auch die Häufung der Vorwürfe ist vor allem dann bemerkenswert, wenn man berücksichtigt, dass es nicht nur um Urlaubsreisen und Kreditverträge geht, sondern dass gleichzeitig Gerüchte über das Vorleben seiner Ehefrau auftauchten. Und die Drohungen, die Wulff an den Bild-Chef Kai Diekmann richtete, sind (abgesehen vom Tonfall und von der Tatsache, dass er so dumm war, sie auf eine Mailbox zu sprechen) bei weitem nichts Außergewöhnliches, sondern journalistischer Alltag.

Hinzu kommt, dass es tatsächlich Akteure gibt, die massive wirtschaftliche Interessen an einer reibungslosen Umsetzung des ESM haben. Das gilt besonders dann, wenn man mögliche Alternativen zum ESM bedenkt, wie sie Klaus selbst etwa in einem Verzicht der Notenbanken auf die von ihnen gehaltenen Staatsschulden sieht. Dieser in den USA von Ron Paul propagierte Vorschlag ist Klaus zufolge allerdings nur dann eine langfristige Lösung, wenn er durch Maßnahmen wie die Trennung von Investment- und Geschäftsbanken, hinauswurfsbewehrte Schuldenbremsen für die Euro-Länder und eine "stärkere Orientierung hin zu einem gedeckten Geldsystem" flankiert wird.

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