Zensur: die vielen Gesichter

Zensur kann online ein Januskopf aus guter Absicht und bösen Absichten sein, jetzt vor allem

Das mit der Geschichte der Zensur ist so eine Sache. Auch wenn Wikipediaeinträge sagen, dass sie bis zum Auftauchen des Christentums praktisch nicht vorhanden gewesen sei, zumindest nicht systematisch, dürfen wir schon annehmen, dass es schon vorher einen gab, der sich dachte "Ha, das schreibe ich mal schnell an die Höhlenmauer". Und dann gab es den, der das schnell wieder wegwischen ließ. Aus was für Gründen auch immer. Vielleicht meinte er es nur gut und wollte verhindern, dass sich andere Höhlenbewohner über die Rechtschreibfehler in der Büffeldarstellung lustig machen. Vielleicht war er wirklich nicht gut auf den Steinzeitwitz zu sprechen, der da jetzt plötzlich am Latrinenteil der Höhle stand. Vielleicht bedeuten diese komisch umrandeten Hände in den pyrenäischen Höhlen auch nichts anderes als "zensiert".

Wir wissen es nicht.

In diesem Lichte muss man aktuelle Beispiele für Zensur sehen, auch wenn die nur zu gemeint sein wird. So haben Twitter, Facebook und Google zusammengespannt, um Misinformation zum Thema COVID-19 zu verhindern. Das ist löblich, das ist edel und gut. Nichts kann derzeit mehr nerven als die 100. Verschwörungstheorie über Pharmakonzerne und fremde Staaten, die das Virus freisetzen. Aber die gut gemeinte Arbeit mit Algorithmen führt natürlich jetzt auch stark dazu, dass Maschinen hier einen schlechten Job machen.

Ein Bug innerhalb der Facebook Filter führt gerade reihenweise zum Frust von Nutzern (hallo Harald M.!), die sich keiner Schuld bewusst sind und klassische Nachrichten zur Situation publiziert haben, deshalb sich aber plötzlich geblockt sehen mussten. Was ein bisschen an das liebgewonnene Szenarium "Keine nackte Brust in Social Media! Aber ich stille hier doch bloß!" erinnert, geht auf den Einsatz von Algorithmen zurück, die vielleicht noch nicht ganz den interlektuellen Leistungsgrad von Menschen erreicht haben. Nervig ist das allemal. Und auch Interpretationsfrage, aber diese Contents waren sicher nicht an einem Kipppunkt, sondern sehr solide. FakeNews wie unerträgliche Statements von überschminkten Influencern, die Leute zum Klopapierkauf auffordern, weil die Tante vom Cousin und deren dritte Freundin von Links eine Fußballmannschaft kennen, deren Kapitän einen Arzt gefragt hat, der wiederum einen Studienkollegen... usw.usw.usw.

Das mag ja alles sein, und das ist sicher ein länger zu diskutierender Sachverhalt, aber da kommen auch andere Zensoren im Netz hoch, die sich jetzt eigentlich nicht mehr auf ein Virus herausreden können. So sind Moderatoren von TikTok dazu angehalten worden, die Posts von "hässlichen" und "armen" Usern zu unterdrücken, damit die Plattform noch mehr User gewinnt. Klar, wer will denn auch schon erwartungsfroh eine Plattform installieren, und dann grinst einen plötzlich die schiefe Zahnreihe von den Sozialhilfeempfängern in der Nachbarschaft an... eben. Will man nicht, klar. Wäre ja noch schöner, wenn man die Welt zeigt, wie sie ist.

Vielleicht will man in Zukunft gar nicht mehr alles zeigen. So soll es bald möglich sein, einen eventuellen Virenträger mit dem Handy zu identifizieren. Das klingt auf den ersten Blick geradezu verlockend. Anstatt in der eigenen Wohnung zu bleiben, rennen alle wieder frei in den Frühling hinein und halten das Handy vor sich hin. Wenn es dann laut piepst, springen alle automatisch auf zwei Meter Abstand, und schon ist alles gut. Aber vielleicht wollen das gar nicht alle wissen und manche werden sich lieber vorab mit Alufolienhüten ausrüsten und sich so selbst zensieren.

Zensur bleibt ein schwieriges Thema, denn auf der einen Seite sind die, die einen scheinbar sinnvollen Grund dafür finden, vor allem in diesen Tagen. Und auf der anderen Seite sind die, die den nicht wirklich sehen. Ich bin froh, dass ich zwischen beiden nicht vermitteln muss. Derzeit.