Zuwanderung von Fachkräften: ...geh du voran

Außer Kontrolle

Obgleich stets der Fachkräfte/-arbeitermangel beschworen wird, hat die Öffnung des Arbeitsmarktes für Fachkräfte aus dem Ausland diebezüglich wenig verändert. Kaum überraschend

Die Positivliste der Bundesagentur für Arbeit (BA) enthält gemäß § 6 Absatz 2
Satz 1 Nr. 2 der Beschäftigungsverordnung jene Berufe, bei denen festgestellt wurde, dass die Besetzung offener Stellen mit ausländischen Bewerberinnen oder Bewerbern arbeitsmarkt- und integrationspolitisch unter Voraussetzungen verantwortbar ist.

"Die Besetzung einer offenen Stelle mit ausländischen Bewerberinnen oder Bewerbern ist in diesen Berufen dann verantwortbar, wenn die Stelle der Öffentlichkeit durch eine öffentliche Ausschreibung transparent gemacht worden ist. Daher ist Voraussetzung der Arbeitsmarktzulassung, dass zum Zeitpunkt der Zustimmung der BA die offene Stelle in der Jobbörse der BA
veröffentlicht ist", wird auf der offiziellen Positivliste von 2013 angemerkt.

Die Liste von 2013 enthält eine Vielzahl von Berufen in den Bereichen Elektronik, Mechatronik und Pflege, hinzu kommen z.B. Klempner, Lokführer und Blitzschutzmonteure (gemeint sind stets Fachkräfte beiderlei Geschlechtes).

Die Positivliste führt dazu, dass für die aufgelisteten Berufe der Einstieg in den Arbeitsmarkt für zugewanderte Kräfte einfacher wird, er soll insofern die Fachkräfte aus dem Ausland anziehen. So wurde es jedenfalls bisher angenommen und kolportiert. Doch tatsächlich sieht das Bundesministerium für Arbeit (BMAS) dies anders.

"Die Positivliste ist kein Instrument zur 'Anwerbung'", heißt es dort. Die Liste soll lediglich Information enthalten. Schließlich gebe es ja keinen Fachkräftemangel, sondern lediglich punktuelle Fachkräfteengpässe, welchen unter anderem durch Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland begegnet werden soll.

Wichtiger sei jedoch, den Engpässen durch mehr Aus- und Weiterbildung von inländischen Kräften wie Frauen, Älteren und Migranten zu begegnen, also "die inländischen Potentiale zu aktivieren".

Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) dagegen sieht durchaus einen Fachkräftemangel:
Insbesondere in Berufen, die eine duale Ausbildung erfordern - etwa in der Metall- und Elektroindustrie oder der Altenpflege - fehlen vielerorts qualifizierte Fachkräfte. Gerade hier gelingt es bisher kaum, zusätzlich zu den Bemühungen in der Aus- und Weiterbildung verstärkt Fachkräfte aus Drittstaaten zu beschäftigen.

Die Bemühungen sollen, so wird zwar nicht deutlich gesagt, aber so lässt es sich zwischen den Zeilen lesen, insbesondere durch die Politik und die BA erfolgen, die Arbeitgeber sind diesbezüglich eher zögerlich, denn sowohl Politik als auch Arbeitgeber scheinen eher der Ansicht zu sein, dass Deutschland als Erwerbsland so attraktiv ist, dass es ausreicht mitzuteilen, dass Leute benötigt werden, um bei ausländischen Kräften auf Begeisterung zu stoßen.

Doch Deutschland ist für gut ausgebildete Kräfte oftmals wenig attraktiv. Die Menschen gelten als streng, rechthaberisch und konservativ, die Stimmung wird als wenig ausländerfreundlich beschrieben, die Löhne und Gehälter sind oftmals nicht sehr attraktiv gegenüber anderen Ländern, die auf Zuwanderung setzen und nicht zuletzt ist die Bürokratie in Deutschland eine hohe Hürde.

So werden Ausbildungen, Weiterbildungen oder sonstige Qualifikationen oft nicht anerkannt. Zwar wird das seit April 2012 in Kraft getretene Anerkennungsgesetz bereits als Erfolg gefeiert, doch bereits ein Jahr nach Inkrafttreten wurde auch Kritik laut, die weiterhin gilt.

So machte der Integrationsrat auf Spiegel Online auf eines der Probleme aufmerksam:

Das Gesetz gilt bei weitem nicht für alle Berufe und nicht in ganz Deutschland einheitlich. Für Ausbildungsberufe in Industrie und Handel, Handwerksberufe und Gesundheitsberufe ist der Bund zuständig. Damit greift das neue Gesetz. Für Lehrer, Ingenieure, Erzieher und alle Studienabschlüsse, die keinem bestimmten gesetzlich geregelten Beruf zugeordnet werden können, sind dagegen die Bundesländer zuständig.

Hinzu kamen fehlende Gesetze in den Ländern und Kosten von bis zu 600 Euro für ein Verfahren, dessen Resultat unklar ist .

Den Handlungsbedarf sieht man insofern bei der Politik, die ihrerseits den Handlungsbedarf bei den Arbeitgebern sieht, die neben der reinen Erwerbstätigkeit auch Sprachkurse usw. anbieten müssten. Kern des Problems ist, dass niemand zusätzliches Geld ausgeben will um beispielsweise bei Sprachkursen oder Wohnungssuche zu helfen, sondern Deutschland per se attraktiv wird für ausländische Fachkräfte.

Dies zeugt von einer gewissen Arroganz sowohl bei der Politik als auch bei den Arbeitgebern und von einer Ignoranz gegenüber den Problemen, die sich hinsichtlich der oft verbreiteten Ansicht, Ausländer würden nur Probleme mit sich bringen und den Inländern nur die Arbeitsplätze wegnehmen, ergeben. Hinzu kommt eine Angst davor, dass die ausländischen Fachkräfte quasi Sicherheitsrisiken seien, anschaulich illustriert im Jahr 2008 durch eine Karrikatur in der FAZ.

Und auch die Lebensqualität in Deutschland ist für viele ausländische Kräfte nur schwer mit der gewohnten Lebensqualität zu vergleichen - gerade Menschen aus dem südländischen oder dem osteuropäischen Raum sehen Deutschland als hektisch, wenig spontan und unfreundlich an, es fehlt die Lässigkeit und Herzlichkeit.

Für die Politik, die die Zuwanderung als nicht wirklich notwendig ansieht, ist dies weniger problematisch als für die Arbeitgeber. Deutschland sei nicht "der quasi-natürliche Zielort für Zuwanderer aus Drittstaaten - die sprachlichen und kulturellen Barrieren zum Beispiel sind in anderen Ländern deutlich niedriger" stellt das Bundesarbeitsministerium fest und sieht dies allem Anschein nach als etwas, das wenig geändert werden sollte oder muss.

Statt Aktivität herrscht also letztendlich die Inaktivität und das Hoffen darauf, dass jeweils der andere für eine Veränderung sorgt. Egal ob nun auf ausländische Fachkräfte oder auf inländischen Fachkräfte gehofft wird, eine Veränderung des Status Quo ist dringend notwendig, wenn man sich ansieht, dass auch inländische Fachkräfte eher den Weg aus Deutschland heraus suchen.

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