Zwei Kugeln in Allendes Kopf

Neue Untersuchungen lassen Zweifel an der These aufkommen, der 1973 gestürzte Präsident Chiles habe sich selbst getötet

Wurde Chiles 1973 gestürzter Präsident Salvador Allende doch ermordet? Neue Untersuchungen lassen Zweifel an der These aufkommen, der sozialistische Politiker habe sich im Verlauf des Putsches im Präsidentenpalast La Moneda zunächst verschanzt und dann selbst getötet ( Der Putsch in Chile, Der erste 11. September).

Diese Version war nach dem Staatsstreich von den Putschisten unter Führung des späteren Diktators Augusto Pinochet verbreitet worden und hatte sich seither trotz Widersprüchen gehalten. Demnach soll sich Allende in einem Salon des Präsidentenpalastes mit einem aufgesetzten Schuss aus seinem Schnellfeuergewehr AK-47 - einem Geschenk Fidel Castros -- selbst getötet haben.

Nach nun veröffentlichen Erkenntnissen weist der Schädel Allendes jedoch zwei Einschusslöcher auf. Das erklärte der uruguayische Gerichtsmediziner Hugo Rodríguez am Montag im chilenischen Staatsfernsehen TVN. Rodríguez hatte die historischen Autopsieberichte des chilenischen Militärs ausgewertet und war auf die Angabe der beiden Kugeln gestoßen, die im Widerspruch zu den offiziellen Angaben steht. Parallel werden die Überreste Allendes derzeit von einem internationalen Expertenteam untersucht.

Angeordnet hatte die neue Exhumierung der chilenische Untersuchungsrichter Mario Carroza. Dem Juristen waren im Zuge von Untersuchungen des Allende-Todes Ungereimtheiten zwischen Berichten von Militär und Polizei aufgefallen. Carroza gab daraufhin die neuerliche Autopsie in Auftrag, die am 23. Mai angelaufen ist. Ob die Umstände des Todes von Allende fast 40 Jahre nach den blutigen Ereignissen restlos aufgeklärt werden, bleibt dennoch fraglich. Nach Angaben des Forensikers Rodríguez fehlt ein für die Beweisführung wichtiges Fragment des Schädelknochens. Das Beweisstück könnte bei der Umbettung der Leiche 1990 verloren gegangen sein.

Dessen ungeachtet hat die Untersuchung in Chile die Debatte um den Putsch und die Aufarbeitung der begangenen Verbrechen neu entfacht. Die kleine Linkspartei Partido Socialista Allendista, die aus dem linken Flügel der Sozialistischen Partei hervorgegangen ist, forderte juristische Konsequenzen, falls sich die These des Mordes erhärtet. Ein von der Gruppierung beauftragter Anwalt, Roberto Ávila, warf der rechtsgerichteten Regierung von Präsident Sebastián Piñera und der Armee mangelnde Kooperationsbereitschaft vor. Er habe bereits vor drei Monaten die Listen der Piloten beantragt, die am 11. September 1973 an den Bombenangriffen auf den Präsidentenpalast beteiligt waren, so Ávila. Bislang seien diese Angaben jedoch nicht ausgehändigt worden.

Unabhängig von dem Fall Allende wird die Aufarbeitung des blutigen Putsches Chile weiter beschäftigen. Untersuchungsrichter Carroza ermittelt im Zusammenhang mit dem Putsch in 730 weiteren Mordfällen.

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