iPad-Werbung statt Wissenschaft?

Drittmittelförderung und akademische Arbeiten

„Die Arbeit liest sich in weiten Teilen als Werbetext für die Firma Apple“, urteilt Professor Andrea Liesner, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Hamburg. „Die fachwissenschaftliche Literaturbasis ist extrem dünn“, ergänzt die Hochschullehrerin. Auch die forschungs-methodischen Überlegungen seien „schwach“.

Der Verriss richtet sich gegen eine Bachelor-Arbeit über Tablet-Computer im Schulunterricht, die 2011 an der staatlichen Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart den Segen der Prüfer fand. Die auf vielen Websites verlinkte Arbeit, verfasst im Studiengang Informationsdesign, dreht sich um den Tablet-Computer der Firma Apple. „Das iPad im Schuleinsatz“, lautet wenig neutral der Titel. „Ziel dieser Arbeit ist, das iPad Grundschullehrern näher zu bringen“, heißt es auf Seite 11. Was nun wirklich kein ergebnisoffener Ansatz ist. 27 der insgesamt 98 Seiten füllt die Autorin, indem sie Software von Apple für den Unterricht („Apps“) vorstellt – mit Preisangaben. Wie in einem Produktkatalog.

Phh, ist doch nur ’ne Bachelor-Arbeit? Oder ein Fall, an dem sich gewisse Entwicklungen im Hochschulbetrieb diskutieren lassen? Professor Andrea Liesner findet, dass besagtes Werk „den aktuellen Trend zur Gefährdung durch eine zu große Wirtschaftsnähe bestätigt.“ Schauen wir uns an, in welchem akademischen Umfeld die Arbeit das Licht der Welt erblickte. Als Erstprüfer der Arbeit trat Professor Frank Thissen auf. Ein E-Learning-Experte, der sich als iPad-Fan outet. Der Tablet-Computer des Apple-Konzerns sei „am weitesten entwickelt“ und „erste Wahl“, erklärt Thissen in einem Videofilm, der im Web zu sehen ist. Das sehen viele Nutzer genauso. Durchaus zu Recht. Doch wie neutral ist der Wissenschaftler Thissen? Fest steht: Thissens Hochschule pflegt vielfältige Verbindungen zu Apple. Der Deutschland-Ableger des US-Konzerns zählt zu den „Business Partnern“ der Uni. „Wir haben eine Apple University Lizenz, damit unsere Studenten kostenlos Apps entwickeln können“, räumt zudem die HdM ein. Wer hier studiert, erhält ferner einen Preisnachlass auf Apple-Produkte, meldet die Pressestelle der Medienhochschule. Professor Thissen selbst untersucht derzeit in Karlsruhe, wie Grundschüler auf iPads im Unterricht reagieren. Ein Projekt, „bei dem Apple Unterstützung geleistet hat“, erklärt die Pressestelle.

Okay, zu vielen Unis und FHs unterhalten Apple und andere Firmen Verbindungen, bieten Rabatte, fördern Projekte. Doch Fachleute warnen vor den Gefahren der Drittmittelförderung. „Wissenschaft muss ergebnisoffen und ungebunden sein“, fordert der Kölner Jura-Professor Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes. „Sie darf von nichts und niemandem in Dienst gestellt werden.“ Kempen sieht eine bedrohliche Entwicklung. 1995 kamen auf einen Euro staatliche Grundfinanzierung 50 Cent Drittmittel, rechnet der Professor vor. „2008 kamen auf den selben Euro schon 1 Euro 18 Cent Drittmittel.“ Die Drittmittelgeber freuten sich, so Kempen. „Denn sie können mindestens auf die Prioritätenliste der Forschung Einfluss nehmen“. Kommt zudem eine derart angesagte Marke wie Apple ins Spiel, gerät die wissenschaftliche Distanz offenbar schnell unter die Räder.

Und was sagen die Beteiligten? Die Stuttgarter Hochschule der Medien, an der 4.000 Frauen und Männer studieren, schreibt in einer Stellungnahme: Die Befürchtung, dass die Hochschule durch die Zusammenarbeit mit Apple Gefahr laufe, ihre Unabhängigkeit zu verlieren, sei „unbegründet“. „Verschiedene Projekte zum iPad-Einsatz an Grund- und weiterführenden Schulen“, erklärt die Uni-Pressestelle weiter, „laufen in enger Kooperation mit dem (baden-württembergischen) Ministerium für Kultus, Jugend und Sport.“ Und: “Auch die...erwähnte Bachelorarbeit...wurde vollkommen unabhängig vom Hersteller der iPads erstellt.“ Apple Deutschland erklärt, besagte Bachelor-Arbeit sei ihr nicht bekannt gewesen. Zur wissenschaftlichen Kritik an der Arbeit äußern sich weder Hochschule noch Professor Frank Thissen.

Anzeige