Flanieren in den Datennetzen

mobile Mensch

Noch in den 60er Jahren wurde versucht, den Flaneur aus dem Geist der Spontaneität und gegen die Konsumgesellschaft wieder zu beleben, um so die Öffentlichkeit der Städte wieder aus ihrer Öde zurückzuerobern. Vielleicht waren die 60er und frühen 70er Jahre, die Zeit der Kulturrevolte und der Studentenrevolution ein letzter Versuch, den urbanen öffentlichen Raum wieder zu beleben, ihn sich kollektiv anzueigenen, die Straße noch einmal durch Demonstrationen und Happenings aus der Hand der Individuen zu entreißen, die ihn nur noch als Ort des Transits wahrnehmen, den es möglichst schnell zu durcheilen gilt und den man, wenn möglich, sogar meidet, den nur noch jene besetzen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Eine kleine Gruppe, den Dadaisten, Futuristen oder Surrealisten nachfolgend und tyrannisch geführt von Guy Debord, entwickelte Konzepte für die Umwandlung der Stadt in einen Raum des Abenteuers durch die Konstruktion von Situationen. Die Situationisten, so nannten sie sich, waren gewissermaßen die revoltierenden Flaneurs, die aus der wachsenden Langeweile der Städte und der Kultur ausbrechen wollten.

Constant, ein holländischer Maler, der sich für eine gewisse Zeit der "Situationistischen Internationale"anschloß, entwarf beispielsweise das architektonische Gesamtkunstwerk "New Babylon", basierend auf dem "Wandertrieb" und dem "Kreationstrieb" - alles, die Menschen eingeschlossen, muß so sein, daß es sich in permanenter Veränderung und Fluktuation befindet, daß es den Bedürfnissen eines Flaneurs genügt. Weil, so die optimistische Prognose, die fortschreitende Automatisierung die Menschen arbeitslos macht, wird er zu einem Homo ludens, der, ständig in Bewegung, nach neuen Reizen sucht. "Das moderne Nomadentum, der Weekend- und Ferientourismus", so Constant, "ist ein deutliches Symptom für das Wiederaufleben des verdrängten Wandertriebs."

Die Architektur der neuen Stadt ist der Ausgangspunkt und das Material zur Konstruktion von kollektiven Situationen, die Basis für die "Erfindung als Lebensweise" in einer "globalen Praxis" - Architektur als Ereignis und als Happening auf dem Hintergrund einer "größtmöglichen Flukuation der Bevölkerung".

Die alten Städte sind tot, sie sind vor allem zu langweilig geworden und genügen den Erwartungen des Freizeitmenschen nicht mehr.

"Zwar besteht noch ein Rest von Möglichkeiten zum Abenteuer, dort, wo kärgliche Überbleibsel von Altstadt geblieben sind - in obskuren Kneipen, auf Flohmärkten, notfalls in Spielhallen und Eisdielen. Der Halbstarke ist der Prototyp jenes Massenmenschen, der nicht mehr voll beansprucht ist und der sich in der Umgebung der funktionellen Stadt langweilt."

Der vormediale spielerische Flaneur bewegt sich auf dem ganzen Erdball, um eine vielfältige technische Umwelt, einen gigantischen Freizeitpark an die Stelle der verschwindenden Natur und der öde gewordenen Städte zu setzen, die diese an "Abenteuerlichkeit und Entdeckungsreichtum" übertrifft. Absolute Künstlichkeit wird angestrebt. Gebautes ist nur ein Provisorium, das nicht auf einen (ästhetischen) Zuschauer, sondern auf den stets aktiven und kreativen Menschen, auf die "totale Beteiligung" ausgerichtet ist. Der Flaneur errichtet gewissermaßen interaktiv die Situationen, die er entdecken will und die ihn anregen.

Die Situationisten hatten ganz im Geist des totalen Flanierens das Konzept des "dérive" entwickelt. Man geht nicht mehr zielorientiert nach der rationalen Ordnung eines Le Corbusier, sondern ziellos wie ein Esel, so Corbusiers Gegenbild, durch mentale und urbane Räume. Es ging darum, mit den Gewohnheiten zu brechen, sich kurzfristig an Umgebungen auszusetzen und dann weiterzuziehen. Der Wechsel zwischen den Szenen, die subjektive Montage der Bilder wie im Film, war die angestrebte Technik und Verhaltensweise. Zerstörung der Gewohnheiten und Kontinuitäten ist die Grundbedingung der Kreativität.

Um das zu gewährleisten, müssen nicht nur die Menschen aus allen Bindungen befreit, auch die Architektur muß möglichst autonom werden, indem sie sich wie ein riesiges Gerüst über die Welt legt und sich so weit wie möglich von ihr abkoppelt, denn alles Leben soll künftig in ihr stattfinden, während die materielle Grundversorgung der mobilisierten und durch Maschinen von der Arbeit entlasteten Menschen durch riesige automatisierte Produktionszentren geschieht. Es gibt Wohnzellen, in die sich einzelne vorübergehend zurückziehen können. Sie werden eher als Hotelzimmer gedacht, denn der Bewohner von New Babylon ist an einer ständigen Wohnung nicht interessiert, er will an jedem Ort, an dem er sich gerade befindet, eine Unterkunft besitzen.

Größer sind die "Sektoren", die Spielräume. Unter New Babylon befinden sich, wenn man das noch braucht, Autos oder andere Transportmittel, man kann durch Leitern oder Aufzüge auch in die Landschaft - in die Landschaftsreste" - kommen, oben befinden sich die obligatorischen Flugzeug- und Sportplätze. Im Inneren ist alles künstlich beleuchtet und klimatisiert, alles ist ständig veränderbar, jeder Raum und jede Sphäre kann durch den Einsatz der Technik beliebig und schnell erzeugt, Behälter können in ihrer Größe und Form umgebaut, Licht, Geruch und Atmosphäre manipuliert werden.

"Der ludische Mensch richtet sich nicht nach deiner Umwelt, so wie sie sich ihm zufällig bietet; als Schöpfer seiner Umwelt sieht er sich unaufhörlich veranlaßt, diese Welt zu verändern und zu erneuern.".

Das gesamte Innere von New Babylon erscheint als abgeschlossenes Labyrinth, das man umherschweifend durchzieht. Trotz aller interaktiven Eingriffsmöglichkeiten wandert der einzelne permanent von einem Abenteuerraum zum anderen. Stabilität, Dauer und Unveränderbarkeit sind die Zeichen der Langeweile, einer nicht individuell manipulierbaren Ordnung. Interaktivität wird zum Versprechen der individuellen Freiheit, die sich lose und auf Zeit mit der der anderen verbindet. New Babylon ist der Raum für den ortlosen Menschen, eine Urbanität, die auf Telepolis vorweist, sich aber noch in den alten Materialien artikuliert.

"New Babylon ist eine offene Stadt, die sich frei nach allen Richtungen ausbreitet. Sie folgt den Spuren, die der Mensch bei seinen Wanderungen über die Erde hinterläßt. Die Bau-Einheit New Babylons ist der Sektor, ist das Glied einer langen Kette. Die Sektorenketten sind in sich wieder zu einem Netz verflochten, das sich über die Erdoberfläche legt. New Babylon ist nirgendwohin abgeschlossen, es kennt keine Grenzen und Barrieren - jeder Ort ist jederman zugänglich ... Jede schöpferische Initiative des einzelnen wird in New Babylon zu einem Eingriff in das kollektive Lebensambiente und provoziert deshalb die unmittelbare Gegenaktion der anderen."

Noch glaubt man die Gemeinschaftlichkeit der Menschen, selbst wenn sie nur in flüchtige Bindungen eintreten, soll der reale Raum dem virtuellen Raum entsprechen, sollen beide ebenso wie die privaten und öffentlichen Sphären möglichst verschmelzen. (Florian Rötzer)

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