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An Apple vorbei

Infotech
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(Bild: Technology Review)

Einige App-Entwickler umgehen die Beschränkungen des iPhones, indem sie dessen Betriebssystem umkonfigurieren. Was dabei genau passiert, können Nutzer nicht nachvollziehen.

Nicht jeder Smartphone-Nutzer hat eine Flatrate, die sämtliche Megabytes aus dem mobilen Internet abdeckt. Da wäre eine App nützlich, die den Datenstrom komprimiert und damit auch den monatlichen Rechnungsbetrag, dachte sich Eldar Tuvey. Doch schnell merkte er, dass die Aufgabe schwieriger ist, als nur eine entsprechende App zu programmieren und Apple einzureichen. Denn die Anwendung, Snappli [1], muss den Datenverkehr zunächst abfangen und ihn zur Analyse über externe Server umleiten.

Das funktioniert nur, wenn einige Einstellungen im iPhone-Betriebssystem verändert werden. Tuveys Lösung war ein so genanntes Konfigurationsprofil [2], dass der Nutzer auf seinem Gerät installieren muss. Das ist eine Software, in der Einstellungen zu drahtlosen Netzwerken, Mailservern oder Anwendungsschlüsseln abgelegt sind. IT-Abteilungen von Unternehmen verwalten über sie die Firmen-Smartphones der Mitarbeiter aus der Ferne. Erst das passende Konfigurationsprofil lässt Snappli den Datenstrom komprimieren.

Inzwischen nutzen auch andere Entwickler diesen Trick: Indem sie das Betriebssystem iOS umkonfigurieren, können ihre Apps mehr leisten, als von Apple vorgesehen. Und das tun sie nicht einmal heimlich. Der Computerkonzern hat zwei Anwendungen für den Verkauf im App Store freigegeben.

Auch wenn das iPhone-System in den USA nur noch einen Marktanteil von 34 Prozent hat – Marktführer ist Android mit 53 Prozent –, ist es bei Entwicklern nach wie vor beliebt. Apple wiederum will wohl die Entwicklergemeinde bei der Stange halten, indem es bei Apps mit eigenen Konfigurationsprofilen ein Auge zudrückt. Eine Stellungnahme zu dem Verfahren wollte das Unternehmen auf Anfrage jedoch nicht abgeben.

Einige Entwickler glauben, dass weitere Innovationen bei iPhone-Apps nur noch möglich sein werden, wenn man die Beschränkungen von iOS umgeht. Heikki Koivikko, Chefentwickler von Wajam [3], setzt für die gleichnamige App ebenfall auf eine Anpassung des Betriebssystems. Wajam ist ein Browser-Plugin, das Nutzern bei Websuchen anzeigt, welche Links ihre Freunde in verschiedenen sozialen Netzwerken mit anderen geteilt haben. Damit es im Safari-Browser funktioniert, muss ein Nutzer zunächst ein Konfigurationsprofil auf dem Gerät installieren.

Koivikko sähe es lieber, Wajam ohne diesen zusätzlichen Dreh anbieten zu können. Er fürchtet, dass Lösungen, die auf geänderte Konfigurationsprofile angewiesen sind, die Innovationsfreudigkeit auf Seiten der Entwickler bremsen könnte.

Und auch auf Seiten der Nutzer erweisen sie sich als Hindernis. Immerhin fünf Prozent aller Snappli-Downloads würden nicht abgeschlossen, weil die Nutzer das dazu gehörige Profil nicht installierten, sagt Eldar Tuvey. „Das ist kein Drama, aber doch unerfreulich.“

Auch Guy Rosen ist mit diesem Problem konfrontiert. Seine App Onavo [4], die sowohl für iOS als auch für Android erhältlich ist, komprimiert ebenfalls den Datenverkehr. Im Android-System muss immerhin kein Konfigurationsprofil installiert werden, sondern nur eine so genannte VPN-Verbindung. VPN steht für „virtual private network“. Diese Verbindung müssen Onavo-Nutzer allerdings selbst freischalten - und mit jedem zusätzlichen Installationsschritt gehen ein paar User verloren.

Konfigurationsprofile seien zwar in manchen Fällen sinnvoll, sagt Walter Luh, Gründer der Firma Corona Labs, die Software-Werkzeuge für die App-Entwicklung vertreibt. Doch müsse für den Nutzer nachvollziehbar sein, was er da installiert. Als Luh beispielsweise Onavo auf seinem iPhone aufspielte, sei dies nicht der Fall gewesen. „Das kann abschreckend wirken, weil man nicht weiß, was Onavo mit dem eigenen Gerät macht, wie es in dessen Einstellungen eingreift“, bemängelt Luh.

Je nachdem, welche Einstellungen das Konfigurationsprofil im Betriebssystem iOS ändert, kann es passieren, dass sich anschließend keine weitere App installieren lässt, die mit demselben Verfahren arbeitet. So kann man beispielsweise auf dem iPhone den Zugangspunkt zu einem mobilen Netz nur mit einem einzigen Profil neu bestimmen – ein Verfahren, mit dem Snappli, Onavo und Wajam arbeiten. Ein zweites Profil von einem anderen App-Anbieter bliebe nach Installation dieser Anwendungen wirkungslos. Einige Nutzer berichten zudem, dass aufgrund dieser Apps Sprachnachrichten verloren gehen.

Luh erwartet allerdings, dass Apps mit Konfigurationsprofilen eine Nische bleiben werden. Sie seien nur für diejenigen interessant, die den Funktionsumfang ihrer Smartphones erweitern wollen. „Die meisten Leute wollen doch nur Angry Birds runterladen“, so Luh.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-1737936

Links in diesem Artikel:
[1] http://snappli.com/
[2] http://developer.apple.com/library/ios/#featuredarticles/iPhoneConfigurationProfileRef/Introduction/Introduction.html
[3] http://www.wajam.com/
[4] http://www.onavo.com/